Gehört und Gesehen - Holon:Hiberno

12.02.2010The Hirsch Effekt

The Hirsch Effekt

Holon:Hiberno

Midsummer Rec./Cargo (2010, CD)

Bitte anschnallen, gut festhalten und nicht aus dem Fenster lehnen. Es wird gefährlich. Die hannoversche Art-Core-Band The Hirsch Effekt hat nach ihrer Überraschungs-E.P. nun ihren ersten Lonplayer fertig gestellt.

Und auf diesem Album geht die Band so unkonventionell und kompromisslos zur Sache, dass es fast schon ein wenig unheimlich ist. Es ist Extremsport, was Nils Wittrock, Philipp Wende und Ilja Lappin mit ihren Instrumenten und elektronischen Effekten treiben. Ein kreatives Freestyle Inferno mit Fragmenten aus Metal, Indie, Noise, Progressive, Fusion, Punk und manchmal sogar auch Pop.

Selten zuvor hat man, vor allem aus Hannover, eine so avantgardistisch agierende Truppe gehört, die sich auf „Holon:Hiberno“ gehörig gegen den Strich gebürstet präsentiert. Man mag das künstlerisch genial finden, vielleicht ist das auch Musik von einem anderen Stern, es ist in jedem Fall Musik ohne feste Regeln, handwerklich filigran in Szene gesetzt. Sollte es je ein Mensch wagen, sich mit oder ohne Bungee-Seil aus einem tieffliegenden Tornado Jet bei mehrfacher Schallgeschwindkeit zu stürzen, dann könnte die Musik von The Hirsch Effekt zumindest den Geist des Todesmutigen weiterleben lassen.

Extrem-Hörer können mit „Holon:Hiberno“ in einen wahren Glücksrausch geraten, andere müssten da wohl eher schmerzliche Migränephantasien durchstehen. Das, was die drei Musiker von The Hirsch Effekt auf dieser CD vollführen grenzt an experimentelle Onanie, Ergebnis immer offen. Textlich beschreitet die Band ebenso eigenwillige, wie steinige Wege, die eher nicht die schöngefärbten Begleiter für den 08/15 Musikkonsumenten sind. „(…) Auf dass wir uns endlich in ein neues Unglück stürzen! Und wir uns grad so lang freuen bis das am Ende auch nur so weh tut wie jetzt. Grad so wie heute.“, heißt es beispielsweise in „Hiberno“. Ob da wohl professionelle psychologische Unterstützung gefragt ist? In „Nex“ werden erweiterte Primärbedürfnisse thematisiert die einem lauten Schrei nach grenzenloser Schein-Abhängigkeit gleichkommen: „(…)Endlich keine Zeit mehr haben, endlich keine Zeit mehr haben, außer zum Schlafen & Fressen & Scheißen und Gut-Aussehen.“

Es kann gut sein, dass The Hirsch Effekt Hannovers buntestes Aushängeschild als die schrägste und härteste Band Deutschlands werden können, das Album ist eine einzige Herausforderung, der man sich nicht unbedingt stellen muss. Für Feiglinge ist das sowieso nichts, denn selbst der hartgesottenste Progressive-Fusion-Irgendwas-Fan muss früher oder später das Handtuch werfen. Der ahnungslose Hörer ist von vornherein chancenlos. Da gibt es nur einen Sieger: The Hirsch Effekt. Durch K.O. in der ersten Runde.


Andreas Haug
(5 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.myspace.com/thehirscheffekt

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