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“Wir müssen am Ende des Tages ein Grinsen im Gesicht haben. Dann ist es authentisch“: Ingo Donot.

Das wohlige Gefühl, mal eben kurz Dampf abzulassen

Wir sprachen mit Donots-Frontmann Ingo Knollmann

18.05.2019, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Fabian Krueger

Was schenkt man einer Band zur Silberhochzeit? Wir haben bei Sänger Ingo Knollmann von den Donots nachgefragt. Außerdem sprachen wir über den Erhalt von Kultclubs, Pausenhof-Konzerte und Engagement gegen Rechts, die Diskussion um Notre Dame, Vaterfreuden, Sozialverhalten im Punkrock, Erwartungsdruck, Weiterentwicklung und vieles mehr.

Rockszene.de: Hier in Hannover haben die Donots ja quasi alle kleinen und großen Läden durch. Vom verregneten Fössebad-Open-Air rund ums Béi Chéz Heinz vor wenigen, aber begeisterten Besuchern Anfang der 2000er, über viele eigene Shows im MusikZentrum, in der Faust und im Capitol bis zum Green Day-Support 2010 in der TUI-Arena. In Hannover ist das Heinz ja aufgrund eines Abrisses und Neubaus des darüber liegenden Fössebades in seiner Existenz am Standort massiv gefährdet, weshalb es seit zwei Jahren die Kampagne „Heinz muss bleiben“ gibt. Wie wichtig ist es für die Szene und deren Weiterentwicklung, einfache Kultläden wie in Hannover das Heinz über Jahrzehnte zu erhalten? - Mit all seinen positiven Vibes, aber auch baulichen Unzulänglichkeiten?

Ingo: Ganz grundsätzlich bin ich ganz, ganz großer Befürworter von sämtlichen Subkulturschnittstellen, die es so gibt. Und das kann im Grunde genommen nicht mit Geld aufgewogen werden, was da an Arbeit betrieben wird, die ja wirklich ganze Leben nachhaltig beeinflusst.

Ich weiß es von mir selbst aus der Zeit, als ich in Ibbenbüren Anfang der 90er das erste Mal mit dem Jugendkulturzentrum „Scheune“ zu tun hatte, was auch DIE Subkulturschnittstelle für Punk, Hardcore, Indie und ein bisschen Querdenker-Gedankengut war. Das hat bei mir eine absolute Zündschnur gelegt für das, was halt mal so aus mir und meinem Leben geworden ist. Ich bin einfach ganz großer Fan davon, wenn abseits von den klassischen Corporate-Läden kleine Läden mit Herzblut der Szene die ganze Zeit den Rücken gerade halten.

Ich kann verstehen, dass es von Seiten der Stadt bauliche Maßnahmen gibt. Das ist natürlich wichtig und Sicherheit muss gewährleistet sein. Aber es gibt ja auch ganz oft so kommunale Bestrebungen, dass einfach, ich nenne das jetzt mal wertfrei linke oder links-liberale Spektren, der Stadt irgendwann ein Dorn im Auge sind. Das haben wir in Ibbenbüren auch ein paarmal erlebt. Da gibt es natürlich immer irgendwelche Lobbyisten, die losgehen und sagen: „Das Chéz Heinz muss weg! Dieses IJZ muss weg!“

Da bin ich absolut der Meinung, dass man das nach Leibeskräften unterstützen sollte, dass das Ganze bleibt. Eine basisnähere Arbeit an Jugendarbeit angelehnt und an alternativem Gedankengut findest du eigentlich nirgendwo.

Wäre nicht auch eine Erneuerung woanders eine Chance für solche Clubs oder muss es zwangsläufig die Pflege von alteingesessenen Standorten und Traditionen sein?

Es gibt eine halbe Handvoll Läden in Deutschland, wo das wirklich geklappt hat, dass man das Türschild abmontiert hat, über einen neuen Laden gezimmert hat und dann das gleiche Flair da war. So ein Laden lebt natürlich in erster Linie von den Leuten, die da arbeiten. Aber man kann es auch nicht wegdiskutieren, dass ein gewisser Raum wirklich auch Historie atmet und dass Leute damit eine ganze Menge Erinnerungen für ihr ganzes Leben verbinden. Das mag ein noch so schöner Gedanke sein, einen Laden an eine aus Immobilien-Sicht sinnvollere Position in der Stadt zu bringen.

Aber ganz ehrlich, ich bin da auch echt so Romantiker (lacht). Ich mag das total, wenn ich in einen Laden reinkomme und wir den gefühlt zum 300. Mal gespielt haben in 25 Jahren. Und es sieht alles noch genauso aus wie früher. Das sind auch Läden, die sich über diese ganze Zeit so gehalten haben, weil die so sind wie sie sind.

Wenn man das Chéz Heinz in einen wunderbaren, ganz high-tech ausgerüsteten Bürokomplex mit reinbauen würde, in so einen Neubau, das heißt noch lange nicht, dass das den Test der Zeit besteht.

Ich liebe das Chéz Heinz über alles. Auch nach dem damaligen Umbau, als es ein bisschen größer geworden ist. Ich habe da schon unfassbare Konzerte gesehen und selbst spielen dürfen. Das ist mit Gold nicht aufzuwiegen.

Das ist dann fast so wie ein zweites Wohnzimmer.

Genau. Da hängt so vieles dran. Da gibt es so viele Andockpunkte von verschiedenen Seiten. Es geht ja nicht immer einfach nur darum, dass da Bands auf der Bühne stehen. Es geht ja auch darum, dass Leute darüber berichten, dass Leute den Sound, das Licht und das Catering machen. Da hängen viel mehr Leute mit dran, als einfach nur ein paar Heiopeis, die auf der Bühne ihre Gitarre anschließen.

Letztes Jahr habt ihr ja vor eurem abendlichen Auftritt im Capitol die IGS Roderbruch für ein Pausenhof-Konzert besucht und einen Workshop für die Schüler zum Thema „frühzeitiges Erkennen von Rassismus, rechten Tendenzen und das eigene Verhalten dagegen“ gegeben. Habt ihr an anderen Schulen ähnliches gemacht?

An ein paar Schulen in Deutschland sind wir Pate von „Schule mit Courage. Schule gegen Rassismus“ und haben da die Schirmherrschaft übernommen. Im Grunde genommen müsste man so graswurzel-mäßig eigentlich immer losgehen und müsste mal so eine ganze Tour machen und vier oder fünf Wochen quasi an jeder Gießkanne anhalten. Das wäre mega-geil und würde auch super Spaß machen! Aber es ist wahrscheinlich so ein Ding, dass auch gar nicht jede Schule unbedingt diese Offenheit hat. In dem Fall von dieser Hannoveraner Schule war es so, dass die auf uns zugekommen sind. Das Hansa Berufskolleg in Münster, unsere Home-Base, hat auch bei uns angefragt. Es gibt doch Lehrer, denen das ein Anliegen ist und das finde ich ganz toll, wenn wir gefragt werden. Und wenn es sich zeitlich einbauen lässt, machen wir das auf jeden Fall.

Wir werden oft gefragt: „Muss Musik unbedingt Message haben?“ Finde ich nicht, muss es nicht. Aber wenn Musik eine Message hat, dann ist das total geil, weil das die Kids viel einfacher erreicht als einfach nur ein dröger Vortrag. Es gibt ja diese weit verbreitete Politikverdrossenheit von Kids, weil es denen halt einfach irgendwie zu trocken ist, weil sie da gar keinen richtigen Zugang zu finden. Deswegen halte ich es für gut, wenn Bands mit einer gewissen Reichweite, die Leute und vor allem Kids erreichen können. Wenn sie „Gateway“-Bands werden, um sich einer Materie zu nähern, mit der sie sich vorher nicht auseinandergesetzt haben. Dann ist das ganz großartig. Denn dann kann Musik diesen kleinen Tick mehr als einfach nur zu unterhalten.

Ja, Musik kann total viel bewegen. Ich kann mir vorstellen, dass Bad Religion und Co. euer musikalischer Zugang zu Politik war? Ist das richtig?

Genau, das kann man schon so sagen. Das sind wirklich die ganzen Altvorderen – von Bad Religion über Black Flag, die Descendents bis hin zu Good Riddance. Die haben natürlich alle eine mehr oder weniger stark ausgeprägte politische Komponente. Oder auch so oldschool Deutsch-Punk-Bands wie ...But Alive, Slime oder die Skeptiker oder sowas wie Rage Against the Machine.

Ich habe es ja grade schon gesagt, aber ich finde nicht, dass Musik unbedingt immer politisch sein muss. Ich höre auch total gerne „Quatsch“-Musik, also mit quatschigen Texten. Oder auch einfach gefühlsduselige Musik.

Aber ganz besonders im Punk gefällt mir die Freigeistigkeit und vor allen Dingen die ungefilterte Möglichkeit, Arschlöchern zu sagen, dass sie Arschlöcher sind. Und guten Menschen zu sagen, dass sie in den Arm genommen werden.

Das erinnert mich an ein Zitat von Ian MacKaye von Minor Threat und Fugazi und so weiter. Er meinte, dass alles, was man macht, irgendwie politisch ist. Nichts zu sagen hat auch eine Message. Und wenn man sich für nichts interessiert, hat das auch eine Bedeutung.

Absolut. Das ist immer alles Ausdruck deiner selbst und wie du auf deine Umwelt reagierst. Das, was wir tun, ist wahrscheinlich politisch. Aber wir gehen halt trotzdem nicht mit dem Gedanken ran, dass wir eine politische Band sind. Für uns ist das wirklich in aller erster Linie eine soziale Agenda, die wir haben, wenn wir überhaupt eine haben.

Weil das ja etwas sehr Unmittelbares ist, wenn du Kids für die Welt da draußen ein bisschen sensibilisierst. Und wenn du probierst, diesen Planeten für ein paar Minuten etwas besser zu machen im Rahmen deiner Möglichkeiten, dann kannst du das politisch nennen. Dann kannst du aber auch einfach sagen, du bist ein Mensch mit ein bisschen Restverstand (lacht).

Was hat euer Engagement sonst noch bewirkt? Sind die Kinder oder die Lehrer hinterher auf euch zugekommen?

Ja, in der Tat. Wir haben immer ein bisschen die Antenne ausgefahren, um erstmal herauszufinden, wie sehr die Kids denn schon mit der Materie in Berührung gekommen sind oder wie sehr sie sensibilisiert sind. Das war mitunter schon bei Erstkontakt echt erschreckend, wie wenig da zum Teil in den Familien drüber geredet wird. Man soll den Kids ja auch nicht unbedingt die ganze Zeit mit einer Breitseite Realität kommen. Das ist ja auch das Schöne am Kindsein, eine gewisse Leichtigkeit und Unbeschwertheit zu haben.

Diese Gratwanderung hinzubekommen zwischen: „Wir haben ein gutes Leben“ und „Wir haben aber auch eine Verantwortung, damit es gut bleibt“, halte ich für sehr, sehr wichtig.

Im Nachgang kamen auch wirklich viele Kids an und meinten sowas wie: „Mann, das ist total cool, dass da mal jemand mit uns drüber spricht und wir das vor allen Dingen auch mal verstehen! Weil da jemand unsere Sprache spricht und nicht irgendwelche Anzugträger irgendwelche Neoanglizismen durch die Gegend werfen.“

Ich glaube schon, dass das was bringt. Im Grunde müsste man sich da aber echt noch mehr Zeit nehmen, um jede Schule in Deutschland zu besuchen. Aber da ist auch nicht immer die Offenheit vom Kollegium da.

Habt ihr den Eindruck, nachhaltig Botschaften zu transportieren? – Also, dass es Jahre später noch mitschwingt?

Wenn das so ist, wäre es natürlich total toll. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass ein Song die Welt verändert. Ich glaube, Musik kann dabei helfen, die Welt zu verändern. Aber das tun dann trotzdem die Hörer am Ende des Tages. Und du kannst auch niemandem einen Strick daraus drehen, wenn jemand Musik hört, um unterhalten zu werden. Das ist Musik in aller erster Linie: Eskapismus und das wohlige Gefühl, mal eben kurz Dampf ablassen zu können. Ganz besonders bei Sportgitarren-Musik jeglicher Couleur.

Wenn im Subtext irgendwas mitschwingt und man Leute vielleicht zumindest auf Schienen setzen kann, für einen Bahnfahrt, die sie vorher noch nicht gemacht haben, die nicht unbedingt an den schönsten Aussichtspunkten der Welt vorbeiführt, sondern an der Realität, dann ist das natürlich toll (lacht). Ich glaube schon, dass man einzelne Leute erreicht, aber das Gros der Leute wahrscheinlich eher nicht.

Das bewirkt sicherlich etwas Positives, wenn über solche Aktionen berichtet wird und man auch an anderen Schulen mitbekommt, dass die Donots an manchen Schulen zu Besuch waren. Das motiviert vielleicht, selbst aktiv zu werden und Musiker zu solchen Zwecken einzuladen.

Was wir den Kids letzten Endes immer mit auf den Weg geben ist: Habt keine Angst davor, eure eigene Stimme zu benutzen! Habt keine Angst, euch im Rahmen eurer Möglichkeiten und auf eure Art auszudrücken und das Maul aufzumachen. Denn das ist, glaube ich, ein ganz großes Thema, dass die Mehrheit immer schweigt und nur die wenigsten den Mund aufmachen. Das darf es in der heutigen Zeit einfach nicht geben, meiner Meinung nach.

Man muss nicht zu allem und jedem eine Meinung haben und die dann in die Welt rausballern, aber an wichtigen Punkten muss man auch mal sagen, wo man steht.

Nun gibt es euch ja schon seit 25 Jahren. Was ist die wichtigste Lektion, die ihr in 25 Jahren Bandgeschichte gelernt habt?

Verrückt, ne. Das ist natürlich eine Lernkurve über die ganzen Jahre. Eine ganz wichtige Lektion, die wir erst im Laufe der Zeit gelernt haben, ist, dass all das, was wir machen, am Ende des Tages Donots ist. In den Anfangsjahren haben wir uns selbst immer mehr oder weniger in ein Korsett reingezwängt. - Mit einer klaren Idee davon, wie unser Sound zu sein hat, was Punk zu sein hat, welche Riffs und Statements für uns okay sind.

Was wir über die Zeit und mit all diesen Reboots, die die Band auch so hingelegt hat - mit dem Sprach- und Soundwechsel - was wir davon am meisten mitgenommen haben ist, wenn du auf zwei sicheren Beinen, breitschultrig und mit erhobenem Haupt dastehst, dann kann dir keiner was. Das, was wir machen, macht uns in aller erster Linie glücklich und ist unsere Ausdrucksform. Und wenn wir damit auch noch andere Leute glücklich machen können, dann ist das das tollste Kompliment, was wir uns selbst machen können oder was man uns machen kann.

Aber das geht natürlich nur, wenn dir die Leute abkaufen, was du da machst. Und das musst du dir auch erstmal selbst abkaufen. Das war die wichtigste Lektion: Wie sehr können wir Wir-selbst sein? Mit jedem weiteren Album kommen wir dieser Essenz näher an das, was unsere Band wirklich ist. Wir trauen uns viel mehr. Wir haben keine Scheuklappen mehr. Wenn der Himmel zu allen Seiten offen ist, ist das ein ganz guter Ausgangspunkt.

Gibt es etwas, das du im Nachhinein lieber anders gemacht hättest?

Das können wir ja gar nicht. Wenn man so daran geht, würde man ja die ganze Zeit nur in der Vergangenheit leben und tendenziell ein bisschen grumpy sein. Es gibt ja immer die Möglichkeit, dass man im Nachgang sagt: „Hätten wir das mal anders gemacht“. Aber alles, was wir gemacht haben, hat uns ja auch da hingebracht, wo wir jetzt sind. Ich habe mal in einem Song namens „Straßenköter“ diese Textzeile gehabt: „Ich bin nicht stolz auf meine Fehler, aber dankbar für jeden“. Das ist genau dieses Credo, dass man gewisse Lektionen einfach lernen muss, weil sie einen zu dem machen, was man ist. Und man weiß mit jedem Mal viel mehr, was man will und was nicht.

Nun machst du das schon 25 Jahre. Früher hast du mal studiert und selbst Konzerte in der „Scheune“ veranstaltet. Dann ging es mit der Band richtig los. Wann kam bei dir der Punkt, als du realisiert hast, dass du das mit der Band nun tatsächlich beruflich machst und auch davon leben kannst? Das ist ja für viele ein Traum.

Ja, wobei wir das nie geplant haben, dass das so kommt. Und es ist ja trotzdem nicht so, als hätte jeder von uns einen Flugzeugträger vor der Haustür stehen. Das bestreitet unsere Miete, wir können damit unsere Familien durchbringen und es macht uns nach wie vor so viel Spaß. Aber das bleibt halt weiterhin einfach jedes Mal in gewisser Weise ein Risiko mit jeder neuen Platte. Denn finanziell abgesichert ist man definitiv nicht. So sehr wir unser eigenes Label sind, so sehr wir das jetzt 25 Jahre machen dürfen und es unseren Lebensunterhalt bestreitet, nehmen wir das aber trotzdem nicht nur als Arbeit wahr. Das darf gar nicht passieren. Wir nehmen das eher als ein 24-Stunden-Hobby wahr, was wir gerne machen. Deswegen gab es, glaube ich, gar nicht diesen einen Punkt, ab dem man gedacht hat: „Aha! Jetzt haben wir unsere Arbeit“.

Damit das Ganze gesund bleibt und wir immer das Gefühl haben, dass das etwas Wertvolles ist, zahlen wir uns ein monatliches Gehalt wie bei einer Arbeit aus. Das machen wir seit Jahren so, damit man ein bisschen das Berufsgefühl hat. Aber Zahlen und so lassen wir gar nicht so nah an uns ran. Das muss trotzdem spontan, naiv und ungeplant sein.

Welche aktuellen Ereignisse und Entwicklungen bewegen dich? Was beeindruckt dich und was regt dich besonders auf?

Ich bin jetzt seit dreieinhalb Jahren Papa. Ohne da zu klebrig oder pathetisch klingen zu wollen, ist jeder Schritt, den meine Tochter macht, je eigenständiger sie wird und zu sehen, wie jemand so langsam heranwächst, für mich unfassbar beeindruckend. Wie sie völlig unbedarft und lebensfroh an das Leben rangeht, finde ich ganz toll. Das hört nicht auf, mich zu beeindrucken.

Dem gegenüber steht, dass ich eine Tochter in eine Welt reingeboren habe, die so viel in Rüstungsexporte und Aufrüstung investiert wie seit Anfang der 80er nicht mehr. Deutschland ist in dieser Rangliste auf Platz neun oder so [Anm. d. Red.: Deutschland steht an achter Stelle laut einer Statista-Veröffentlichung zum „Ranking der 15 Länder mit den weltweit höchsten Militärausgaben im Jahr 2018“]. Die USA alleine steckt so viel Geld wie alle anderen acht nächsten Plätze zusammen in Militärausgaben. Da wird mir Angst und Bange. Bei guter Führung habe ich jetzt vielleicht noch so 50 Jahre auf diesem Planeten, wenn’s gut läuft. Meine Tochter hat aber noch ein bisschen länger daran zu knabbern. Ich möchte schon wissen, dass ich irgendwann mal von diesem Planeten gehen kann und weiß, dass es meiner Tochter und allen Leuten gut geht.

Wenn ich auch den Rechtsruck sehe oder wie mit der Umwelt umgegangen wird, wie Klimakonferenzen von einigen Nationen umschifft werden oder wie Walfang wieder en vogue wird. Es ist zwar schlimm, das zu sagen, aber ich halte Menschen nicht wirklich für schlau (lacht). Ich nehme mich selbst auch nicht aus der Rechnung raus. Ich bin genauso ein Depp wie jeder zweite auch. Aber ich verstehe einfach nicht, wo dieser selbstzerstörerische Motor herkommt und dieses Rattern von den Angstmaschinen, anderen zu drohen und diese Angst, etwas zu verlieren, was man gar nicht besitzt. Da kann man schon gefrustet werden. Aber umso schöner ist es, wenn man ein Kind und eine tolle Frau an seiner Seite hat und sich da mal zwischendurch ein bisschen Ruhe und Gelassenheit abholen kann.

Zu eurer Anfangszeit als Band war das alles noch ein bisschen anders – heute läuft für neue, junge Bands ganz viel übers Internet bzw. Social Media, wo ja mittlerweile auch alle alten Hasen vertreten sind. Und es gibt gefühlt unfassbar viele Bands und Newcomer. Aber vielleicht gab es vor Zeiten des Internets auch schon viel mehr Bands, die man gar nicht auf dem Radar hatte?

Ich glaube auch, dass es eher Letzteres ist. Die Informationsströme, die mit dem Internet und den Sozialen Netzwerken gekommen sind, sind natürlich der helle Wahnsinn. Das hält ja kein Gehirn aus. Umso schnelllebiger ist natürlich die Musikindustrie geworden. Umso kürzer sind die Höreindrücke geworden, die Leute investieren, um eine Band für sich zu entdecken. Gefallen dir die ersten zehn Sekunden bei Spotify oder klickst du weiter? Das ist Freud und Leid zugleich. Jeder hat die Möglichkeit, da draußen zu sein und direkt alle Leute zu erreichen.

Aber auf der anderen Seite, wenn man ein bisschen romantisch, konservativ, oldschool denkt, war das damals anstrengend, wenn du Fan von einer Band warst. Ich weiß noch als ich in den 80ern/Anfang 90er Fan von vielen Bands geworden bin. Ich musste auf Plattenbörsen gehen, musste Mailorder durchwühlen, damit ich die neuen Platten meiner Lieblingshelden bekommen habe. Ich wusste nicht direkt, wenn die irgendeine Show gespielt haben und Person XY aus der Band sich eine Verletzung auf der Bühne zugezogen hat oder bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Das hast du zum Teil erst einen Monat später mitbekommen, wenn es in deinem Magazin oder Fanzine stand. Es war ein viel größerer Triumph für einen selbst als Fan, wenn man ein neues Poster bekommen hat oder so. Heute kriegst du auf one click alles. Das ist toll, das macht es aber vielleicht auch ein bisschen beliebiger.

Das lässt einen dann auch irgendwann kalt, wenn man immer zugespammt wird. Viele dieser jungen Bands gibt es ja noch gar nicht lange, aber die haben dann schon gleich ihr Image. Egal, ob es ihnen aufgedrückt wurde oder sie es sich selber überlegt haben. Gab es das früher auch?

Früher gab es das wahrscheinlich auch. Heute wird es einem nur vielmehr unter die Nase gerieben. Darauf wird der Fokus viel mehr gelegt, damit man den anderen Bands gegenüber ein größeres Alleinstellungsmerkmal hat.

Da gibt es so eine Band namens Pisse, die online kaum zu finden ist. Die lehnen es ab, auf Facebook zu sein und haben nur eine Bandcamp-Seite. Das ist deren Alleinstellungsmerkmal, um sich von den anderen abzuheben.

Ja, jeder nach seiner Façon. Am Ende des Tages muss jeder irgendwie schauen, wo er bleibt und wie er möglichst viele Leute erreicht oder für sich begeistern kann. Ich drehe da auch keiner Band einen Strick draus. Je nachdem, wie man es machen möchte und wie man sich gut fühlt dabei.

Nun habt ihr ja schon ein paar Jubiläums-Shows gespielt. Als Unterstützung hattet unter anderem ihr Anti-Flag und Itchy dabei. Wie war das?

Das war ganz toll! Wir sind gerade wieder zurück von der Tour. Das waren die größten Shows, die wir in 25 Jahren Donots gespielt haben. Das muss man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen, dass man eine von den Bands ist, wo es immer noch wächst und wächst und wo man nicht irgendwann nur noch seinem eigenen Schatten hinterherläuft. Das ist eine ganz tolle Fügung für uns. Dass wir gute Freunde wie Anti-Flag, Samiam und Itchy dabei hatten, ist ganz toll. Das ist dann wirklich ein „trip down memory lane“, weil man mit so vielen Bands auch so viele tolle Erinnerungen verbindet. Wir hatten tolle Gastsänger dabei. Da waren Gastauftritte dabei von der Antilopen Gang, von Jan von Turbostaat, Vom von den Toten Hosen, Sammy von den Broilers. Das macht daraus einfach einen sau, sau runden Morgen.

Was uns da ansonsten an Gegenliebe vom Publikum entgegen geströmt ist, das haben wir in der Form in 25 Jahren so noch nicht erlebt. Das war echt der absolute Knaller. Wir scannen gerade die ganze Zeit das Internet und uns erreichen jeden Tag neue Videos und Fotos von diesen Shows. Und ich schüttle einfach mit dem Kopf, dass wir halt selbst die fucking Columbiahalle ausverkauft haben (lacht). Wir sind ganz glücklich darüber. Da muss man auch zwischendurch echt mal innehalten und die Füße auf den Boden kriegen und einfach mal sagen: „Alter Schwede, ey!“ Sowas darf niemals selbstverständlich werden.

Wie war eure allererste Show in der Scheune, wo ihr ja nach exakt 25 Jahren zum Jubiläum wieder aufgetreten seid, wenn du dich daran noch erinnerst?

Die gibt’s auf Video und die haben wir uns im Laufe der Zeit immer mal wieder angeguckt. Wir waren halt Teenager, die die Liebe zu The Clash, Bad Religion, die Sex Pistols und Nirvana entdeckt haben und angefangen haben, diese Bands zu covern und dazwischen eigene Stücke zu pressen. Rein objektiv betrachtet waren wir halt völlige Scheiße. Da haben wir aber schon im Jugendkulturzentrum gespielt. Wir hatten damals echt viele Freunde, auf die wir zählen konnten. Die sind dann hinterher angekommen, haben dir auf die Schulter geklopft und meinten: „Ey, das war richtig geil!“ – Wahrscheinlich die größte Lüge der Welt. Aber genau diese Art Enthusiasmus, die uns immer so entgegen kam und der ganze Zuspruch, haben uns einfach immer weitermachen lassen. Ich erinnere mich wirklich noch sehr genau an den Abend.

Habt ihr kitschige Geschenke zur Band-Silberhochzeit bekommen?

(Lacht). Eigentlich nur tolle Geschenke: gerahmte große Fotos, dann gab es natürlich diverse Kuchen und Getränke. Die Toten Hosen haben uns ganz viel Alkohol in die Garderobe gestellt, was sehr nett war, mit einem Brief. Unsere Merch-Leute haben uns gestickte Jacken geschenkt. Das war alles ganz toll.

Wie siehst du die Debatte zu Notre Dame? Es wurde ja darüber diskutiert, dass innerhalb weniger Stunden viele reiche Menschen viel Geld für den Wiederaufbau gespendet haben, während der Geldbeutel bei sozialen Angelegenheiten wie Obdachlosigkeit nicht so locker sitze.

In aller Kürze kommentiert: Sign of the times. Es ist natürlich ganz traurig, wenn so ein historisches Bauwerk abbrennt. Ich weiß nicht, wie viele Kunstschätze da auch verloren gegangen sind. Weltkulturell gesehen ist das echt ein großer Verlust, aber dass auf der anderen Seite so schnell Portemonnaies locker sind, während die Dritte Welt immer noch nicht vernünftig ernährt werden kann und Menschen in Krisenherden zusehen müssen, wo sie monetäre Hilfe herbekommen. Dann muss man sich auch nicht wundern. Blöd gesprochen: Wenn Kirchen wichtiger sind als Krankenhäuser, dann weiß man, von wo der Fisch stinkt (lacht).

Im Punkrock wird ja oft dieser Familiengedanke betont und viel Wert auf gutes Sozialverhalten gelegt. Wird das hinter den Kulissen tatsächlich so gelebt, wie es gepredigt wird oder trügt der Schein auch manchmal?

Das ist sehr zeitgeistig und darauf kann man natürlich sehr gut eincashen, klar. Aber man kann Leute nur so weit verarschen. Das kriegen die Leute da draußen schon irgendwann mit. Denn Worte sind Worte und Taten sind Taten. Da ist dann wieder das entlarvende Internet am Start und findet ganz schnell Beweise dafür, wenn Leute nicht „practice what you preach“ an den Start bringen. Ich glaube, Karma hat einen Weg gefunden, Leuten durchaus ein Messer in den Rücken zu bohren, wenn man es am wenigsten erwartet (lacht).

Fühlt ihr euch manchmal dazu gezwungen, euch merkbar weiterzuentwickeln oder neu zu erfinden, wenn z.B. ein neues Album ansteht?

Nee, da sind wir mittlerweile komplett unbeeindruckt. Meistens hört man ja, dass man sich bloß nicht weiterentwickeln soll. „Ich will doch meine Band aus dem Jahr 2001! So wie ihr da geklungen habt, das will ich behalten!“ Nee, wir sind unser eigener Maßstab geworden und wir müssen am Ende des Tages ein Grinsen im Gesicht haben. Dann ist es authentisch. Dann nehmen wir es auf. Wenn es uns nicht gefällt, machen wir es einfach nicht. Mittlerweile sind wir frei von diesem Erwartungsdruck.

Wenn du anfängst, nur das zu machen, was die Leute hören wollen – warum machst du denn dann eine Band? Das ist doch vorhersehbar wie sonst was. Freie Kunst funktioniert für mich so nicht. Für mich muss das immer ungezügelt sein. Das musss immer so sein, als würdest du ein Gatter aufmachen und ein halb verhungerndes Tier kommt zur Fütterung rausgerannt.


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