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Die Gitarre war immer sein Plan B: Robby Ballhause begann erst eine Lehre, bevor er sich ganz der Musik widmete.

„Aus Plan B wurde Plan A“

Wir sprachen mit Robby Ballhause

10.11.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Robby Ballhause hat viel zu erzählen. Angefangen beim ausrangierten Plattenspieler der Eltern, über seine aufregenden Reisen durch ganz Europa bis hin zu seinem heutigen Alltag im Studio und auf der Bühne. Der Hannoveraner, der seinen musikalischen Schwerpunkt vor allem auf Folk, Bluegrass, Country und Rock/ Pop legt, schmunzelt, wenn er von seinen Begegnungen als Straßenmusiker oder seiner einzigen abgesendeten Bewerbung erzählt. „Ich hatte immer den Vorteil zu wissen, dass ich auch mit meiner Gitarre überleben kann“, berichtet der Musiker und Produzent, der sein „Land‘s End Studio“ in der Nähe des hannoverschen Tiergartens hat. Wir trafen Robby Ballhause zu einem Gespräch über seinen Lebensweg und Pläne für die Zukunft.

Rockszene.de: Was waren deine ersten Berührungspunkte mit Musik?

Robby Ballhause: Mit Musik kommt man im Leben automatisch in Berührung. Meine Mutter war Schlagerfan und mein Vater hat im Plattenladen immer die aktuellen fünf Top-Hits gekauft; kam also mit einer bunten Tüte nach Hause. Als dann in den 70er-Jahren die Hippie-Phase in Hannover ankam und alle selbstgedrehte Kerzen und Walla-Walla-Kleider verkauften, war ich mit meinen Eltern bei einem Bekannten zu Besuch und auf dessen Bett lag eine Gitarre, an der ich mich versucht habe. Dann sagte jemand zu meinen Eltern, sie sollten mir doch eine Gitarre zu Weihnachten schenken und so fing ich mit elf Jahren an, mir erste Akkorde autodidaktisch beizubringen. Man hat dann auch versucht, die Texte von Songs herauszuhören und sich einmal pro Woche Texthefte am Kiosk gekauft. Dadurch habe ich viele Texte auswendig gelernt und hatte bei Auftritten den Vorteil eines großen Repertoires, für das ich keinen Notenständer brauchte. Ich konnte immer aus dem Stand darauf zurückgreifen und so auch viel Straßenmusik machen.

Wenn Musik nicht dein Beruf geworden wäre, dann…?

Als Kind wollte ich Tierarzt werden, weil ich mich für alles, was so herumgekrabbelt ist, interessierte. Ich habe Käfer gesammelt und hatte Terrarien mit Echsen und Amphibien. Die wissenschaftliche Richtung hat mich fasziniert, aber ich bin auch über vier Jahre hinweg Radrennen gefahren und habe neben der Schule in einem Radshop gearbeitet. Mein Vater war ein brillanter Handwerker und für mich war es wichtig, auch selbst handwerklich etwas leisten zu können. Kurz vor meinem Abitur habe ich meine Sachen gepackt und gen Süden gefahren; habe Straßenmusik gemacht und am Strand geschlafen. Mit der einzigen Bewerbung, die ich in meinem ganzen Leben versendet habe, begann ich dann eine Lehre zum Dreher. Aber die Musik war mein Plan B. So musste ich mir während meiner Ausbildung und im weiteren Leben nicht sonst was gefallen lassen, sondern hatte den großen Vorteil zu wissen, dass ich auch mit meiner Gitarre überleben kann.

Du beschreibst dich auf deiner Homepage als „der amerikanischste unter den hiesigen Songwritern“ – Was meinst du damit genau?

Es bezieht sich vor allem auf den musikalischen Inhalt. Für mich ist die Bezeichnung „Singer-Songwriter“ eher eine Worthülse, wie auch die Genrebezeichnung „Indie“ letztendlich eigentlich nur eine Band ohne festen Plattenvertrag beschreibt. Wenn ich mich als amerikanischen Songwriter bezeichne, dann orientiere ich mich dabei an den großen Helden wie Bob Dylan. Der Begriff soll klar machen, dass ich kein deutscher Schlager-Barde bin.

Du hast Straßenmusik gemacht – War das aus der Not heraus oder eine bewusste Entscheidung?

Die Stimmung in Südeuropa ist nicht mit der in Deutschland zu vergleichen. Hier wird das Straßenmusik machen ja oftmals mit Betteln gleichgesetzt. In Griechenland oder Italien dagegen ist es eine anerkannte Art und Weise, wie sich Musiker ihren Lebensunterhalt verdienen. Dort gibt es Offenheit und die Leute bleiben stehen, um zuzuhören.

Du hast auch als Toningenieur und Produzent gearbeitet – Wie hat dir das Musiker sein bei der Arbeit geholfen?

Ich war von der Tontechnik schon immer fasziniert: Mit vier Jahren habe ich meinen ersten eigenen Plattenspieler bekommen – ein ausrangiertes Modell meiner Eltern, das dann ins Kinderzimmer gewandert ist. Dadurch habe ich angefangen, Jugend-forscht-mäßig mit Technik zu spielen. Der Vorteil auch Musiker zu sein ist sicherlich, dass ich nicht nur auf physikalischen Grundlagen gegen Probleme oder Phänomene ankämpfe, sondern beurteilen kann, ob es funktionieren kann oder nicht. Wenn jemand seine Gitarre nicht stimmt, dann muss man sich nicht wundern, wenn etwas nicht so klingt, wie man es sich vorstellt.

Dein aktuelles Album „Go on“ – Ist es eine Ermutigung oder ein Befehl?

Der Name des Album ist auch gleichzeitig der Name einer der darauf enthaltenden Songs – ursprünglich sollte das Album einfach „8“ heißen, da es mein achtes Album ist, aber das ließ sich im Cover Artwork nur unschön umsetzten – also nahm ich einen Songtitel als Albumtitel. Der Song „Go On“ selbst ist eine Bitte an alle Künstler, weiter zu machen, denn ich möchte auch weiterhin gute Musik hören, tolle Bilder betrachten, gute Literatur lesen und interessantes Schauspiel bewundern! Viele Künstler müssen erst sterben, um von ihrer Kunst leben zu können, aber das hilft im Leben ja nicht.

Wie sieht dein heutiger Alltag aus?

Früher hatte ich einen wilderen Lebensstil und heute eher das Gefühl, nichts mehr zu erleben – das ist beim Songwriting manchmal etwas schwierig. Ich schreibe aber auch lieber über Dinge und Erlebnisse, die ich schon verarbeitet habe. Ich finde, dass man diese frische Phase eines prägenden Erlebnisses abwarten sollte. Natürlich kann man das selbst alles wunderbar durchleiden, aber für mich gibt es nichts Schlimmeres als einen Künstler, der auf der Bühne seine eigene Therapie durchlebt. Auch mit öffentlicher Ton- und Veranstaltungstechnik habe ich heute nicht mehr viel zu tun. Der Strukturwandel der Szene ist auf Dauer schwer mitzumachen. Das Ganze ist eher in den Industriebereich gerutscht und man kann auf Messen oder Kongressen noch gutes Geld verdienen. Man muss bei dieser Arbeit aber ständig eine Messehalle in eine Pralinenschachtel verwandeln und dort einen Kieslaster präsentieren. Für mich gibt es da emotional nicht mehr viel abzugreifen und so konzentriere ich mich heute eher wieder auf meine eigene Musik. Aus Plan B wurde Plan A.

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