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Lässt die Dunkelheit hinter sich: Die Musik hilft Nathan Gray dabei.

Innere Heilung finden

Ein Interview mit Nathan Gray

02.03.2019, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Promo/Uncle M

Nathan Gray ist vor allem als Frontmann der Post-Hardcore-/Punk-Band Boysetsfire bekannt. Nach anderen Projekten und Bands wie The Casting Out, I Am Heresy und Nathan Gray Collective ist er mittlerweile auch als Solo-Künstler aktiv. Am 8. Februar erschien sein Live-Album, das bei seinen Auftritten in der Ringkirche in Wiesbaden und in der Dechenhöhle in Iserlohn aufgenommen wurde. Mit seinen Shows möchte er vor allem einen sicheren Ort für seine Zuhörer schaffen. Im Interview spricht er über die Folgen seiner traumatischen Kindheit, Reue und die Wendung zum Positiven.

Rockszene.de: Warum hast du dich dafür entschieden, die Shows in Wiesbaden und Iserlohn aufzuzeichnen?

Nathan Gray: Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen wollte ich ein Live-Album machen, weil das Ganze eine Art Weiterentwicklung zeigen soll. Bei jeder Tour und jedem Album hoffe ich, mich weiterzuentwickeln, neue Dinge auszuprobieren und davon möchte ich jeden Schritt dokumentieren. Diese akustische Atmosphäre mit mir und dem Cello – das alles wollte ich aufgenommen haben. Und welcher Ort eignet sich dazu besser, wenn nicht diese beiden Locations? Deren Sound, Stimmung und Look so neu und cool sind. Ich wollte es an einem Ort aufzeichnen, wo der Sound und die Ästhetik eine bestimmte Emotion transportieren und ein Gefühl davon geben, worum es bei der Tour ging. Das waren sehr interessante Locations, die sehr gut besucht wurden und die den Leuten gefallen haben.

Es scheint so, als hättest du eine besondere Verbindung zu deinen deutschen Fans. Wie hat sich das entwickelt?

Als Boysetsfire „Tomorrow Come Today“ herausgebracht hat haben wir viel getourt. Durch „After The Eulogy” hatten wir bereits eine gute Fangemeinde in Europa und den USA aufgebaut. Als wir begannen, „Misery Index“ zu schreiben, hat das für eine Weile etwas nachgelassen, dadurch dass wir mit Songschreiben beschäftig waren und nicht viel getourt haben. In den USA gilt das so ziemlich als Todeskuss. Wenn man da nicht permanent tourt, vergessen die Leute einen schnell. In Deutschland kann man auch mal gut und gerne ein bis zwei Jahre nicht gewesen sein und wenn man wiederkommt wird man begrüßt mit „Oh, ihr seid ja zurück! Cool!“ (lacht). Gleichzeitig mag da auch mit reinspielen, dass die Kultur und die Mentalität in Deutschland sehr eng mit Musik verbunden sind. Das kann man bei den ganzen Festivals und Shows sehen. Deutschland gibt einer Menge Musik ein Zuhause.

Warum geratet ihr in den USA eher in Vergessenheit? Ist man da zu sehr an euch gewöhnt, weil ihr auch von dort kommt? Finden Amerikaner Musik, die nicht aus den USA kommt, aufregender?

Das ist einfach eine andere Kultur. Eine andere, schnellere, sehr oberflächliche Kultur, zu einem gewissen Grad. Es ist wie es ist. Es ist nicht so, dass die Leute schlecht sind. Es ist einfach eine andere Art und Weise. In UK verhält es sich ähnlich. Da sprießen halt alle fünf Minuten so viele neue Bands aus dem Boden und es ist schwer, da hinterher zu kommen. Also haben wir alle ADS (lacht). Ich glaube, ehrlich gesagt, dass es an der kulturellen Verschiedenheit liegt.

War die Entscheidung, wen du mit auf Tour genommen hast, einfach?

Das war tatsächlich sehr einfach. Die erste Tour, die ich gemacht habe, war nur ich und eine Gitarre. Wie ich sagte, jedes Mal möchte ich es ein bisschen steigern, etwas Neues und Kreatives tun. Und bei der letzten Tour war es so, dass Ben (der Gitarrist -d.Red.) und ich uns Jahre zuvor kennengelernt hatten, weil er ein Boysetsfire-Fan ist und ich ein Sisters of Mercy-Fan bin und er ja für Sisters of Mercy spielt (lacht). Also war es ein Hin und Her: „Ich liebe deine Band!“ – „Ich liebe DEINE Band!“ Und so sind wir einfach schnell Freunde geworden. Als wir dann etwas später in London waren, hat er mit uns zusammen „Rookie“ gesungen. Seither ist es einfach eine großartige Freundschaft. Unsere Cellistin Isabelle kannte ich vorher nicht. Unser Tourmanager und langjähriger Freund hat sie vorgeschlagen. Nicht nur wegen ihres Talents, sondern auch wegen ihres Wesens, wie sie ist. Sie ist einfach sehr lieb und beruhigend.

Und genau das wollte ich für diese Tour. Wenn ich für das Solomaterial nach Leuten suche, die ich beschäftigen kann – weil man nicht immer nur Freunde finden kann, manchmal muss man jemanden einstellen – da achte ich besonders darauf, dass die Leute rüberbringen, was ich versuche, zu übermitteln. Denn ich trage die Verantwortung nicht nur, für das, was ich tue, sondern auch gegenüber meinen Freunden und Fans, die zu den Shows kommen. Da kann ich nicht jemanden einstellen, der ein komplettes Arschloch ist (lacht). Weil die Leute ja auch mit ihnen reden wollen. Daher will ich sichergehen, dass ich ihnen vertrauen kann.

Musstest du dich erst daran gewöhnen, solo und nur mit Akustikgitarre zu spielen? Oder ging dir das ganz natürlich von der Hand?

Das hat ein bisschen Anlaufzeit gebraucht. Ich erinnere mich an meine allererste Show, die ich in Baltimore gespielt habe und ich hatte echt die Hosen voll (lacht). Das war ja nur ich alleine mit einer Gitarre und ich war so steif und habe mich alle fünf Sekunden verspielt. Es war schrecklich (lacht). Aber es war notwendig, um erstmal reinzukommen. Es ist schwierig für mich, keine laute Band hinter mir zu haben. Aber das war es wirklich wert, diese Schritte zu gehen, um hierhin zu gelangen, wo ich heute bin. Bei der ersten Tour, die ich alleine gespielt habe, habe ich zwischen den Songs ein bisschen was erzählt. Bei der Tour danach hatte ich zusätzlich noch das Cello dabei und zwischendrin noch mehr geredet, so ähnlich wie ein Geschichtenerzähler. Für die kommende Tour habe ich mir vorgenommen, das Storytelling etwas abzukürzen. Denn die Leute haben das jetzt nicht nur live erlebt, sondern haben auch das Album und die DVD zum Nachhören und -sehen. Diesmal möchte ich den Fokus mehr auf die Musik legen. Dann möchte ich in Zukunft noch mehr Leute dazu holen: Perkussion, Bass und so weiter, um weiter zu wachsen und mich weiterzuentwickeln.

Das kann man sich vorstellen, dass das am Anfang erstmal ungewohnt sein muss, wenn du sonst eine Band dabei hast, mit der du musikalisch im Einklang sein musst.

Ja, das Schlimmste war die erste Tour, bei der ich allein war. Da habe ich ja auf der Bühne über all diese dunklen und schmerzhaften Erfahrungen gesprochen und hinterher saß ich dann alleine in einem Hotelzimmer (seufzt und lacht). Das war schwierig. Da ist es nicht sonderlich hilfreich, keine Freunde um sich zu haben und im Leid zu versinken. Das war zwar schwierig, aber dennoch notwendig, um die nächste Stufe zu erreichen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ist es dir schwergefallen, so offen über all diese düsteren Themen wie Depressionen und den Missbrauch in deiner Kindheit zu sprechen?

Mhm, das war grauenvoll. Ja, das war nicht im Geringsten leicht. Das ist zwar komisch, aber ich, hoffe, dass es so rüberkommt, als wäre es mir leichtgefallen. Denn ich glaube, das kann anderen Menschen wirklich helfen. Wenn ich das nach außen trage und diese Stärke zeige, hoffe ich, dass es da jemand da draußen gibt, dem das Kraft gibt. Im Sinne von: „Oh, es scheint so einfach zu sein, dann kann ich das auch schaffen. Ich kann Hilfe bekommen, ich kann jemandem davon erzählen“.

Denkst du, dass das Solo-Projekt ein besseres Ventil für dieses düstere Material ist?

Ja, das ist es. Und der Grund dafür ist, dass es viel personenorientierter ist. Wenn ich bei Boysetsfire spiele, bin das ich, sind das Josh, Chad, Robert und Jared – wir alle stehen zusammen da vorne. Und wir alle haben unsere eigene Geschichte zu erzählen und unsere Art und Weise, Dinge musikalisch und so weiter zu händeln. Aber wenn ich alleine bin, auch mit anderen Musikern an meiner Seite, ist es immer noch Nathan Gray. Es bin immer noch ich, wie ich meine Geschichte erzähle. Daher ist es sicherlich leichter, auf diese Weise die tieferen Bedeutungen zu präsentieren, die mehr von mir handeln und die dann hoffentlich andere Leute auf einer persönlichen Ebene berühren.

Mit dem Solo-Projekt hast du sozusagen Neuland betreten, denn du machst ja schon seit geraumer Zeit Musik und da verfällt man sicherlich unvermeidlich und manchmal vielleicht auch unbemerkt in gewisse Handlungsmuster und wiederholt bestimmte Abläufe. – Gibt es etwas, das du diesmal anders angegangen bist, was zum Beispiel das Songwriting angeht? Hat sich etwas am Schreiben der Lyrics geändert, weil du ja sehr persönliche Themen behandelst?

Zu einem gewissen Grad, ja. The Casting Out war ja mein erstes Solo-Unterfangen. Dieser Musikstil spiegelt mich mehr wider. Das bin ich: dieses melodische Punk-Gefühl – so schreibe ich einfach. Und dieses Gesangsmuster unterscheidet sich von Boysetsfire, wo die Jungs einfach schnellere und komplexere Gitarristen sind. Sie schreiben nicht einfach die Gesangsmuster. Sondern sie schreiben ihren Teil und Chad und ich arbeiten gemeinsam an einem Gesangsmuster. Boysetsfire ist eher so ein Gemeinschaftsding, in dem wir alle eine Rolle spielen. Während das hier einfach nur ich bin. Nicht nur das Gesangsmuster, sondern auch der Input ist ein anderer. Die Gitarre ist auf jeden Fall anders. Alles in allem findet das Songschreiben auf einer anderen Ebene statt.

Was beabsichtigst du mit diesen Songs? Was soll man von den Songs und deinen Solo-Shows lernen?

Ich würde sagen, einer meiner größten Anliegen ist es, die Leute wissen zu lassen, dass sie nicht allein sind. Und dass jede Show, die ich spiele, so etwas wie ein sicherer Ort ist. Für jeden. Ein Ort, an den man kommen kann, um die Musik zu genießen, die Lyrics zu genießen, die Bedeutungen dahinter zu genießen, um Heilung zu finden – es kann was auch immer für wen auch immer sein! Ich möchte einfach einen Raum und eine Atmosphäre der Akzeptanz und Fürsorge und Liebe erschaffen, wo jeder sich zugehörig fühlt.

Hier könnt ihr die komplette Antwort als O-Ton hören.

Du hast gesagt, dass sich das Publikum mit deinen Musikern, die dich auf Tour begleiten, unterhalten möchte. Hattest du auch die Möglichkeit, mit deinen Fans zu sprechen? Wie war ihre Reaktion zu deinen Solo-Shows und welche Diskussionen sind daraus entstanden?

Egal, was ich tue, sobald ich fertig bin mit meinem Auftritt, nehme ich mir Zeit für die Leute, die diesen Abend mit mir verbracht haben. Egal, ob mit Boysetsfire oder solo. Mir ist es sehr wichtig, die Leute zu respektieren.

Hört euch hier die Antwort im Original an.

Diese Offenheit bewirkt oftmals, dass man sich als Zuhörer verstanden fühlt, wenn Künstler etwas Ähnliches wie man selbst durchgemacht haben.

Ja, und das liebe ich. Ich hoffe, dass sich die Menschen dann eher trauen. Denn ich weiß, dass sie manchmal denken: „Oh Mann, der will doch eh nicht meine Probleme hören“. Aber das will ich! Irgendjemand muss das tun. Wenn man das nicht rauslässt, platzt man irgendwann. Also warum nicht? Ich hab Zeit (lacht). Was soll ich sagen? Ich habe eh nichts anderes vor.

Manche Bands ziehen sich stattdessen lieber ins Backstage zurück.

Ja, das stimmt. Das machen sie halt und das ist auch okay. Jeder macht das halt anders. Für mich persönlich funktioniert das nicht, weil ich es nicht mag. Deshalb mache ich das anders. Aber es ist auch wichtig, festzustellen, dass jeder die Dinge anders angeht. Finde, was dich bewegt und sei diese Veränderung, die du sehen möchtest.

Was hast du durch das Solo-Spielen gelernt? Denkst du, dass du etwas von diesem neuen Wissen auf deine anderen Projekte wie Boysetsfire anwenden kannst?

Ja, wenn wir uns dazu entschließen, irgendwann wieder mehr zu Schreiben und mehr Shows zu spielen. Das weiß ich aktuell aber noch nicht. Wir sprechen hier und da darüber. Wir machen das, wenn wir uns danach fühlen. Aber es trifft auf beide Richtungen zu. Vieles davon, was ich aus meiner Zeit bei Boysetsfire gelernt habe, wird auf mein Solomaterial angewendet und andersherum. - Was ich durch mein Solomaterial lerne, kann ich wiederum auf unser zukünftiges Songwriting für Boysetsfire übertragen. Ich denke, dass es dabei geholfen hat, dass die anderen Jungs bei Boysetsfire sehen, was mein Teil ist beim Schreiben. Ich habe zwar immer ein bisschen beim Songschreiben geholfen, aber ich habe nie so wirklich Gitarrenparts und so weiter beigesteuert. Das ist dadurch leichter geworden. Klar, Josh ist ein versierterer Gitarrist, wie ich schon sagte. Aber es ist cool, dass sie sich auch gerne das Anhören, was ich für die Gitarre geschrieben habe.

In einer Pressemitteilung heißt es, dass dies der Beginn deines inneren Heilungsprozesses ist, sicherlich auch in Hinblick auf die finsteren persönlichen Themen, die du ansprichst. Kannst du dazu ein bisschen mehr erzählen?

Ja, das ist ein etwas längerer Prozess. Der erste Song, den ich für mein Solo-Projekt gemacht habe, heißt „Echoes“. Dafür habe ich mich wieder damit auseinandergesetzt. The Casting Out sollte ursprünglich ein Solo-Album werden. Aber es ist dann doch eine Band geworden, weil ich den Schwanz vor dem Solo-Ding eingezogen habe. Und teils war das auch diesen Gefühlen geschuldet. Als ich sehr jung war wurde ich in unserer Kirche sexuell missbraucht. Und damit aufzuwachsen, es zu verdrängen und zu verstecken hat viele dunkle und schreckliche Dinge hervorgerufen. Ich glaube, mit am schlimmsten war, dass wenn man sehr schmerzhafte Dinge verdrängt und sich nicht damit auseinandersetzt, können sie sich in Angst, Hass und Wut verwandeln.

Und ich erinnere mich, dass es einen Punkt erreichte, als die Rechten dafür im Fokus waren, dass sie viele Fehlinformationen über Muslime und den Islam verbreiteten. Und ich erinnere mich, dass ich mich darin verfing aufgrund meines Hasses gegenüber Religion. Ich hatte Leute um mich, von denen ich dachte, sie wären meine Freunde. Die wussten, dass ich mich bereits in meiner Vergangenheit für Frauenrechte und so weiter interessiert habe. Also taten sie, als ob sie sich um Frauen kümmern würden. Denen sind Frauen scheißegal. Sie spielen dieses Spiel mit Leuten, von denen sie denken, sie sozusagen „umdrehen“ zu können. Und genau das ist passiert.

Ich habe viele wirklich bedauerliche Dinge über Muslime und so weiter gesagt, online und auch so (stöhnt angewidert). Ich sage, es ist peinlich, aber es ist nicht so sehr peinlich, als dass es einfach nur eklig ist. Das hat mich echt da wieder rausgeholt, als ich gemerkt habe: „Das sind nicht meine Freunde. Die benutzen mich einfach nur für eine politische Ideologie, die hasserfüllt und widerwärtig ist!“ Da ist mir klar geworden: „Hey, wir reden nicht einfach nur über Religion. Ihr hackt speziell auf EINER Religion herum, die `zufällig` von vielen braunen Menschen ausgeübt wird. Jetzt verstehe ich, was Sache ist“. (...)

Dann wurde mir klar: „Was ist mit all den Leuten, die zu meinen Auftritten kommen? Statistisch gesehen haben mindestens ein oder zwei Leute im Publikum etwas Ähnliches durchgemacht. Wie viele von diesen Leuten verlassen jede Show mit diesem Schmerz?“ (mit gebrochener Stimme).

Wie genau geht man mit so einer Erfahrung um? Du hast gesagt, dass du es lange verdrängt hast und dich dann damit auseinandergesetzt hast, als du dich ändern wolltest. Bloß wie genau stellt man das an, wenn es einen so schwer verletzt hat?

Das tut man nicht wirklich. Ich meine, das tut man schon. Es ist schwer zu erklären, aber ich versuche es. Man kann es nicht ungeschehen machen. Es wird immer da sein. Es wird immer etwas sein, das ich nicht vergessen kann. Aber wenn man versucht, anderen zu helfen, kann man dadurch viel Freiheit finden. Wenn man anderen helfen kann, kann man Heilung, Freiheit und – ich schätze – einen Ausweg finden. Es ist in gewissem Maß schon fast wie eine altruistische Gier. Man hilft anderen, um sich selbst zu helfen. Und andersherum – man hilft sich selbst, um anderen zu helfen. Also ist es eine symbiotische Beziehung, die man aufrechterhalten muss; diesen Genesungsprozess. Das Beste, was man tun kann, ist, weiterhin nicht zuzulassen, dass es anderen Schmerz bereitet.

Nun hast du ja erzählt, dass es in einem kirchlichen Umfeld passiert ist. Und nun spielst du in einer kirchlichen Umgebung. Hilft dir das dabei, es zu verarbeiten? Das hört sich unheimlich schwer an.

Ja, und deshalb hilft es. Wir können nicht unbedingt viel an unserer Umgebung ändern. Wir können uns selbst ändern. Indem wir uns selbst ändern, besonders öffentlich, damit inspirieren wir andere sehr.

Dazu fällt mir die Geschichte zur Show in der Kirche in Wiesbaden ein. Kurz vor dem Konzert hat sich der Veranstalter mit etwas Besorgnis seitens der Kirche an uns gewendet. Denn ich hatte meine Gefühle bezüglich Religion ja schon immer sehr deutlich geäußert. An diesem Punkt war ich außerdem ein aktives Mitglied der Church of Satan. Und die fragten sich natürlich: „Was zur Hölle? Warum laden wir diesen Typen in unsere Kirche ein?“ (lacht).

Weil das ja eine aktive Kirche ist. Ich finde, eine der coolsten Sachen war, ihnen einen Brief schreiben zu können, in dem ich meinen Respekt ausgedrückt habe. Das ist etwas, das viele, glaube ich, gar nicht realisieren. – Dass es stark ist von Menschen, die zu Opfern gemacht wurden, schreckliche Menschen von einem Titel oder einer gesamten Gruppe zu unterscheiden zu können. Dem Ganzen zu vergeben und die Schuld nur einzelnen Leuten zuzuweisen, ist kraftvoll. Und dann in der Lage zu sein, mit Demut und Menschlichkeit weiterzumachen und zu sagen: „Das ist euer Platz zum Beten und ich komme nicht dorthin, um ihn zu stören oder Chaos zu verursachen. Ich komme lediglich dorthin, um meine Geschichte zu erzählen und dabei werde ich unheimlich respektvoll sein“. Es war eine Ehre und eine sehr befreiende Erfahrung.

Haben sie auf deinen Brief geantwortet oder mit dir nach deinem Auftritt gesprochen?

Nein (lacht). Sie haben das mit dem Veranstalter geklärt und dann war es in Ordnung. Ich bin mir nicht einmal ganz sicher, ob der Priester überhaupt viel Englisch gesprochen hat, um ehrlich zu sein. Das ist mir nicht wichtig (lacht). Ich habe darüber ja keine Kontrolle. Vielleicht haben sie das gehört und konnten weiter machen und haben nicht die Notwendigkeit gesehen, sich nochmal zu melden. Und das ist okay. Ich habe das gemacht, was ich tun musste. Wir können uns selbst kontrollieren und wie WIR mit anderen umgehen. Gleichzeitig müssen wir aber auch wissen, wann man etwas auf sich beruhen lassen muss und einfach zu sagen: „Ich habe das Richtige getan“.

Wirst du dich in Zukunft weiterhin musikalisch mit düsteren Themen beschäftigen?

Ende dieses Monats werde ich eine EP aufnehmen, bevor ich auf Tour gehe. Ich denke, das wird im Mai oder Juni veröffentlicht werden. Und dann werde ich im Juli wieder ins Studio gehen, um ein komplettes Album aufzunehmen. Das wird nächstes Jahr herauskommen. Man wird die allmähliche Entwicklung sehen wie es eine Band-Stimmung bekommt. Ich denke, dass ich definitiv noch weiterhin diese finsteren Emotionen präsentieren werde. Ich habe auch weiterhin vor, und das habe ich ja schon begonnen, neben diesen düsteren Emotionen auch ein hoffnungsvolleres Gefühl nach außen zu tragen.

Ich denke, ich sollte niemals einfach damit aufhören, über solche Themen zu sprechen. Denn die Leute müssen das hören, sie müssen wissen, dass sie da nicht allein sind. Gleichzeitig müssen sie aber auch wissen, dass es Hoffnung und einen Ausweg gibt.

Du bist ja bereits einige Male in Hannover aufgetreten und kehrst im März zurück. Woran erinnerst du dich noch von den vergangenen Konzerten und was können wir von der kommenden Show erwarten?

In Hannover war ich tatsächlich schon mit mehreren Bands, das stimmt. Ich liebe Hannover. Das war jedes Mal eine wunderbare Erfahrung und die Menschen dort waren immer wundervoll. Diesmal soll, wie gesagt, die Musik im Vordergrund stehen. Ich werde auch andere Songs von Boysetsfire, The Casting Out und Nathan Gray Collective einbringen, um die Stellen, an denen ich sonst etwas erzählt habe, zu füllen.

Nun möchtest du dich ja mehr auf dein Solo-Projekt konzentrieren. Gibt es dennoch Neuigkeiten von Bosysetsfire, abgesehen von der 25-jährigen Jubiläums-Show von Hot Water Music, bei der ihr im Juni auch dabei sein werdet?

Ja, bei Boysetsfire ist viel los, nur nicht so viel Planung. Bei den zwei Shows in Philly machen wir mit, einfach weil Hot Water Music gute Freunde von uns sind. Sie haben uns gefragt, ob wir dabei sind und wir haben gesagt: „Ja klar, lasst uns Abriss machen“. Aber was das Schreiben und Touren und so weiter angeht, müssen wir einfach gucken, wie es kommt. Josh und Chad wohnen in derselben Nachbarschaft wie ich, also sehen wir uns ganz oft und spielen Songs und schreiben ein bisschen und so. Aber es ist noch nichts so wirklich in Stein gemeißelt. Das wird eine Überraschung für alle, uns eingeschlossen (lacht). Meistens ist es dann spontan, wenn wir uns treffen und beschließen: „Ja, lass uns das machen!“ Dann erfahrt ihr davon, wenn wir davon erfahren. So macht das Spaß. Wir hatten früher ein Leben voller Zeitpläne und haben lange Zeit versucht, unseren Platz zu finden. Jetzt haben wir die Freiheit das einfach spontan zu entscheiden. So hat jeder von uns die Möglichkeit, auch sein eigenes Ding zu machen. Josh spielt in einer Band namens „Supreme Ritual“ zusammen mit meinem Sohn Simon. Robert macht viel Yoga und trainiert. Jeder hat sein eigenes Ding. Und immer mal wieder stoßen wir dann zusammen und spielen eine Show.

Auf Twitter hast du ja kurz vor unserem Interview ein Foto gepostet, auf dem du ein Schild hochhältst, auf dem steht „Asyl zu suchen ist legal, soll legal bleiben und Menschen sind NICHT illegal oder überflüssig. Flüchtlinge sind KEINE Eindringlinge, sondern unsere Nachbarn, die Hilfe brauchen. Lasst Angst und Hass nicht gewinnen!“ Du teilst deine politischen Ansichten der Öffentlichkeit lautstark mit. Kannst du dazu noch ein bisschen mehr erzählen?

Ja, alles was derzeit so in der Welt los ist, hat ziemlich schwer auf mir gelastet. Denn es scheint so, als hätte es so eine heftige Gegenreaktion gegenüber armen und benachteiligten Leuten gegeben, die auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Wir haben das in den USA, in Großbritannien und sogar in Deutschland erlebt – von Leuten, die angsterfüllt sind. Und diese Angst wird zu Hass. Und diese Menschen werden von gierigen Leuten benutzt.

Und dieses Thema liegt mir sehr am Herzen, nicht zuzulassen, dass das verbreitet wird. Vielleicht auch gerade, weil ich vor einigen Jahren selbst Teil davon war und dabei geholfen habe, Propaganda zu verbreiten.

Deshalb arbeite ich mit Organisationen zusammen. Ich habe zum Beispiel ein T-Shirt rausgebracht, von dem alle Einnahmen an „Raices“ gehen, eine Gruppe von Anwälten, die mit Flüchtlingen aus Mexiko und Südamerika arbeiten. Was mir überhaupt nicht in den Kopf will, aber da gibt es tatsächlich Vierjährige, die vor Gericht gehen. Mit Wachsmalstiften versucht man, die Kinder dazu zu bringen, den Horror zu beschreiben, der in ihrem Land stattfindet und weshalb sie hierherkommen. Das ist so irre! Wer dagegen nicht kämpft, kämpft dafür. Das sagt viel aus, wenn einen das kalt lässt. Dann ist man mitschuldig. Und das ärgert mich. Deshalb versuche ich, Botschaften zu verbreiten, die gegen diese Angst angehen, welche schreckliche Dinge zur Folge hat.

Du hast ja gesagt, dass du nun bereust, was du damals gesagt hast, als du in dieser dunklen Phase gesteckt hast. Wie haben deine Fans damals darauf reagiert? Haben sie dich deshalb zur Rede gestellt?

Das waren gemischte Reaktionen. Da gab es auf jeden Fall Leute, die einfach nur „Fuck you“ meinten und gegangen sind. Und dann gab es andere, die gesagt haben: „Ja, wir verstehen, was du da sagst, aber ich glaube, du hast das alles nicht richtig durchdacht“. Es waren tatsächlich mehr Leute, die bei mir geblieben sind.

Ich habe das schon oft gesagt; glückliche Menschen machen andere Leute nicht unglücklich. Wenn du glücklich bist, wünschst du anderen nicht das Schlimmste, sondern das Beste. Ich erinnere mich, als ich unglücklich war und jemanden lächeln gesehen habe, und mir nur dachte: „Über was zum Teufel lächeln die?!“ (lacht). Wenn ich jetzt Leute sehe, die lächeln, denke ich mir: „Super, sie sind glücklich!“ Ist doch ganz egal, warum sie lächeln, ist doch schön für sie! Das macht wirklich einen Unterschied in deinem Leben.

Das vollständige Audio gibt es hier.

Das klingt nach einer Lektion für’s Leben. Schön, dass man dich nicht aufgegeben hat.

Dafür bin ich sehr dankbar und ich bin froh, dass ich mich da durcharbeiten konnte. Es ist wundervoll, da rausgekommen zu sein.


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