Gehört und Gesehen - Sylt

24.04.2008Kettcar

Kettcar

Sylt

Grand Hotel van Cleef (2008)

Kettcar haben in den vergangenen Jahren eine beispiellose Karriere hingelegt. Aus dem Untergrund direkt in die Tagesthemen, in denen sie bereits bei Erscheinen des zweiten Albums erwähnt wurden. Bei so einem Erfolg stellt sich natürlich immer die Gretchenfrage: Ist das jetzt der Ausverkauf? Oder können sie einfach nichts dafür? Wollen sie, um Jan Delay zu zitieren, dass so viele Menschen ihre Lieder singen? Fakt ist, dass sie mittlerweile von der Musik leben können, aber noch lange keine Millionäre sind.

Eine weitere Frage ist, welchen Weg die Hamburger Band mit ihrem dritten Album „Sylt“ einschlägt. Düsterer sollte es sein, mal wieder politischer, die Romantik habe man auf dem zweiten Album ausgereizt, war in verschiedenen Interviews zu lesen. Und ja, es stimmt, Kettcar tauchen wieder ganz tief ab, in die Ängste der meisten von uns. Marcus Wiebusch ist immer noch einer von den Außenseitern, mit einem sensiblen Gespür für die Vorgänge in der Gesellschaft. Sonst könnte er nicht diese Texte singen. Selbstzerfleischende Reflexion lässt grüßen, zum Beispiel in Zeilen wie: „Ich bin einer von ihnen, das macht weiter nichts, man muss es nur wissen“, aus dem Song „Graceland“.

Ein anderes textliches Highlight ist der Song „Am Tisch“, den er mit Niels Frevert zusammen singt. Dort geht es um ein Essen mit alten Freunden, mit denen man zusammen zur Schule gegangen ist, vielleicht zusammen studiert hat, auf jeden Fall aber demonstriert hat. Doch jetzt ist man plötzlich der einzige in der Gruppe, der noch so etwas wie entfernte Abscheu gegenüber dieser Gesellschaft fühlt. Nur leider ist das für einen Mitte 30-Jährigen absolut nicht mehr angesagt. Und man weiß, dass diese vermeintlich ewige Freundschaft bald enden wird, denn man ist der einzige, der kein Geld verdient und stattdessen Mitleid bekommt.

Dann ist da noch der Song „Würde“, in dem ein ebenfalls Mitte 30-Jähriger zurück zu seinen Eltern geht. Weil er keine Wahl mehr hat. Weil das Geld aus ist und die Freunde auch. „Euer Junge kommt nach Hause heute, gebrochen, fertig, durch.“
Auch das Gefühl für guten Pop ist der Band nicht verloren gegangen. Düster, groovend, einfach, aber nie langweilig. Drei Produzenten waren an der Produktion beteiligt. Das schafft eine Zerrissenheit, die dem Album aber nicht schadet. So ist auf Kettcar nach wie vor Verlass: Alle zwei bis drei Jahre veröffentlichen sie ein Album, dass erklärt, wie und warum man sich gerade so fühlt. Sylt ist musikalisch im guten Durchschnitt und textlich einmal wieder ganz weit oben.

www.kettcar.net


Tobias Lehmann
()

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Kettcar - „Ich vs. Wir“ (2017)
Kettcar - Zwischen den Runden (2012)
Kettcar - Von Spatzen und Dächern, ... (2005)
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite