Gehört und Gesehen - Virus

10.08.2020Haken

Haken

Virus

Inside Out Music (2020, CD)

Die britische Band Haken zählte in den vergangenen Jahren zu den vielbeachteten, technisch hoch versierten Vertretern des modernen Metal und Progressive-Metal. Das ändert sich auch mit dem neuesten Werk „Virus“ nicht, das eine Verbindung zum Vorgänger-Album „Vector“ bilden soll. Ungeübte Ohren könnte „Virus“ ob seiner vielen rhythmischen Kapriolen und musikalischen Brüche durchaus überfordern. Erfahrene Hörer dagegen, die –salopp ausgedrückt – frickeliger Prog-Metal-Musik im Allgemeinen zugeneigt sind, finden hier sogar noch einige Überraschungen vor.

„Virus“ ist das mittlerweile sechste Album der 2007 in London gegründeten Band. Wo andere Bands schon mal leichte Abnutzungserscheinungen zeigen, agieren Haken auch auf der neuen Platte mit höchster Kreativität und Spielfreude, als wären sie gerade von der Leine gelassen worden.

Einerseits reizt die Band die rhythmischen Aspekte ihrer Musik in puncto Spieltechnik und Komplexität weiterhin nach oben hin aus, lässt eine mächtige Bass-Schlagzeug-Gitarren-Druckwelle nach der anderen auf den Hörer zurollen, anderseits sind da immer wieder die melodischen Parts, der Gesang von Ross Jennings, der die Wogen glättet, bevor Härte und Druck überhand nehmen.

Haken scheinen sich auf diesem Album noch mehr zuzutrauen als auf den Vorgängern. Vor allem das über zehnminütige „Carousel“ ist eine rasend wilde Fahrt mit abrupten Unterbrechungen. Mit diesem künstlerisch ideenreichen Ansatz ist die Band frisch und selbstbewusst jenseits von Grenzen unterwegs.

Wenn man Bands wie Dream Theater im Progressive-Metal verortet, dann gehen Haken noch ein bisschen weiter, kitzeln noch mehr extreme Riffs und Rhythmik aus den Songs, springen dann völlig unvermittelt auf eine wattig-weiche Pop-Wolke, bis es wieder ganz tief runter geht, in die dunkle, harte Brandung, die unvermittelt auf mächtige Felsformationen trifft und diese im Laufe der Zeit aushöhlt. Keyboards kommen dabei eher dezent zum Einsatz. Der Gitarrendruck und die Rhythmusgruppe dominieren die Klangerfahrung. Das alles fühlt sich dann zeitweise eher wie eine Form von „Art-Metal“ an.

Angenehm verrückt, kreativ und konsequent. Zeitweise so atemberaubend wie eine Sturmböe die einen einsamen Spaziergänger auf einem Deich bei Stärke zehn bis elf mitten im Gesicht erwischt.

„Virus“ ist ein Album, das seinen Moment braucht. Es kann super-anstrengend sein, überfordern oder sich zu einem Hochgenuss entwickeln, dessen Ende nach oben hin nicht absehbar ist.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.hakenmusic.com
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite