Gehört und Gesehen - Helm ab zum Gebet

23.05.2019Fortuna Ehrenfeld

Fortuna Ehrenfeld

Helm ab zum Gebet

Grand Hotel van Cleef (2019, CD)

„Was ist nur aus den Punks geworden? Alle machen Webdesign.“ Diese und andere Weisheiten liefert Martin Bechler mit seiner Indie-Pop Kapelle Fortuna Ehrenfeld auf ihrem mittlerweile dritten Studioalbum „Helm ab zum Gebet“. Lyrisches Feingefühl kombiniert mit Drumcomputer, Piano und Gitarren in verschiedenster Form. Das ganze gewürzt mit einer Prise Mittelfinger, die nebenbei sehr gefühlvoll untergemischt wurde.

Das durchaus kurzweilige Neuwerk des Liedermachers aus Köln-Ehrenfeld möchte nicht nur gefallen. Es möchte hinterfragt und erlebt werden. Manche Arrangements sind so raffiniert wie weird. So wirkt unter anderem das Remake des NDW Klassikers „Das ist Punk, das raffste nie“ verstörend und unterhaltsam zugleich.

Seichte Piano-Stücke wechseln sich mit alten analogen Drumcomputern, Synthesizern und Gitarrenfetzen ab. Immer mit dem Augenmerk auf den textlichen Inhalt. Dieser ist gewohnt poetisch und lyrisch anspruchsvoll umgesetzt. Martin möchte seine Songs so einfach wie möglich stricken, um dem Text darüber so viel Freiraum wie nötig geben zu können. Als einfach sind seine Stücke zwar nicht zu beschreiben, aber sie geben den kunstvoll gestalteten Texten ein Bett in dem sie sich kuschelig hin und her wälzen können.

Immer mit einer gewissen Antihaltung versehen, beweist das Trio, dass Punk nicht immer „in your Face“ getragen werden muss, sondern zu großen Teilen einfach im Kopf stattfindet. Gleichwohl bietet „Helm ab zum Gebet“ aber auch wundervolle Balladen die einen dahinschmelzen lassen. Martins Stimme wohnt genau der richtige Anteil Rotz und Gefühl inne und hat etwas absolut Eigenes. Ganz besonders, wenn sie mit der von Jenny Thiele zusammentrifft.

Reisegruppe Seltsam auf dem Weg ins Paradies. Unterstützt wird der studierte Musikwissenschaftler von Paul Weißert am Schlagzeug und Jenny Thiele an Keyboard, Synthesizer und bisweilen auch am Micro. Bei „Die Umarmung der Magneten“ hat der Kölner mit Enno Bunger nicht nur einen Gastsänger dabei, sondern wie er selbst sagt, einen musikalischen Seelenverwandten.

„Wer das hier liest ist doof, aber wer das hier schreibt halt auch.“ Schön. Man möchte sich hinsetzen und das von Rene Tinner liebevoll produzierte Album bedächtig von vorne bis hinten durchhören. Dieses Album hallt nach. Sowohl im Kopf als auch im Herzen.


Heiko Mohr
(8 / 10 Pkt.)

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