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Ob Kreislaufprobleme oder Quetschungen - Marc-Oliver Berndt und seine Kollegen vom Arbeiter-Samariter-Bund versorgen sowohl Konzertbesucher als auch Mitarbeiter

„Mittendrin und manchmal sogar Backstage“

Im Interview mit dem Arbeiter-Samariter-Bund

16.02.2018, Von: Sabrina Kleinertz, Foto(s): Sabrina Kleinertz

Heiße Sommertage vor der Open Air-Bühne, kleine Clubshows mit schweißtreibenden Beats oder wilde Moshphits mit anderen Feierwütigen – was für viele Konzertbesucher ein Wunschtraum ist, stellt für Sanitäter viele Herausforderungen dar. Dehydrierung, Ohnmacht oder körperliche Verletzungen sind nur einige Szenarien, die eintreten können, wenn das Konzerterlebnis Schieflage bekommt. Doch wie kann man dem vorbeugen und anderen Konzertbesuchern in Notsituationen effektiv und schnell helfen? Wir trafen Marc-Oliver Berndt, der beim Arbeiter-Samariter-Bund für die Ausbildung der Sanitäter verantwortlich ist, um Tipps zu sammeln und mehr aus dem facettenreichen Arbeitsalltag zu erfahren.

Rockszene: Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus, wenn Sie Musikveranstaltungen betreuen?

Marc-Oliver Berndt:In Hannover betreuen wir zum Beispiel alle Großveranstaltungen von Hannover Concerts. Das beginnt bei Veranstaltungen im Capitol bis hin zu Events in der TUI Arena, Großkonzerten im Stadion sowie Festivals auf dem Expo Gelände. Am Veranstaltungstag kommen wir ein paar Stunden vor dem Einlass bei der Location an, besprechen die erwartete Lage, Vorgaben sowie Ablaufplanung mit dem Veranstalter und dessen Security-Personal und bauen unsere Unfallhilfsstelle an strategischen Punkten auf. Wir sind da alle ein sehr eingespieltes Team. Beim Einlass stehen wir dann auf Treppen oder an Durchgängen, damit wir für die Besucher sichtbar sind und sie wissen, dass sie sich an uns wenden können. Darüber hinaus sichern wir häufig auch vor und nach den Konzerten ab und stehen bei Bedarf für die Bühnenarbeiter beim Auf- und Abbau zur Verfügung.

Was sind typische Verletzungen?

Bei Roadies und Stageshands sind es vor allem Quetschungen, Platzwunden und Abschürfungen. Aber die sind hart im Nehmen (lacht), wollen nur ein „Pflaster“ und dann weiter arbeiten. Bei den Veranstaltungsgästen haben wir es oftmals mit Kreislauf- beziehungsweise Blutdruckstörungen zu tun. In der Regel bedingt durch mangelnde Flüssigkeitsaufnahme und Aufregung oder die andere Seite, nämlich zu viel Flüssigkeit in Form von Alkohol. Es kann auch vorkommen, dass wir Besucher versorgen, die gefallen, gestürzt oder geschupst worden sind.

Meist ist alles schnell und vor Ort zu versorgen. Bei Bedarf kümmern wir uns aber natürlich auch um den sicheren Transport zur Weiterversorgung in eine lokale Notaufnahme. Wie vielen Menschen unseren ehrenamtlichen ASB-Einsatzkräften zu Hilfe eilen hängt stark von Art, Ort und Zeit der Veranstaltung ab, eine Durchschnittszahl an Hilfeleistungen lässt sich da nicht nennen. Eine Besonderheit stellen mehrtägige Open-Air-Festivals dar, dann kommen noch „Campingunfälle“ dazu. Man bleibt irgendwo hängen, tritt in scharfkantige Gegenstände, verbrennt sich die Hände am Grill oder holt sich einen dicken Sonnenbrand. Das sind dann Alltagsunfälle, die hinzukommen.

Wie hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Zeit verändert? In den Medien wird immer wieder von Übergriffen auf Rettungskräfte berichtet.

Ich persönlich finde nicht, dass es wesentlich mehr oder weniger Fälle gibt, als Ende der 1990er Jahre oder der Jahrtausendwende. Die Besucher sind aus meiner Sicht sogar, na ja, etwas disziplinierter geworden (lacht). Damals gab es das sogenannte „Backstreet Boys“-Syndrom, wie am Fließband fielen Mädchen und junge Frauen bei Konzerten von Boygroups in Ohnmacht. Heute ist das glücklicherweise seltener und vor allem nicht mehr in dem Ausmaß der Fall. Was das Thema Gewalt gegen Rettungskräfte angeht, tätliche Angriffe auf ehrenamtliche Einsatzkräfte im Sanitätsdienst sind meiner Ansicht nach kein Problem. Bei den hauptamtlichen Rettern im Alltagseinsatz kann das durchaus anders aussehen. Bei Konzerten wollen die Leute feiern und sind gut drauf. Wir erleben daher eher Besucher, die uns wohlgesonnen sind und sich über die schnelle und unkomplizierte Hilfe vor Ort freuen. Es gibt zwar auch mal Ausreißer, die pöbeln, aber wir wissen damit umzugehen und uns selbst zu helfen (lacht).

Wie erkenne ich als Besucher, dass ein Mitmensch Hilfe braucht und was ist dann zu tun?

Einfach mit offenen Augen durchs Leben gehen (zwinkert) und den Mut haben, einen Mitmenschen dem es augenscheinlich nicht gut geht zu fragen, ob er oder sie Hilfe braucht. In den meisten Fällen ist ein Mensch, dem es schlecht geht, zum Beispiel an seiner Hautfarbe, seiner Mimik oder auch an seinem Verhalten an sich, durchaus zu erkennen. Mehr als „Nein danke, ich brauche keine Hilfe“ kann ja nicht passieren. Falls doch Hilfe notwendig ist, bleiben Sie bei der hilfebedürftigen Person und weisen gezielt eine weitere Person an, einen Sanitäter beziehungsweise eine Security-Kraft anzusprechen und Hilfe her zu führen. Versuchen Sie in ruhiger Art und Weise etwas mehr Platz für die betroffene Person und sich zu organisieren. Bitten Sie wieder gezielt umstehende Mitmenschen um Rücksichtnahme und Mithilfe, zum Beispiel um anrückende Helfer auf sich aufmerksam zu machen. Unterhalten Sie sich mit der betroffenen Person, fragen Sie nach dem Auslöser für den Vorfall, bei bekannten Problemen lassen Sie sich erzählen was sonst hilft und handeln Sie entsprechend.

Im Allgemeinen verbessern einfaches Hinsetzen-/legen, eine Wärmeerhaltung durch beispielsweise eine Jacke oder ein Shirt und freundliche beruhigende Worte die Situation merklich. Lassen Sie die eintreffenden Sanitäter zunächst selbst mit der hilfebedürftigen Person sprechen und treten Sie falls nötig ein Stück zurück. Für uns ist es wichtig selbst mit dem Patienten zu sprechen, um dessen Zustand besser einzuordnen. Je nach Situation, bitten wir Sie etwas später dann um Ihre Sicht der Dinge. Daher bitte nicht weglaufen. Über solche herzliche Hilfe sind wir dankbar.

Was sind die schönen Seiten Ihrer Arbeit?

Spontan? Natürlich das Helfen an sich und idealerweise die dafür entgegengebrachte Dankbarkeit und Anerkennung. Besondere Einsatzerfahrungen, die einen wachsen lassen, die einen prägen und die einen mit ebenso besonderen Menschen verbinden. Ich bin seit 1997 beim ASB und habe in dieser Zeit viele interessante Menschen kennengelernt. Aus einigen dieser Bekanntschaften wurden bis heute andauernde Freundschaften, dass zähle ich auf jeden Fall auch zur positiven Seite. Und ansonsten würde ich noch unseren besonderen Arbeitsplatz aufzählen, oft sind wir da, wo andere gern wären – mitten drin und manchmal sogar Backstage.

Welche Tipps können Sie Konzertbesuchern geben?

Man sollte versuchen sich vorher ausreichend zu verpflegen. Viele Konzertbesucher kommen ja nicht unbedingt direkt aus Hannover, sondern haben längere Anreisen. Wenn dann zwischen Aufbruch und Konzertbeginn nichts mehr in den Magen kam, ist der Kreislaufkollaps häufig vorprogrammiert. Falls die Verpflegung doch mal vergessen wurde, es müssen ja nicht alle in der Warteschlange „campen“. Ein Gruppenmitglied kann sicher noch zum „Versorger“ ernannt werden und in der Umgebung was zum Essen und Trinken organisieren. Das Smartphone zeigt bestimmt den Weg. Zur Veranstaltung selbst würde ich empfehlen, Müsli oder Nüsse mitzunehmen. Sollte die Security das beim Einlass nicht erlauben, kann man diese Dinge immer noch zügig vor der Tür verzehren und liefert dem Körper schnelle Energie. Und auch Ohrenstöpsel kann ich nur empfehlen. In jedem Drogeriemarkt zu kaufen und parat, wenn die Musik doch mal zu laut wird. Sie sind leicht, können bei Bedarf sehr nützlich sein und stören nicht, wenn sie nicht zum Einsatz kommen (lacht). Zu guter Letzt halte ich angepasste Kleidung für hilfreich. Manche Besucher vergessen, dass es vor und nach dem Konzert meist nicht so warm ist.

Oftmals sind Eltern auch mit ihren kleinen Kindern bei Konzerten und Festivals unterwegs – Was halten Sie davon und was raten Sie Eltern, die das planen?

Meiner persönlichen Meinung nach ist es unverantwortlich, mit kleinen Kindern auf Rockkonzerte oder ähnliche Veranstaltungen zu gehen. Die möglichen Gefahren für Säuglinge und Kleinkinder, etwa der Geräuschpegel, Rempeleien oder die „schlechte Luft“, sind für mich ein Ausschlusskriterium. Ansonsten möchte ich Eltern, die mit Kindern eine Musikveranstaltung besuchen wollen, grundsätzlich Folgendes ans Herz legen: Kauf, Mitnahme und Aufsetzen eines passenden Gehörschutzes für Ihr Kind. Gut sichtbare Kinderbekleidung. Notfallkarte am Körper des Kindes, mit dessen Namen sowie dem eines Erziehungsberechtigten, Treffpunkt nach dem Konzert sowie mindestens einer Notfallnummer von Angehörigen außerhalb des Konzertes darauf. Wichtig sind außerdem Vorkenntnisse zur Location, wie zu Beispiel Ein- und Ausgänge, Fluchtwege und Toilettenstandorte, außerdem mögliche Sammel- oder Treffpunkte. Fragen Sie frühzeitig nach, was gegebenenfalls nicht auf das Konzertgelände mitgenommen werden darf, nicht dass die gesamte Verpflegung im Müll landet und Geld für die Gastro-Angebote fehlt. Dann ist alles klar und wir können nur noch viel Spaß für Sie und Ihr Kind wünschen.

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