Gehört und Gesehen - Dr.Oktopus

26.02.2016Matthew Graye

Matthew Graye

Dr.Oktopus

That Sunday Recording (2016, CD)

Ein neuer Streich der achtköpfigen aus Hildesheim und Hannover stammenden Band Matthew Graye, die mit ihrer Mixtur aus Rock, Ska, Pop, Reggae und Party-Spaß kräftig zur Sache geht und dabei die Energie auf Tonträger gebannt hat, die sie bei ihren in letzter Zeit immer erfolgreicheren Live-Auftritten auf die Bühne bringt. Tanzen, Feiern, Mitsingen könnte der zweite Titel des Albums sein. Doch nicht für jeden scheint hier alles und jederzeit bekömmlich.

Der vielarmige Krake war in einem früheren Leben womöglich ein hyperaktives Kind, das versucht, sich beim spielerischen Freizeitvergnügen noch schneller zu drehen, als der soeben bis zum Anschlag aufgezogene Brummkreisel.

Matthew Graye gehen auf ihrem neuen Album gehörig zur Sache, drücken mächtig aufs Tempo. Stillsitzen ist ohnehin unmöglich und Herumstehen eigentlich auch nicht, sofern man nicht unter dem Einfluss von hochdosierten Beruhigungsmitteln steht. Es sind starke, treibende und mitunter hochmelodiöse Songs, die die Band hier anbietet, so melodiös, dass sich der Titeltrack, zugleich Opener des Werkes, als unverschämt mächtiger Ohrwurm entpuppt, der einen –schon nach dem ersten Hören- noch tagelang begleiten kann.

Kraftvoller Gesang mit Songtexten, die durchaus ein wenig gen Die-Ärzte-Style schielen, kernige Bläserattacken, Synthesizer mit leichtem 80er-NDW-Appeal, und ein rockiges Fundament aus Gitarre, Bass und Schlagzeug: Matthew Graye bieten sehr großzügig an, die komplette Band ist fast immer voll aufgedreht dabei und spielt, als gäbe es kein Morgen. Das kann man Vollbedienung oder höchste Motivation nennen. Eingeschworene Fans dürften ihren uneingeschränkten Spaß haben.

Den Humor, der sich in den Songtexten offenbart, muss sich nicht jedem erschließen. Muss man nicht mögen, kann man aber. Es geht hier augenscheinlich um Unterhaltung, Spaß mit Augenzwinkern und letztlich um die große Party mit Freundinnen, Freunden, Gleichgesinnten oder mit denen, die das alles vielleicht noch werden wollen. Matthew Graye unterbreiten ein opulentes, wuchtiges Angebot und fallen ohne Anmeldung, Klopfen oder Klingeln direkt mit Tor und Tür ins Haus. Das bekommen auch die Nachbarn mit.

Sensible Musikhörer könnten sich von einigen Arrangements und weiten Teilen der Produktion des Albums aufgeschreckt fühlen, wie etwa der Rezensent, dem beides oft unbekömmlich dickflüssig und schwer auf die Ohren schlägt. Die Band und ihr Produktionsteam scheinen sich den alten Spruch „Viel hilft viel“ auf die Fahne geschrieben zu haben.

Da entstehen Situationen, in denen es sehr turbulent und klanglich durchaus schwierig wird. Dann, wenn sich breit verzerrte Gitarre, ebenso breiter Synthie-Streicher-Teppich, Bläsersatz, die Rhythmusgruppe und der Gesang alle zur gleichen Zeit eine Art wuseliges Party-Battle liefern, anstatt vereinzelt herunterzufahren und der ganzen Sache hier und da mal etwas Raum und Luft zum Atmen lassen.

Es wirkt ähnlich, wie mit einer großen Portion Currywurst/Pommes, ein wenig schärfer angerichtet: Während dem einen die Soße auf der Wurst und ein wenig zusätzliches Gewürz auf den Pommes Frites ausreichen, brauchen andere zum vollendeten Genuss noch zusätzlich einen kräftigen Schuss aus der Ketchup-Flasche und einen riesigen Löffel aus dem Mayonnaise-Glas. Flatsch! Es ist wie es bleibt: Eine Sache des persönlichen Geschmacks.


Andreas Haug
(6 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.matthewgraye.com

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