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Gehört und Gesehen - Live In Carthage

24.04.2020Myrath

Myrath

Live In Carthage

earMusic/edel (2020, CD + DVD)

Konzerte an besonderen historischen Städten haben etwas Magisches. Pink Floyd spielten in den frühen Siebzigern in Pompeji, Jahre später kehrte deren Gitarrist David Gilmour mit einer Solo-Show dorthin zurück. Die tunesische Metal-Band Myrath nahm die Gelegenheit war, im altehrwürdigen Amphitheater von Karthago vor 7000 Fans aufzutreten und sich damit vor und in großer Kulisse künstlerisch voll zu entfalten. Von diesem Konzert liegt nun eine Live-DVD/CD-Veröffentlichung vor, die sich von anderen Live-Mitschnitten aus dem Rock-und Metalbereich in einigen Dingen deutlich unterscheidet und das positiv.

Was die Band Myrath besonders auszeichnet, ist ihre musikalische Mischung, ein kultureller Brückenschlag zwischen orientalischer Folklore, Pop und Metal mit progressivem Einschlag, wie er aus der westlichen Welt vertraut ist. Ein energiegeladener und in Teilen komplex und virtuos gespielter Crossover mit Raum für extravagante Rhythmen und Soli ohne, dass dabei der Rahmen eines schlüssigen, oft eingängigen Songs aus den Augen verloren wird.

Myrath selbst nennen ihren Stil „Blazing Desert Metal“, mit ihrem 2019 veröffentlichten Studioalbum „Shehili“ konnten sie auch in Europa positiv auf sich aufmerksam machen. In diesem Frühjahr sollten Myrath nach einer Stipvisite im vergangenen Herbst eine eigene Headline-Club-Tour in Europa spielen, die wegen der aufkommenden Corona-Pandemie im März abgebrochen werden musste.

Bleibt also für Fans und Neugierige aktuell diese Live-CD/DVD, auch wenn hier sicher mehr, respektive ein anderes Spektakel geboten wird, als dies in geschlossenen 500er-Clubs in Deutschland im nasskalten März möglich gewesen wäre. Im Amphitheater in Karthago hatten Myrath unter freiem Himmel eine große Bühne mit Video-Leinwand und orientalischer Kulisse zur Verfügung. Vor dieser Bühne feierten 7000 begeisterte Fans in historischer Kulisse. Eine solche Umgebung ist ideal für die Musik der Band und entsprechend eindrucksvoll wird dieses Konzert via CD und DVD ins heimische Wohnzimmer transportiert. Neben den Musikern selbst treten zeitweilig Tänzer, Fahnenschwenker und Perkussionisten auf. Myrath in Karthago ist kein einfaches Konzert, es entpuppt sich als besonderes Ereignis.

Die Band um den agilen und stimmlich herausragenden Sänger und Frontmann Zaher Zorgati, der seine Ansagen im Wechsel in arabischer, französischer und englischer Sprache in die Menge schickt, spielt aus einem Guss und versprüht haufenweise Gute Laune und Sympathie. Der Sound ist transparent und hat ordentlich Druck.

Die Videoaufzeichnung, die Kameraführung und der Schnitt sind vergleichsweise zu anderen Live-Mitschnitten nicht kühl-perfektionistisch kalkuliert. Man ist hier nicht bei einer Open-Air-Großproduktion westlicher Machart die mit einem Höllenaufwand industrielle High-Tech-Stadion-Atmosphäre vermittelt.

Die Bildqualität ist okay und ansprechend, die Schnitte temporeich, aber das alles ist nicht super-perfekt. Setzt ein markantes, feuriges Gitarrensolo ein, bleibt die Kamera zunächst noch viele Sekunden auf einer Tänzerin und es gibt auch mal einen weiten Schwenk durch ein zu diesem Zeitpunkt im Dunkeln stehendes Publikum. Blinder? House-Lights? Kamen zu einem anderen Zeitpunkt zum Einsatz. Professionelle Absperrungen zwischen Publikum, Video-Produktion und Bühne waren auch nur teilweise vorhanden. Wo keine Gitter verfügbar waren, platzierten sich ein paar Ordner zwischen Fans und Bühne. Aber nicht einheitlich uniformiert in Arbeitskleidung, sondern „einfach so“. Es soll auch das erste Rock/Metal-Konzert gewesen sein, dass in diesem Amphitheater stattfand.

Ungeheuer sympathisch, dass die Show, die Aufzeichnung noch viel Bodenständigkeit und Rock´n´Roll-Charme besitzt. Transportiert wird im Ergebnis viel ein für alle Beteiligten bestimmt unvergesslicher Konzertabend voller Enthusiasmus und Warmherzigkeit.

Die DVD beinhaltet noch einige Songs mehr als die CD. Die wiederum kommt mit einem Bonus-Track gleich zu Beginn, was zunächst irritiert, wenn man eine Live-CD in den Player legt. Aber Track 1 ist eine besondere Studioversion des Songs „Believer“ ist, in diesem Fall mit Deep-Purple-Keyboarder Don Airey als speziellem Gast. Dieser gibt dem Myrath-Song noch einige Farbtupfer und ein feines Orgel-Solo. Dann geht es aber ab Track 2 mit dem Konzert los.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.myrath.com

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Myrath - Shehili (2019)
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