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"Als Musiker musst du etwas zu erzählen haben", meint Stavros Ioannou.

„Musik ist für die Seele unbezahlbar“

Wir sprachen mit Stavros Ioannou

12.10.2019, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

In einem sonnendurchfluteten Hinterhof nahe des Maschsees führt eine Eisentür zur Bandix Voice Academy. Dort fährt ein Saugroboter über die Teppichböden und die Kaffemaschine schnurrt vor sich hin. Von einem schmalen Flur gehen Proberäume ab, bevor er in einem großen Raum mit Mischpult endet. Dort sitzt Stavros Ioannou zurückgelehnt und erzählt von den Höhen und Tiefen seines musikalischen Schaffens. „Ich bin völlig aus der Musik ausgestiegen; habe auf dem Bau gejobbt und fand irgendwann wieder den Weg zurück zur Musik", so Ioannou, der schon als Komponist und Produzent für Künstler wie Mousse T., Zucchero, Michael Bublé oder Bryan Adams tätig war. Wir sprachen ausgiebig mit dem gebürtigen Griechen über diese Zeiten.

Rockszene.de: Wie bist du zum ersten Mal mit Musik in Kontakt gekommen?

Stavros Ioannou: Das ist relativ einfach: Einer meiner Mitschüler hatte einen älteren Bruder, der eine Gitarre besaß und Musik gemacht hat. Wir sind dann also abends nach der Schule zu ihm gegangen und dort habe ich zum ersten Mal Künstler und Bands wie Elvis Presley, AC/DC oder Iron Maiden gehört. Man muss dazu sagen, dass ich ein griechisches Abitur hier in Deutschland gemacht habe und die Schule somit erst am Abend zu Ende war (lacht). Wir haben dort also zusammen gesessen, die Bahn nach Hause verpasst und erste Akkorde ausprobiert. Es war schräg! Meine Eltern waren von dem Ganzen allerdings weniger begeistert. Also habe ich erst mal im Haus der Jugend eine Gitarre ausgeliehen und in den dortigen Räumen geprobt. Die Sozialarbeiter haben sich glaube ich auch sehr gefreut, dass sich mal jemand für die Instrumente statt für Fußball oder Graffitis interessiert hat (lacht).

Haben dich die Bands aus deinen musikalischen Anfängen bis heute geprägt?

Ich würde nicht behaupten, dass mein Stil dadurch geprägt wurde. Vielleicht hört man es mal in einem Riff heraus und es ist sicherlich etwas aus dieser Zeit hängen geblieben, aber ich habe mich selbst entwickelt. In meiner ersten Band habe ich beispielsweise alle Riffs und Melodien selbst geschrieben und bin dadurch tonal sehr sicher geworden. Ich habe zwar nie offiziell Musik studiert, aber ich studiere fortlaufend (lacht).

Wie haben deine Eltern auf deine musikalischen Pläne reagiert?

Meine Eltern sind Griechen, die in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen sind. Sie haben die Musik, die hier gespielt wurde nicht verstanden und es gab auch grundsätzlich große Unterschiede zwischen der deutschen und der griechischen Musikkultur. In Griechenland findet man viel Bouzouki und Klarinette und nach den damals schwierigen Jahren gab es einen Hunger nach Wohlstand. Die Elterngeneration wollte nicht, dass ihre Kinder in Fabriken arbeiten müssen und dadurch strebte man danach, dass die folgende Generation nicht so leiden musste, wie man selbst. Ich habe also ständig in Cafés gearbeitet und gespart, um mir meine erste Gitarre leisten zu können. Meine Mutter gab mir dann aber auch noch etwas Geld dazu und so konnte ich mir meine erste Gitarre beim PPC hier in Hannover aussuchen. Das Lustige daran war allerdings, dass ich die Gitarre angezahlt habe; sie aber weiterhin im Laden hing. Jeder konnte meine Gitarre anfassen, bis ich den Preis vollständig zahlen konnte (lacht).

Wie unterscheiden sich die griechische und die deutsche Musikkultur?

Beide Länder unterscheiden sich schon in ihrer Mentalität. In Griechenland gibt es viel folkloristischen Blues, aber auch Rockmusik ist dort sehr beliebt. Das Publikum ist immer begeistert und Livekonzerte sind  total gefragt. Große Künstler touren auch nicht so wie in Deutschland, sondern haben einen bestimmten Ort, an dem sie drei Monate am Stück spielen. Als Zuschauer hat man dann einen Tisch für sich und bestellt Getränke in einem bestimmten Wert, die das Ganze sozusagen mitfinanzieren. 

Gab es auch einen Punkt, an dem du an deinem Schaffen gezweifelt hast?

Es gab einen Tiefpunkt oder besser gesagt einen Moment des Zweifelns, als ich in einer Band gespielt habe, die mehrere Sängerwechsel erlebt hat. Die Sänger waren die Leader und der Rest der Band war von ihrer Laune abhängig. Das hat das musikalische Arbeiten total erschwert, da man teils sehr weit in der Produktion oder den Aufnahmen war und der Sänger plötzlich alles umgeschmissen hat oder komplett ausstieg. Ich habe eine Pause gemacht und bin völlig aus der Musik ausgestiegen; habe auf dem Bau gejobbt und fand irgendwann wieder den Weg zurück. Dann habe ich vor allem für Bands und Künstler gearbeitet, die eine Gesamtproduktion brauchten.

Was kannst du jungen Künstlern empfehlen?

Man sollte für jegliche Verträge einen Anwalt haben, der sich gut mit Musikrecht auskennt. Wie sagt man: Man braucht im Leben einen guten Anwalt, einen guten Arzt und einen guten Mechaniker (lacht). Man sollte sich klar machen, dass es kein Spielchen ist, wenn man mit Musik sein Geld verdienen will, aber das merkt man eigentlich auch von alleine recht schnell. Es ist wichtig, dass man in die Sache, die man liebt auch investieren muss. Manchmal verdient man keinen einzigen Euro damit, aber für die Seele ist es unbezahlbar. Ich glaube auch nicht an Musikformate. Daran verdienen alle, nur nicht die Künstler selbst. Die Frage, die man sich dort stellt ist, wie man die Show vermarktet und der Künstler wird zum Beiwerk. Das ist paradox!

Welchen Wert hat Musik dann noch?

Ich denke, dass Musik ihren Wert bereits verloren hat. Im Business wird zunehmend geschaut, wo man noch nach unten treten kann, um selbst weiter nach oben zu kommen. Auch im Radio merkt man diesen Wertverlust, wenn Songs nur noch dreieinhalb Minuten lang sein dürfen. Wie hätte da "Purple Rain" von Prince funktionieren sollen? Es ist bitter zu sehen, wie Musik den Wert für den Augenblick verliert und ich frage mich manchmal: Was ist das für eine Schande! Musik ist doch der Spiegel der Gesellschaft.

Was macht einen guten Musiker aus?

Ein guter Musiker muss etwas zu erzählen haben. Das Publikum merkt sehr schnell, ob du authentisch bist, aber dieses Charisma kommt von innen heraus. Gute Songs bleiben im Gehör. Man muss einfach für das leben, was man gerne macht und wissen, was man tut. Das Arbeiten am Puls der Zeit verlangt auch, dass alles ineinander greift. Sicherlich kann man das nicht alleine leisten, aber genau da sollte man versuchen, gut zusammen zu arbeiten. Man kann nicht alles selbst können. Letztendlich ist es wie bei einer guten Suppe, die man nicht versalzen soll.


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