10.07.2012

Drei Low-Price Einsteiger-Funkmikrofone im Live-Test

Sennheiser XS-System, Line6 XD-V35 und Thomann The T-Bone TWS 16 HT

von Michelle Schiller (Fotos: Hersteller - Pressefreigabe)

- Viele Bands mit Frontgesang haben immer das gleiche Problem: Der Sänger gibt auf der Bühne Vollgas und springt über die Bretter, doch dank Kabelmikrofon ist er gehandicapt; schon fast wie gebändigt, so dass er auf der Bühne nicht so frei agieren kann, wie er gerne möchte. Und bestimmt ist es schon jedem anderen Instrumental-Musiker passiert, dass er mit dem Sänger dank seines Mikrofonkabels in grofle Schwierigkeiten auf der Bühne gekommen ist und sich alles verheddert hat.

So haben kabelgebundene Mikrofone zwar den entscheidenden Vorteil, dass der Klang konstant gut ist oder keinen Batterien die Luft ausgehen kann. Mitten im Gig ist so etwas natürlich nicht professionell. Viele Sänger schrecken aber auch vor den hohen Anschaffungskosten zurück, wenn es um ein hochwertiges Funkmikrofon geht! Doch dass es durchaus anders gehen kann, soll dieser kleine Test von ausgewählten günstigen Mikrofonen mit so genanntem Handsender zeigen.Betrieben werden alle Mikrofonempfänger des Tests mit einem externen Netzteil, um die Kompaktheit der einzelnen Einheiten zu gewährleisten.

Die Mikrofon-Preisspanne
Für den Test haben wir uns drei Modelle unterschiedlicher Preis-Kategorien von 120,00 Ä bis max. 400,00 Ä besorgt und auf Herz und Nieren geprüft. Denn es muss nicht immer gleich eine teure Lösung sein und auch günstige Einstiegsmodelle liefern tolle Ergebnisse!

Thema: Digitale Dividende (Funk-Frequenzen)
Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Klärung, ob diese Systeme denn auch nach der DIGITALEN DIVIDENDE (http://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Dividende) noch ohne Einschränkungen nutzbar sind.

Als im Jahr 2010 die Bundesregierung begann, die Sende-Frequenzen der Mikrofone und Funktechnik für das neue Internet-Programm LTE zu versteigern, war die Aufregung bei den Herstellern und auch Nutzern wie TV-Sendern, Theater oder Opern sowie Radiostationen enorm grofl. Die Bunderegierung hatte über deren Köpfe einfach die damals weit verbreiteten Frequenzen an die Mobilfunkanbieter versteigert und ohne Rücksicht auf Verluste die Abschaltung/Verbietung der Nutzung der Frequenzen ab dem 01.01.2015 untersagt. Nur mit Sondergenehmigung sind ab dann temporär die alten Frequenzen nutzbar, was allerdings Gebühren und Störungen durch den LTE-Funkverkehr mit sich bringen könnte. Lediglich eine kleine Lücke ab 863 Mhz steht ab dem Zeitpunkt der Umstellung zur Verfügung.

Das so genannte E-Band unterstützt genau diesen analogen Frequenzbereich, so dass man auf jeden Fall bei einer Neuanschaffung auf dieses Band achten sollte. Doch es gibt auch wenige Anbieter von Mikrofonen, die den Sprung bereits auf die Digitale Plattform geschafft haben. Viele Benutzer befürchten allerdings, dass bei Überschreitung der Reichweite der digitalen Übertragung plump das Signal komplett verloren geht. Ob das der Fall ist und wie sich die Anbieter diesem Vorurteil stellen, zeigt der folgende Bericht.

Das T-BONE TWS 16 HT
Als erstes nehmen wir das THE T-BONE TWS 16 HT unter die Lupe. Dieses Einsteigermodell ist bereits für schlanke 111,00 Ä im Internet-Musikhaus Thomann (www.thomann.de) zu beziehen und kommt in einer kleinen Karton-Verpackung daher. Der Lieferumfang besteht aus dem eigentlichen Hand-Mikrofon, dem Empfänger, einem passendem Netzteil und einem Line-Kabel für den direkten Anschluss an ein Mischpult. Die Antennen sind mit dem Kunststoff-Gehäuse des Empfänger-Moduls auf der Rückseite fest verbunden und nicht abschraubbar. Leider ist dadurch eine Montage in einem 19"-Rack nicht ohne Probleme möglich, obwohl Rackohren hierfür extra im Lieferumfang enthalten sind. Oder man wählt ein besonders kurzes Rack bzw. baut das Gerät verkehrt in die Halterung ein, was aber einen erheblichen Komfort-Verlust mit sich trägt. Der Handsender (Mikrofon) sieht erstaunlicher Weise fast baugleich wie das Sennheiser-Modell aus, sogar das Batterie-Fach im Hand-Teil ist absolut identisch aufgebaut. Auch die Farbe ist sehr ähnlich, obwohl das Sennheiser doch etwas blauer lackiert ist.

Neben dem Batterie-Fach im Handteil des Mikrofons befindet sich auch der manuelle Kanal-Schalter. Hier stehen dem User satte 16 Kanäle per Mini-Regler (Schraubenzieher) zur Auswahl. Diese Kanäle dienen dem Parallel-Betrieb von mehreren Funkmikrofonen und sind mit festen Frequenzen belegt. Diese Frequenzen fangen bei 863 Mhz an und stellen daher auch keine Gefahr für die digitale Dividende da. Das Mikrofon lässt sich mit einem kleinen roten Knopf auf der schwarzen Antennen-Verkleidung am unteren Ende des Griffes einschalten. Eine kleine Leuchtdiode signalisiert die Betriebsbereitschaft. Nachdem man am Mikrofon und am Empfänger den gleichen Kanal eingestellt hat, kann es auch schon mit dem Soundtest los gehen.

Der Pegel lässt sich mittels eines leichtgängigen Reglers auf der Front problemlos auf die Lautstärke des Sängers einstellen und geht äuflerst einfach von der Hand. Auch wenn man schon zwei Akkus oder Batterien des Typ1,5V AA eingelegt hat, so wirkt das Mikrofon nicht schwer oder kopflastig und liegt sehr angenehm in der Hand. Leider vermisse ich beim Mikrofon oder auch bei dem 9,5" Empfänger ein Display zum Ablesen der Informationen oder Kanalwahl, so dass schnell ein Blindflug stattfindet.Das im Lieferumfang befindliche Netzteil wies während des gesamten Tests einen hohen Piep-Ton auf, der meiner Meinung nach deutlich störend ist.

Das Sennheiser XS-Wireless E-65
Der nächste Kandidat ist das produktionsfrische Sennheiser XS WIRELESS E-65 mit einer Mikrofon-Kapsel des Sennheiser in Anlehnung der teureren Evolution-Serie und einem Anschaffungspreis von ca. 350,00 Ä (www.sennheiser.de). Wie schon beschrieben ist das fast identische Gehäuse für das Mikrofon verbaut worden. Wie uns Thomann mitgeteilt hat, hat Sennheiser ein Gehäusemodell für die XS-Serie gewählt, welches im asiatischen Bereich firmen-unabhängig designt wurde und entsprechend der Spezifikationen des Endproduktes angepasst werden kann. Entsprechend hat jeder Mikrofon-Hersteller die Möglichkeit, dieses optisch hochwertige Bauteil zu nutzen und den Bedürfnissen für das gewünschte Mikrofon anzupassen. So wie im Falle des Thomann-Modells, welches nach Aussage der Thomann-Produktabteilung bereits seit Ende 2010 Verwendung findet.

Sennheiser hat sich dieses Gehäuse ebenfalls für die XS-Serie zu Nutzen gemacht die Elektronik auf ihre Bedürfnisse angepasst. Das Herzstück - nämlich die Mikrofon-Kapsel an sich - wird wie alle anderen Sennheiser-Mikrofone in Groflburgwedel vor den Toren Hannovers hergestellt und weist eine hochwertige Verarbeitung sowie umfangreiche Qualitätskontrolle nach engen Maflstäben aus

. Doch der erste Augenschein eines identischen Mikrofons zur deutlich günstigeren Thomann-Variante trügt, denn Sennheiser hat wie schon bei der deutlich teureren Evolution-Serie ein kleines Display sowie eine Funk-Sync-Automation integriert. Ebenso ist die Kapsel-Einheit des XS merklich schwerer, als das günstige Thomann-Modell.Die Basis-Station ist ebenso hochwertig mit einem gut ablesbaren und beleuchteten Display ausgestattet, wo die komfortable und umfangreiche Menüführung bestens dargestellt wird. Auch das Gehäuse wurde aus roadtauglichem Metall gefertigt. Auflerdem wurden die beiden Antennen abnehmbar konstruiert, was man sonst nur von den teureren G3-Serien her kennt. Dadurch ist mittels optionaler Antennen-Kupplung das Herausführen der Antennen auf die Vorderseite des Racks möglich und bietet entsprechend mehr Komfort sowie Professionalität.

Das Anwählen der Kanäle ist sehr simpel gehalten, da durch Betätigen des SYNC-Buttons auf der Basis-Station und des Mikrofons die beiden Geräte automatisch gepaart werden. Lästiges Aufschrauben entfällt vollkommen. Wie schon beim Thomann-Gerät wird auch das Sennheiser-Mikrofon mit zwei 1,5Volt-AA-Batterien mit ausreichend Strom für zirka 6-8 Stunden Dauereinsatz gespeist.

Das LINE6 XD-V35
Der letzte Kandidat dieses Tests ist das brandaktuelle XD-V35 des Gitarren-Modelling-Spezialisten Line6 (www.line6.de) und ist für einen Kampfpreis von ca. 230,00 Ä zu erwerben. Dieses Gerät ist auflerdem das einzige komplett digital arbeitende System im Test. Geliefert wird die neue Serie in einem kleinen Kunststoff-Koffer, in dem das Mikrofon und die kompakten Basisstation nebst sämtlichem Zubehör wie Netzteil und Line-Kabel sicher geschützt Platz finden.

Das Mikrofon ist deutlich länger designed, als die anderen beiden Mikrofone und besitzt eine eigene entwickelte Mikrofon-Kapsel von Line6. Der Sound der Kapsel wird in Anlehnung des bekannten SHURE SM58 beschrieben. Der Handheld selber wirkt sehr stabil und hochwertig. Das XD-V35 bietet insgesamt 6 feste Kanäle auf denen entsprechend 6 Systeme parallel benutzt werden können. Die Reichweite ist mit ca. 90 m auf offenem Gelände ausreichend für jede gröflere Bühne, wenn die Basis-Station in unmittelbarer Nähe des Monitor-Mischers steht. Auf gröfleren Festivals mit Distanzen von über 90 m zum FOH (Front of House-Mischer) sollte die gröflere Variante XD-V75 gewählt werden, da hier eine Reichweite von satten 100m angegeben wird.

Dank der digitalen und verschlüsselten Übertragungstechnik im 2.4 GHz-Bereich auf insgesamt vier Daten-Wegen je Kanal sollte ein abrupter Verlust des Signales des Sängers und ungewolltes Mitschneiden von Dritten als sehr unwahrscheinlich sein. Auch braucht man sich keine Gedanken bezülich Nutzungsgebühren laut der Digitalen Dividende zu machen, da dieser Frequenzbereich weltweit (!) lizenzfrei nutzbar ist.

Die Bedienung ist narrensicher, da auf der Basis-Station mittels gerastertem Regler der Kanal eingestellt wird und auf dem Mikrofon neben dem Anschalter ein weiterer kleiner versenkter Knopf verbaut wurde, der kinderleicht den Kanal anwählt. Optisch wird dies durch eine kleine blaue Lichterkette oberhalb der Schalter angezeigt.

Die Basis-Station ist nicht für ein Rackeinbau, sondern als reines Tischgerät konzipiert. Auch hier sind die beiden Antennen auf der Rückseite fest montiert. Dafür lassen sich mehrere Basis-Stationen rutschsicher übereinander stapeln und bilden immer eine optische Einheit.

Die Klangunterschiede
Für unseren Performance-Test habe ich die Mikrofone an ein hochwertiges Yamaha-Mischpult mit musikalisch klingenden EQ`s und Pre-Amps und einer LD-System D.A.V.E Aktivanlage angeschlossen. Um auch die Ausgangslautstärke der Geräte vergleichen zu können, wurden alle Pre-Amps des Mischpultes identisch eingestellt. Damit man den besten Ausgangs-Pegel für sämtliche Geräte hat, sollte man ein XLR-Kabel verwenden, da die Line-Signale erheblich leiser sind und entsprechend alles weiter aufgerissen werden muss.

Ganz deutlich war der Unterschied der beiden Marken-Geräte im Gegensatz zu dem Thomann-Produkt. Das TWS-16 HT hat von Haus aus einen sehr mitten- und basslastigen Sound, der im ersten Moment sehr muffig klingt. Irgendwo muss ja auch der Preis her kommen, oder? Doch das Interessante war, dass Dank der guten EQ¥s im Yamaha-Mischpult, mit geschultem Ohr, durchaus ein sehr akzeptabler Sound "nachgeregelt" werden konnte. So mussten die Höhen und Mitten stark angehoben werden, um auch nur ansatzweise eine gleichwertige Verständlichkeit im Gegensatz zu dem Sennheiser oder Line6 erreichen zu können. Dabei kommt es ganz klar auf die Qualität des Mischpultes an, welches genügend "Headroom" zum Nachregeln haben sollte.

Sennheiser spielt weltweit in der obersten Liga für Funkmikrofone und liefert einen bei vielen Live-Mischern und Musikern anerkannten und professionellen Sound. Dass man einen guten Sound für schmales Geld bekommen kann, zeigt das vorliegende Modell. Beim Sennheiser XS geht in der neutralen Position aller EQ-Regler regelrecht die Sonne auf. Sofort war die Stimme warm und absolut durchsetzungsfähig für jede Musikrichtung. Auch die Verständlichkeit der Silben und leichte Reduktion der Zisch-Laute (S-Laute) suchen seines Gleichen.

Auch der Ausgangspegel lag ein wenig über dem des Thomann-Modells. Alleine durch die komfortable Bedienung und der semi-professionellen Ausführung des Gesamt-Systems macht es absolut bühnentauglich. Auch der höhere Anschaffungspreis ist hier durchaus gerechtfertigt, da man quasi die Tochter des teureren G3-Systems erhält; mit fast allen Features der Premium-Klasse wie Komfort und optisch wie auch technischen Details.

Kommen wir nun zum Direktvergleich des digitalen Line6-Systems zum analogen Sennheiser- und Thomann-Produkt. Erst einmal möchte ich im Vorfeld sagen, dass das XD-V35 über eine Latenz (interner Zeitversatz des Signals bis zur Ausgabe an den Mixer) von unhörbaren 3,5 ms liegt. Die analogen Geräte Sennheiser XSW und T-Bone TWS16-HT haben 0 ms Latenz, da hier keine digitale Konvertierung durchgeführt wird.

Das Line6 klingt fast wie ein allseits beliebtes Shure SM58, vielleicht einen Tick offener, was für meinen Geschmack sehr positiv zu bewerten ist. Auch beim XD-V35 muss nichts nachgeregelt werden, da die Mikrofon-Kapsel einen tollen Klang von Haus aus mit sich bringt. Die Systemstabilität ist ebenso sicher wie die analogen und absolut stage-tauglich. Der Klang zum Sennheiser ist fast nicht wahr zu nehmen, doch im Gegensatz zum T-Bone doch sehr erheblich. Die einfache Bedienung und das kompakte Konzept macht dieses System nicht nur für Bühnen- und Proberaum-Musiker interessant, sondern auch DJs. Auch Interessenten für Installationen und Anwendungen wie Vorträge und Konferenzen sollten sich das budgetfreundliche XD-V35 mal genauer ansehen.

Fazit
Ist man auf der Suche nach einem kostengünstigen System, so kann man das T-Bone durchaus empfehlen, denn es bietet eine zukunftssichere Frequenz-Technologie zu einem Kampfpreis. Vorausgesetzt man kann ein hochwertigeres Mischpult sein Eigen nennen.

Wenn man absolut sicher gehen will, was den Sound angeht und den K(r)ampf der Frequenzen komplett aus dem Wege gehen möchte, so ist im Preis-Leistungsverhältnis klar das Line6 eine sichere Alternative. Hier muss man nur Abstriche in der Bedienung machen und die Limitierung von lediglich 6 Systemen gleichzeitig in Kauf nehmen.

Um allerdings eine gewisse Professionalität umzusetzen, kommt man eigentlich nicht an dem Sennheiser XSW vorbei, da es alles bietet was das Musiker-Herz begehrt. Der Sound dürfte jedem ambitionierten Mischer der Welt aus dem FF bekannt sein. Allein dadurch lässt sich stressfrei und problemlos ein tollerLive-Mix realisieren.

Links mit weiteren Informationen und technischen Details:

T-Bone TWS16-HAT
http://www.thomann.de/de/the_tbone_tws16ht_863mhz.htm

Sennheiser XSW-65 E
http://de-de.sennheiser.com/xsw-65

Line6 XD-V35
http://de.line6.com/xd-v35/overview nach oben | zurück