Gehört und Gesehen - Mark Kelly´s Marathon

30.11.2020Marathon

Marathon

Mark Kelly´s Marathon

earMusic/edel (2020, CD)

Nun hat von der doch recht berühmten Progressive Rockband Marillion auch deren Keyboarder Mark Kelly ein Solo-Projekt realisiert. Das Album „Mark Kelly´s Marathon“ wirkt jedoch vielmehr als das Ergebnis äußerst kreativer Arbeit seines Bandprojekts Marathon, in dem Kelly eher die Rolle des Keyboarders und künstlerischen Koordinators zu spielen scheint. Offensichtlich stark inspiriert von dem Verschwinden der Flugpionierin Amelia Earhart und ihres Navigators im Juli 1937 im Pazifischen Ozean und den von teils mysteriösen Thesen begleiteten jahrzehntelangen Nachforschungen, ist ein spannendes, anspruchsvolles Pop-Rock-Album mit einigen Progressive-Rock-Elementen entstanden.

Dieses künstlerische Werk - man darf es aufgrund der Gesamtästhetik so nennen - kann auch als absolutes Pro-Argument herhalten, sich Alben nicht nur digital, sondern vor allem in Form von physischen Tonträgern wie CDs oder Vinyl-Schallplatten zu widmen. Allein das Betrachten des Album-Covers und die Lektüre der zu den Stücken von Texter Guy Vickers verfassten Liner-Notes macht auf Hintergrundgeschichten neugierig und weckt den Entdeckergeist.

Der offensichtlich bei einem Flugzeugabsturz am 2. Juli 1937 ums Leben gekommenen Amelia Earthart ist der fast zehnminütige, in mehrere Parts unterteilte Album-Opener „Amelia“ gewidmet. Man findet im Progressive-Rock und auf Konzeptalben des Genres des Öfteren mysteriöse und ungeklärte Geschichten, die in Songs und Suiten erzählt und in einen musikalisch atmosphärischen Rahmen gesteckt werden.

Die Geschichte um Amelia Earthart, die bei ihrem Versuch, die Erde am Äquator zu umrunden im Pazifischen Ozean verschollen war, gefundene Hinweise und Spuren auf Gardner Island, einem unbewohnten Atoll der Phönixinseln, geben jede Menge Stoff und beflügeln die Fantasie.

Das Album bewegt sich zwischen musikalischer Leichtigkeit und Wärme mit zeitweise leicht melancholischen, dunklen Untertönen. Hervorzuheben beim Bandprojekt Marathon ist der Sänger Oliver M Smith, dessen Timbre sehr nah an dem von Peter Gabriel ist. In dessen legendären Real World Studios wiederum entstand dann das Musikvideo zum Stück „Amelia“. Bei diesem Song mögen sich in den Strophen manche ein klein wenig an Sting erinnert fühlen. Oliver M Smith zählt, ebenso wie Mark Kelly und dessen Neffe Conal Kelly, zu den Komponisten der Stücke.

Einen Mastermind als Produzenten gab es indes nicht. Er habe auch bewusst darauf verzichtet, Studio-oder Produzenten-Credits ins Album-Booklet zu nehmen erklärt Mark Kelly. Die Aufnahmen entstanden getrennt voneinander in der Lockdown-Zeit zwischen März und Juni 2020. Jeder der Musiker sei quasi sein eigener Recording-Engineer und Produzent gewesen. Ein besonderes Bonbon hält der Song „Puppets“ bereit. Dort steuert Marillion-Gitarrist Steve Rothery als Gastmusiker ein wunderschönes Gitarrensolo in seinem markanten Sound bei.

„Mark Kelly´s Marathon“ zu lauschen, kann besondere Gefühle und Assoziationen hervorrufen. Nimmt man noch einmal die CD im Digipack zur Hand und klappt dieses auf, eröffnet sich eine Strandlandschaft am Übergang von der Nacht zum frühen Morgen. Ein abgestürztes Flugzeug im Wasser, ein Sextant, eine Sanduhr, Knochen und eine Flasche gehören zu den auffälligen Gegenständen im Sand. Offensichtlich ist anhand von realen Spuren vom Verschwinden der Pilotin im Jahr 1937 der Strand von Grand Islands auf dem Cover-Bild nachempfunden worden.

Während die Band musikalisch ihre Flügel ausbreitet und mit Kraft und Leichtigkeit durch einige ihrer Songs schwebt, wähnt man sich an diesem Strand, die frische Morgenluft tief inhalierend und in die aufgehende Sonne blinzelnd. Ganz weit in der Ferne ragt eine Christusstatue, wie man sie aus Rio de Janeiro kennt, von einem Bergmassiv gen Himmel. Harmonie und Entspannung stellen sich ein. Vorerst. Denn ob sich die Wolken verziehen oder sich weiter verdichten werden, ist noch nicht ganz klar.

Ein ganzheitlich spannendes, ausgefeiltes Album, hinter dem hör-und sichtbar sehr viel Mühe und Liebe zum Detail steckt.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.marathonsounds.com
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