Gehört und Gesehen - Die 100 besten Ost-Songs

03.12.2019Diverse/Sampler

Diverse/Sampler

Die 100 besten Ost-Songs

Amiga/Sony Music Entertainment (2019, CD, LP, digital)

Am 14. Juli dieses Jahr hatte der, in Brandenburg und Berlin ansässige, Sender Radioeins eine besondere Ranking-Show für seine Zuhörer bereitgestellt. An jenem Tag konnten sie „Die 100 besten Ostsongs“, so der offizielle Titel, hören. Mehr als sechs Stunden lang liefen Songs von den Puhdys, Silly, Karat aber auch eher unbekannteren Künstlern wie Die anderen oder Sandow über den Äther. Ausgewählt wurden diese Titel aus der ehemaligen DDR von einer Jury, bestehend aus verschiedenen Vertretern aus Ost und West. Insgesamt 115 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus Musik, Funk und Presse stellten schließlich eine Liste mit den hundert Songs zusammen, die jetzt als 6CD-Box mit 64-Seiten langem Booklet veröffentlicht wurde.

Da die hundert Songs nach den Plätzen sortiert sind, die sie während der Radiosendung bekamen, startet die erste CD wenig überraschend mit dem Song „Am Fenster“ von der Rockband City. Der Titel aus dem Jahr 1977 war damals auch in der BRD ein Hit und konnte später sogar in Griechenland eine goldene Schallplatte bekommen. Unter den ersten Songs befinden sich logischerweise viele Titel und Künstler, die auch über die damaligen Landesgrenzen bekannt waren, wie zum Beispiel Karat, Silly, Puhdys, Nina Hagen und so weiter.

Das wirklich Interessante sind aber die Bands und Künstler, die zumindest für einen im Westen aufgewachsenen Menschen wie mich, total unbekannt sind. Gerade sie zeigen eindrucksvoll die gesamte Bandbreite der Musikszene der damaligen DDR. Mit dem Song „Nie zuvor“ von Electra gibt es Schlager der 80er Jahre, die Sputniks präsentieren mit ihrem „Gitarren-Twist“ instrumentalen Surf-Rock a la Dick Dale und AG Geige erinnern „Fischleim“ stark an die Neue Deutsche Welle. Zusätzlich bringt Holger Biege mit seinen 1979 entstandenen Song „Cola-Wodka“ die Disco-Musik auf das Tableau.

Um die ganze Vielfalt der Musik noch einmal deutlich zu machen muss man eigentlich nur die beiden Titel „Unsere Heimat“ und „Born In The GDR“ gegenüberstellen. Der erste Titel wurde 1971 vom Zentralen Pionierchor Edgar André aufgenommen, der zweite Titel stammt aus dem Jahr 1988 und ist von der Punkband Sandow.

Und auch die Themen, die bedient werden sind sehr vielfältig. Besonders der Song „Reichtum der Welt“ von Holger Biege fällt textlich sofort auf. Dort geht es um ein Thema, das heutzutage wieder besonders in den Fokus gerückt wurde und zwar der Umweltschutz. Obwohl das Lied schon 1979 veröffentlich wurde, ist es aktueller denn je. So ist seine Kernfrage die er sich stellt: „Gibt es den Reichtum der Welt morgen noch oder ist vieles davon schon hin?“

Generell gibt es viele eher nachdenkliche Texte. Ein Beispiel ist der Song „Kinder (sind so kleine Hände)“ von Bettina Wegner der sich mit Kindesmissbrauch beschäftigt. Andere Themen sind unter anderem Sehnsucht („Guten Tag“ von Veronika Fischer), Abschied („Als ich fortging“ von Karussell) oder Orientierungslosigkeit („Trauriges Lied vom sonst immer lachenden Flugzeug“ von Gerhard Gundermann). Aber es gibt natürlich auch fröhliche Texte die ins komödiantische gehen, wie zum Beispiel „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen oder „FKK“ von Juckreiz.

Insgesamt ist die CD-Box ein gelungener Einblick in die vielfältige Musikszene der damaligen DDR. Wenn man sich mit ihr beschäftigt, kann man, gerade als Person, die vorher nur wenige Berührungspunkte mit dieser Musik hatte, viel lernen und natürlich auch Spaß daran haben. Für diejenigen, die sich gezielt mit der Musik aus dem Osten beschäftigen wollen können diese 100 Songs ein guter Ausgangspunkt sein.

Zwei kleine Kritikpunkte kann man aber dennoch hervorheben. Leider hat man es aus lizenzrechtlichen Gründen nicht geschafft hat die Lieder von Wolfgang Biermann auf die CD zu pressen, wo die Macher der Box allerdings nur bedingt etwas hätten ändern können.

Der zweite kleine Kritikpunkt ist das 64-Seiten lange Booklet, in dem die Jurymitglieder erklären warum sie den Titel ausgewählt haben und was sie mit ihm verbinden. Dies scheint auch interessant zu sein, doch gerade als Person, die nicht viel oder überhaupt nichts von der DDR miterlebt hat, wäre es schöner gewesen noch mehr über die Künstlerinnen, die Künstler, die Bands und deren Songs zu erfahren. So wäre es interessant gewesen, wie der Song beim damaligen Publikum ankam, ob es im Text versteckte Botschaften oder Kritik gab, die man heute vielleicht gar nicht mehr versteht oder schlicht ob der Song oder die Band überhaupt öffentlich zu hören war oder sich eher im Untergrund bewegte.


Stephan Meßmann
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.amiga-schallplatten.de
www.sonymusic.de

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