Gehört und Gesehen - Ego Politur

28.04.2018Ego Super

Ego Super

Ego Politur

quadratisch rekords (2018, CD)

Eine Band und ein Album, die sehr konservative, an feste Stile gewöhnte und orientierte Musikhörer aufrütteln könnten. Das Psycho-Rap-Rock-Trio Ego Super, deren Mitglieder unter den Pseudonymen Ich, Es und Über-Ich ihre Kunst an die Öffentlichkeit bringen, hat sein Debütalbum „Ego Politur“ veröffentlicht. Zehn Tracks mit sanften und knalligen Beats, Elektronik, Effekten und von Hand gespielten Instrumenten wie Gitarre, Bass und Schlagzeug. Rap und Gesang mit zuweilen schrägen, ironischen Texten. Die drei Wahl-Hannoveraner, alle studierte Psychologen, präsentieren eine der vielleicht individuellsten, mutigsten und spaßigsten Platten der pop-musikalischen Subkultur in diesem Jahr.

Auf dem Front-Cover ihres Albums gibt die Band unter dem Titel „Ego Politur“ gleich einen Warnhinweis zum Inhalt an: „10 ml Antiegokomplexikum. Kann Spuren von Größenwahn und Narzismus enthalten.“ Die Songs tragen Titel wie „Geilah Stylah“, „Das Wagnis“, „Frühlingsgefühle“, „Geräteschuppen“, „Amputation“ oder „Reste“ und alle Songs sind für Musikkritiker und andere, vor allem analytisch ausgerichtete Hörer sicher gut geeignet, sich im Verlauf einer sehr detaillierten Auseinandersetzung mit den Inhalten und der Musik zu verzetteln.

Stark vereinfacht ausgedrückt, haben drei äußerst versierte und inspirierte Musiker auf eine Art und Weise Songs geschrieben, arrangiert und aufgenommen, wie man es landläufig in dieser Form bisher kaum kannte. Da sind Elemente aus hartem Alternative-und Progressive-Rock die mit elektronischer Musik und Rap zusammengeführt werden, Sounds aus der Konserve verbinden sich mit einem analogen Instrumentarium aus Schlagzeug, Bass und Gitarre. Der eine oder andere mag zusätzlich New Wave- und Indie-Punk Spuren entdecken, aber wohl alle werden attestieren, das Ego Super ordentlich drücken und grooven.

Textlich dreht sich einiges um Trends, Stilfragen, Stimmungen und spezielle Charaktere, deren exaltierte Außendarstellung, Selbstverständnis und Verhalten in urbaner Umgebung, in der Modernität und Selbstinszenierung eine wichtige Rolle spielen. In lässiger, bissig-ironischer Manier halten Ego Super den Spiegel in die Runde und schauen auch mal selbst hinein, als Individuen einer Gesellschaft, die sich und ihren Platz noch suchen, glauben, ihn schon gefunden zu haben oder bereits über so ziemlich allen Dingen stehen.

Ego Super wollen mit ihrer Musik allem Anschein niemandem aufdringlich gefallen. Die Band gibt sich selbstbewusst und verfolgt sehr konsequent ihre Linie, ihr eigenes Ding zu machen, zu tun, was Spaß macht und in absoluter künstlerischer Freiheit der eigenen Kreativität in vielen Facetten ihren Lauf zu lassen. Das Ergebnis ist ein Album, das als Beispiel für völlige künstlerische Eigenständigkeit genommen werden kann und das nicht klingen will wie Vorbild XY oder wie die Produktion Z.

„Ego Politur“ bringt eigentlich genau das aufs Tablett, was sich viele, allen voran Medien und Vertreter aus dem Musikbusiness in der Pop-Kultur wünschen und immer wieder fordern: Forsche Künstler, die sich was trauen, das Gegenteil von Anpassung und auch das Gegenteil von Wiederholungen. Die Platte und auch die Band haben durchaus ein starkes Polarisierungspotenzial und das ist gut so.

Es dürften einige nur schwer oder keinen Zugang finden, werden sich an Texten und der Musik eher reiben und das Ganze einfach gar nicht cool finden, bei anderen wird es mit Sicherheit genau andersherum sein. Die werden „Ego Politur“ als Erfrischung für Ohren und Geist empfinden, grinsen, grooven und Spaß haben.

Ein „Irgendwo dazwischen“ scheint kaum möglich. „So ganz okay“ dürfte niemand die Platte finden. Entweder sie zündet, kickt und reißt mit oder man steigt schnell wieder aus.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
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