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Arbeitet auf großen und kleinen Bühnen: Svenja Dunkel ist Artistin und Frequenzmanagerin zugleich.

Ein Kind der Praxis

Im Gespräch mit Svenja Dunkel

28.04.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Ihre Anfänge machte sie in der Artistik, dann folgte der Wunsch nach dem Schlagzeug spielen. Heute hat Svenja Dunkel beide Leidenschaften vereint und ihre Selbstständigkeit noch um das Frequenzmanagement erweitert. Damit betreut sie regelmäßig große Veranstaltungen wie den Echo oder die Shows von Helene Fischer. Doch was genau macht eine Frequenzmanagerin überhaupt und wie sieht der Alltag der Hannoveranerin aus? „Es gibt eigentlich keinen Alltag“, lacht Dunkel. Wir sprachen mit ihr im Interview über ihre Arbeit und Trends der Musikbranche.

Rockszene.de: Wie bist du ins Musikbusiness gekommen?

Svenja Dunkel: Als kleines Kind habe ich angefangen auf Töpfen und Kartons zu trommeln, der Klassiker. Je älter ich wurde, desto öfter sagten meine Eltern: „Oh, bloß kein Schlagzeug“ (lacht). Tatsächlich habe ich dann mit Zirkus und Artistik angefangen und nicht mit der Musik. Mein Lehrer im Zirkus, selbst auch Schlagzeuger, hat mich allerdings schnell dazu ermutigt, zusätzlich den Musikteil weiter zu verfolgen. So habe ich angefangen die Artistik und das Schlagzeug spielen zu verbinden. Ab der 10. Klasse habe ich dann versucht, mich im kreativen Berufsfeld umzusehen. Mit 16 Jahren habe ich ein Praktikum im MusikZentrum vollzogen und versucht herauszufinden, wie es weiter gehen soll und wo ich hin möchte. Die Mischung aus Artistik, Musik und Veranstaltungsorganisation befand sich seit jeher als Idee in meinem Kopf. Dies umzusetzen war gar nicht so einfach. Aus der irrtümlichen Annahme heraus, dass man Zirkus nicht studieren kann, absolvierte ich zwei Jahre eine Ausbildung zur anerkannten Chorleiterin für Laienmusik. Das Ganze war einem klassischem Vollzeit-Musikstudium nah, aber längst nicht das was ich wollte. Einen praxisnahen Studiengang zum Thema Veranstaltungen gab es zu der Zeit nicht in Deutschland, so landete ich bei dem Thema Ausbildung, denn praxisnäher geht es nicht. Ich begann im MusikZentrum als Auszubildende zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Das Chefteam gab mir die größtmögliche Freiheit den damals neuen Beruf meinen Ideen entsprechend auszuführen und mit meinen bereits vorhanden Ressourcen auszufüllen.

Während der ganzen Jahre habe ich nebenher die Artistik und die Musik weiter verfolgt und mich direkt nach dem Ende der Ausbildung als auftretende Künstlerin selbstständig gemacht. Mein Interesse an Veranstaltungsorganisation ging mir weiterhin nicht aus dem Kopf. Ich fing bei Sennheiser in der Artist Relation-Abteilung als Praktikantin an und kam in dem Zuge mit dem Thema und vor allem der Faszination Funk in Berührung. In der Firma fehlte das Bindeglied zwischen Praxis und Theorie und so begann ich im Keller bei Sennheiser endorste, also gesponserte Produktionen zusammenzuschrauben, diese an Bands und deren Techniker zu vermitteln und Anwendungs-, sowie Systemfehler zu erkennen. Nach den drei Monaten als Praktikantin war ich als Selbständige engagiert. Das war der Grundstein, learning by doing. Ich bin keine Tontechnikerin, ich bin Frequenzmanagerin und war schon immer ein Kind der Praxis.

Wie sieht dein Alltag aus? Wie ist es, selbstständig zu sein?

Ich habe keinen Alltag (lacht). Es gibt Tage, da stehe ich mittags auf, weil ich bis in die Nacht gearbeitet habe und an anderen Tagen muss ich früh im Büro sein. Die Selbstständigkeit ist nicht unbedingt so, wie man es sich vorstellt. Die ersten Jahre hatte ich auch mal Existenzängste. Man muss mit seinen Kräften haushalten und ist ein Lakai seiner eigenen Arbeit und der angeschobenen Projekte. Ich kann zwar selbst entscheiden und sagen, was ich mache und was nicht, aber die Zeitfenster sind so schwammig, dass meine Entscheidungen immer von Kopf und Bauch ausgehen. Mein Umfeld hat mich auch anfangs gefragt, ob ich mich nicht mal zwischen der Artistik und dem Frequenzmanagement entscheiden will und ich habe nur geguckt wie ein Auto, weil ich nie das Gefühl hatte, mich entscheiden zu müssen (lacht). Ich hatte immer vielmehr die Wahrnehmung, dass sich die Dinge, die ich mache wie ein geflochtener Zopf verhalten und ergänzen. Ich kann zu 100 Prozent Artistin und auch gleichzeitig zu 100 Prozent Frequenzmanagerin sein.

Welche Trends und Entwicklungen findest du überflüssig oder sinnvoll?

Ich selber habe kein Twitter, kein Facebook und kein Instagram; zu WhatsApp habe ich mich hinreißen lassen, beziehungsweise kam ich nicht dran vorbei (lacht). Ich stelle aber auch ohne Besitz dessen fest, dass solche Dienste die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit massiv antreiben, was sich auch auf die Branche auswirkt, da Anfragen immer kurzfristiger kommen und Antworten von Null auf gleich erwartet werden. Man ist heutzutage überall und vermeintlich jederzeit erreichbar. Es wird in nicht nachvollziehbarer Geschwindigkeit umgeworfen, auf dem Blatt Papier verändert. Aber wir sitzen als Macher in der Praxis, da wird es irgendwann schwierig 24/7 auf Geschriebenes zu agieren und gleichzeitig eine Veranstaltung erfolgreich umzusetzen.

In der Artistik beispielsweise sind die Tricks von Jahr zu Jahr schwieriger geworden - Copy, Paste und weiterentwickelt. Und gerade auch in der Technik verändern sich Dinge. Was früher analog war, wird heute teils digital und lässt sich an manchen Stellen schlecht mit noch Analogem verknüpfen. Ähnlich ist es in der Frequenzbranche. Die Bandbreite, auf der ich arbeiten kann, hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre deutlich verkleinert und für Frequenzen heißt das, je mehr man auf engem Raum zusammenpackt, desto mehr stören sich die Signale gegenseitig. Die Firmen entwickeln neue Systeme um mit der Schnelllebigkeit mitgehen zu können. Zu analog gesellt sich digital und es mutiert zu einem Mischsystem.

Die Schule der kleine Sachen

Für den oberen Frequenzbereich haben Mobilfunkunternehmen Millionen Euro an die Regierung bezahlt, um heute LTE nutzen zu können. Die Bundesregierung wollte viel Geld damit verdienen, am Ende lacht die Wirtschaft, in dem Fall die Netzbetreiber. Schlussendlich frage ich mich immer, wie man Luft veräußern und etwas verkaufen kann, das eigentlich allen gehört (lacht). Funksysteme sind komplexer geworden und gleichzeitig muss ich schauen, wo ich sie innerhalb der Range, der angewandten Praxis unterbringe und vor allem wie anlege. Bei all dem kann ich meine Erfahrungen aus der Artistik immer gut verwenden. Ganz simpel zum Beispiel: Kostüm und Sendetechnik. Was wird wie am Kostüm angebracht, damit ich die bestmögliche Funkausbeute habe, aber auch der Künstler nicht in seiner Bewegungsfreiheit und Show eingeschränkt wird?

Arbeitest du als Frequenzmanagerin lieber auf großen oder kleinen Bühnen?

Je kleiner die Bühne, desto trickyer wird es und je weniger Geld zur Verfügung steht, desto mehr Problemlösungen muss man parat haben. Die Arbeit mit den Kindern aus meiner Zirkusgruppe auf kleineren Bühnen macht mir viel Spaß und ich finde es wichtig, dass man auch auf diese kleineren Bühnen zurück- und zurechtkommt. Das ist die Schule der kleinen Sachen und mir ist es wichtig zu wissen, wo der Ursprung ist. Das auf die großen Bühnen zu übertragen ist ein Geschenk! Beides ist sinnvoll.

Was rätst du jungen Menschen, die sich für das Musikbusiness oder deinen Arbeitsbereich interessieren?

Man sollte auf jeden Fall keine Scheuklappen oder einen Tunnelblick haben. Es lohnt sich immer, Praktika zu machen oder nebenbei zu arbeiten, sich ein Netzwerk aufzubauen. Außerdem sollte man in sich reinhorchen, ob man lieber als Selbstständiger quasi Non Stop arbeiten möchte oder in ein Angestelltenverhältnis geht. Jeder muss für sich wissen, was für ein Typ Mensch er ist. Will man nur auf sich angewiesen sein und kann man sich selbst dann auch in den Arsch treten, um gewissenhaft zu arbeiten? Trotz Selbstständigkeit ist man ein Teamplayer, gemeinsam erwachsen die Ideen und Umsetzungen dessen. Ich kann da nur empfehlen, viele Ebenen zu durchlaufen, denn es schadet nie, wenn man Praxiserfahrungen hat. Das ist immer ein Zugewinn. Man sollte sich aber auch keinen Stress machen. Ich glaube, heutzutage haben junge Leute viele Möglichkeiten, frühzeitig nach Praktika oder ähnlichem zu suchen und ihre Interessen zu festigen. Medienberufe sind nun mal einfach schwammig und gleichzeitig für viele ein mögliches Berufsfeld. Ich finde das bis heute schwierig und alle drei bis fünf Jahre ändert sich gefühlt auch mein Beruf (lacht). Da muss man einfach up to date bleiben, aus dem eigenen Sumpf rauskommen und seinen Habitus erweitern. Für mich ist es ein lebenslanges Lernen. So habe ich den Echo beispielsweise nicht angenommen, weil es der Echo ist, sondern weil es eine neue Herausforderung war. Ich habe vor so etwas Respekt, keine Angst, vor allem aber Wissbegierde.

Was sind deine Ziele und Pläne für die Zukunft?

Ich bin ein totales Hannover-Kind und hier verwurzelt. Ich bin gerne zu Hause, vor allem nachdem ich die letzten drei Jahre fast nur auf Tour war. Die Artistik ist etwas für mein Herz und meine Seele, das Frequenzmanagement auch etwas für meinen Kopf. Ich will nichts anderes machen und hoffe, dass weiterhin so viele interessante Anfragen kommen, die ich in Einklang mit meinem Privatleben bringen kann. Mein Wunsch ist also eigentlich, dass alles so bleibt, wie es ist, nur mehr zu Hause zu sein (lacht). Wenn die Menschen auf der Bühne oder im Publikum lächeln, dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe.

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