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Fährmannsfest-Geschäftsführer Peter Holik im Rockszene.de Interview

Der Wunsch, magische Events zu erschaffen

Fährmannsfest-Geschäftsführer Peter Holik im Gespräch

30.07.2013, Von: Andreas Haug, Foto: Hanna Rühaak

Das Fährmannsfest feiert in diesem Jahr vom 2.-4.August sein 30-jähriges Jubiläum. Seit 1994 ist Peter Holik als Organisator, Koordinator und seit zwei Jahren auch als Geschäftsführer des Fährmannsfest e.V. einer der maßgeblichen Macher von Hannovers größtem Open-Air-Festival mit alternativem Flair. Wenige Tage vor dem Festival trafen wir Peter Holik zu einem Gespräch über das Fährmannsfest früher und heute, über Höhe-und Tiefpunkte, Entwicklungen, Ziele und seine persönliche Motivation, sich bei kulturellen Ereignissen mit regionalem Charakter zu engagieren.

Rockszene.de:
Peter, wenige Tage vor dem 30.Fährmannsfest, wie geht es dir und wie ist der Stand der Dinge?

Peter Holik:
Lampenfieber in Langerweile (schmuzelt). Unser Orga-Team zu dem rund zehn bis15 Leute gehören hat gut gearbeitet, alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, wir warten, dass es losgeht.

Was hast du noch in den letzten Tagen vor dem Fest zu tun?

Da gibt es noch ein bisschen was zu koordinieren, Unterlagen der Teams aufbereiten, Personallisten schreiben und somit sicherstellen, dass alle die jeweiligen Informationen haben, damit sie vor Ort arbeiten können. Dann werde ich noch einmal die Nachbarschaft informieren...

Gutes Stichwort, wie ist denn das Verhältnis zur Nachbarschaft, zu den unmittelbaren Anwohnern, gibt es Beschwerden in Richtung wie etwa Lärmbelästigung während der drei Tage?

Nein, da gibt es überhaupt keine Probleme oder gar Beschwerden. Viele unserer Nachbarn sind dabei, feiern mit oder sind an der Organisation und Durchführung in irgendeiner Form unmittelbar beteiligt.

Das Fährmannsfest feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum. Soweit ich weiß, hat alles einmal klein angefangen, im Jahr 1983. Inzwischen gilt das Fährmannsfest als größtes Open-Air-Festival mit alternativem Charakter in der Region Hannover. Wie hat sich das alles im Laufe der Jahre entwickelt?

Ganz am Anfang, 1983, hatten Holger Fahrtmann, und Rolf Wulff und auch Dete Kuhlmann (bekanntes hannoversches Rock-Urgestein d. Red.) war seinerzeit dabei, die Idee, einen Jazz-Frühschoppen am Sonntagvormittag um 11.00 Uhr zu veranstalten, ein paar Bands, darunter auch lokale Rockbands, sollten im Grünen spielen, das alles bei freiem Eintritt. Rund 200 Besucher waren dabei und in den Folgejahren dümpelte das alles so Hin und Her. 1989 fand das Festival erstmals als „Rock gegen Rechts“-Veranstaltung statt.

Einige Bands aus dem Umfeld der UJZ Glocksee, wie unter anderem Fury In The Slaughterhouse, die dort damals probten, hatten Holger Fahrtmann gefragt, ob man so etwas auf die Beine stellen könnte. In jenem Jahr hatte das Fährmannsfest unter dem Motto „Rock gegen Rechts“ 5000 Besucher und war ein echtes Rock-Festival. Später wurde das Festival auf zwei Tage ausgedehnt, bis sich die Gruppe der Organisatoren in den Jahren 1993/94 zerstritten hatte. Das Fährmannsfest stand kurz vor dem Aus.

1994 kam ich dann hinzu und habe mich bereit erklärt, die Organisation für ein Jahr zu machen, damit es mit dem Fährmannsfest weitergehen konnte. Zu diesem Zeitpunkt ist das Motto „Bunt gegen Braun“ entstanden, als Ergebnis eines Plakatwettbewerbs. 1994 haben wir dann auch den Fährmannsfest-Verein gegründet um der Sache eine gewisse Organisationsstruktur zu geben. Ich hatte damals meine Erfahrungen als Kulturmanager des Musiktheaters BAD mit einbringen können.„Bunt gegen Braun“ steht übrigens heute immer noch über dem Fährmannsfest und aus dem einen Jahr wurden für mich bis jetzt 19.

Was waren für dich Höhe-und Tiefpunkte des Fährmannsfestes seit du 1994 an den Start gegangen bist?

Ein absoluter Tiefpunkt waren gleich im Folgejahr die Chaostage 1995, als im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Punks und Polizei in der Nordstadt schließlich auch das Fährmannsfest gestürmt und regelrecht auseinandergenommen wurde. Das Fest musste daraufhin abgebrochen werden. In den kommenden Jahren war es schwierig, das Image eines „Chaostagefestivals“ loszuwerden. Das hat sehr lange gedauert.

Höhepunkte waren für mich, die großen und wichtigen Schritte in Richtung Weiterentwicklung des Fährmannsfestes. Ein sehr wichtiger Aspekt dabei war der Aufbau des Kinder-und Kulturfestes inklusive der Kulturbühne auf der Faustwiese, also auf der gegenüber liegenden Ihme-Seite. Das Fährmannsfest zeichnet seitdem aus, eine Mischung aus Stadtteilfest und Musikfestival zu sein, was eine sehr hohe Akzeptanz hat, vor allem auch in der Nachbarschaft. Es herrscht einfach eine gute und friedliche Atmosphäre.

Dann wurde aber aus dem ursprünglich kleinen Fest mit lokalen Szenebands und freiem Eintritt ein größeres Festival mit größeren, überregional, zuweilen international bekannten Bands. Das Gelände wurde eingezäunt und es wurde dann auf einmal Eintritt genommen. Wie kam es dazu?

Im Jahr 2001 hatten wir erstmals einen kleinen Betrag -ich glaube es waren damals 5 Mark- als Eintritt zum Gelände der Musikbühne auf der Seite der Calenberger Neustadt genommen. Die Einnahmen aus der Gastronomie reichten nicht aus um die Kosten, die eine solche Veranstaltung verursacht, zu decken. Da haben wir uns überlegt, dass, wenn wir jetzt Eintritt nehmen, auch eine Qualitätssteigerung auf der Musikbühne erfolgen muss, also luden wir teilweise überregional bekannte Headliner ein. Wir hatten in dieser Phase Bands wie etwa die Beatsteaks, als diese noch nicht so groß waren wie heute, Extrabreit oder Letzte Instanz als Headliner auf dem Fährmannsfest.

Schon bald mehrten sich aber auch kritische Stimmen, die behaupteten,dass das Fährmannfest zunehmend kommerziell werden würde, einige beschwerten sich über die Absperrungen und darüber, dass keine Getränke mehr -so wie früher- mit auf das Gelände gebracht werden dürfen. Auch heute noch gibt es solche Stimmen. Was sagst du diesen Kritikern?

Wir sind ein kommerzielles Festival. Kommerziell ist etwas, sobald man für Leistungen etwas bezahlen muss. Kommerziell im Zusammenhang mit dem Fährmannsfest, heißt aber nicht gewinnorientiert. Die Kosten, nicht zuletzt auch für Bands, Bühne und Logistik sind in den letzten Jahren stark gestiegen, viele der rund 200 Menschen die rund um das Fährmannsfest arbeiten, tun das ehrenamtlich oder gegen kleine Aufwandsentschädigungen. Wir haben auch Profis dabei, die aber non-profit-orientiert arbeiten.

Inzwischen nehmen wir 10 Euro Eintritt, allerdings nur am Freitag und am Samstag auf der Seite der Musikbühne. Dort ist am Sonntag der Eintritt kostenlos und der Eintritt zum Kinder-und Kulturfest an allen drei Tagen sowieso. Wir präsentieren aber teilweise Bands auf der Bühne zu deren Konzerten -würde man sie einzeln im Club veranstalten- man den doppelten bis dreifachen Eintrittspreis bezahlen müsste. Unser Preis-/Leistungsverhältnis sehen wir als außergewöhnlich gut an. Wir müssen eben Kosten decken und haben dabei ein großes Risiko. Spielt das Wetter nicht mit und die Leute kommen nicht so zahlreich wie erwartet, wird es unter Umständen sehr schwierig.

Vor fünf Jahren, im Jahr 2008 zum 25-jährigen Jubiläum, gab es den nächsten großen Schritt...

Genau, das war eine weitere Zäsur. Wir hatten erstmals mit Hilfe von Sponsoren unser Programmheft auflegen können, außerdem konnten wir eine viel breitere Basis in der Kulturszene Hannovers schaffen. Wir haben neben einer großen musikalischen, überhaupt kulturellen, Bandbreite ein Publikum quer durch alle Generationen, eine große Generationenmischung und das wollen wir beibehalten. Das Fährmannsfest ist kein Spartenfestival für bestimmte Alters-oder Zielgruppen. Wir hatten in der jüngeren Vergangenheit in puncto Headliner so unterschiedliche Bands wie Ten Years After, Tito & Tarantula, La Vela Puerca, Panteón Rococó, Schandmaul, Die Happy, Monsters Of Liedermaching, Ohrbooten, Turbostaat oder Mono & Nikitaman.

Das Fährmannsfest war in den letzten Jahren eigentlich immer sehr gut besucht und die Seite mit der Musikbühne, wo pro Tag rund 4000-5000 Besucher Platz finden, letztlich oft ausverkauft. Die Stimmung war meist großartig, besonders ausgelassen gefeiert wurde jüngst am eintrittsfreien Sonntag. Immer attraktiver und qualitativ hochwertiger wird von Mal zu Mal das Programm auf der Kulturbühne auf der Faustwiese. Das finde ich besonders schön und bemerkenswert.

Und die Zäune, sprich weiträumigen Absperrungen des Geländes auch um die Faustwiese und Justus-Garten-Brücke, sind auch notwendig?

Ja, das hat zum einen sicherheitsrelevante Gründe, dass keine Flaschen oder Fahrräder mit auf das Gelände gebracht werden dürfen zum anderen geht es auch um den Wohlfühlfaktor für die Besucher innerhalb des Geländes. Linden hat ja bekanntermaßen viele Kioske, die auch gern aufgesucht werden. Es ist aber einfach nicht schön, wenn am Ende das Gelände mit tausenden von Flaschen zugemüllt ist oder etwa die ganze Justus-Garten-Brücke mit Fahrrädern zugestellt ist.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist dabei, dass wir ein ökologisches Open-Air sind. Wir arbeiten eng mit dem Grünflächenamt zusammen und müssen das Gelände, das ja als Naherholungsgebiet von den Menschen genutzt wird, sehr pfleglich behandeln. Wir werden da auch sehr kritisch beäugt und haben viel Geld investiert, Leitungen für Strom und Wasser zu verlegen und das Gelände nach dem Fest zu reinigen.

Du bist als Kulturmanager und Organisator mit deiner Firma Linden Outdoor neben dem Fährmannsfest an vielen weiteren Festen und Projekten maßgeblich beteiligt. Was machst du genau und wie bist du dazu gekommen, Veranstaltungen zu organisieren. Was reizt dich daran? Bist du selbst Musiker?

In Bezug auf die Kunst bin ich Genießer. Ich bin kein Spezialist für bestimmte Formen von Musik oder Kultur im Allgemeinen. Meine ersten Veranstaltungen haben ich in den Jahren zwischen 1982 und 1985 im Musiktheater BAD organisiert. Neben dem Fährmannsfest engagiere ich mich für Feste wie sie jährlich auf der Deisterstraße oder der Limmerstraße in Linden stattfinden. Dabei habe ich ein besonderes Interesse an lokaler Kultur. Als Kulturproduzent ist es meine Vision, dass aus einer Veranstaltung ein kulturelles Ereignis wird, im Idealfall ein magisches Event.

Meine Aufgabe dabei ist es, für alle Beteiligten, seien es Künstler, Thekenkräfte, Logistiker oder Helfer und ganz besonders natürlich das Publikum, die Bedingungen zu schaffen, dass ein magisches Event gelingt, das ist der Reiz. Ich möchte eine Vielzahl von unterschiedlichen Menschen zusammenbringen, so wie beim Fährmannsfest, wo wir nur als Team kreativ sind.

Kann man bei so viel und so vielfältiger Dauerorganisation auch mal abschalten?

Ich habe sehr viel Muße, da habe ich mich selbst organisiert. Abzuschalten ist schwierig, an das Fährmannsfest muss ich praktisch jeden Tag denken, aber dort haben wir ein sehr gutes Team, darunter auch Profis die auf -da wiederhole ich mich- auf Low-Budget-Level arbeiten, dafür aber hohe Qualität liefern, das bedeutet für mich eine große Entlastung. Ich koordiniere praktisch die Tätigkeiten. Das macht mir aber alles auch sehr viel Spaß, weil man mit verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeitet, die sich aber letztlich alle mehr oder weniger gut kennen, ob in der Technik, Logistik, Gastronomie, Programm-oder Mediengruppe.

Wo siehst du das Fährmannsfest in etwa fünf oder zehn Jahren. wo geht die Reise hin?

Ich glaube, wir stehen vielleicht an einem Wendepunkt. Wir sind was die Zuschauerkapazität und die Fläche des Geländes angeht, am Limit angekommen. Wir wollen nicht größer werden, nicht expandieren, sondern die inhaltliche Qualität weiterführen. Bei stetig steigenden Kosten für unter anderem Bands und Technik müssen wir in Zukunft viel Phantasie entwickeln, wie wir das umsetzen können. Sehr zufrieden bin ich mit der Entwicklung des Kulturprogramms oder mit dem Projekt Inklusion auf dem Fährmannsfest, hier hat es Qualitätssprünge gegeben, was das Fest insgesamt angeht.

Warum sollte man aus deiner Sicht beim 30.Fährmannsfest dabei sein und worauf freust du dich besonders?

Das Fährmannsfest ist ein Muss für die regionale Rock´n´Roll Szene. Ich vergleiche das ein bisschen mit einem Schützenfest, wo in kleineren Städten auch alle hingehen. Das Fährmannsfest ist für mich so etwas wie das Schützenfest des bunten Volkes, da muss man hinkommen. Es gibt die wunderschönen Parkanlagen, da ist der Fluss, man kann gemütlich im Biergarten sitzen oder auf der Wiese liegen. Das ist eine einmalige Szenerie.

Musikalisch freue ich mich ganz besonders auf den Auftritt der SpVgg Linden-Nord. Die bieten eine außergewöhnliche Performance, die für mich unterstreicht, wie vielfältig das Fährmannsfest ist. Von vielen Leuten habe ich auch schon gehört, dass Sondaschule eine besondere Show spielen. Ich freue mich auf drei hoffentlich besonders schöne Tage.

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