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Berufsmusiker Ron Oberbandscheid ist nicht nur leidenschaftlicher Bassist, sondern arbeite auch für das neue hannoversche Label Magic Mile Music.

Hoch lebe die Kunst!

Ron Oberbandscheid im Interview

02.02.2015, Von: Hanna Rühaak, Foto: PC Dikran

Als Bassist wird man in der Musikszene schnell zur Randfigur degradiert, doch das – wie in vielen Fällen – vollkommen zu Unrecht, wie auch unser Gespräch mit Ron Oberbandscheid zeigt: Der Berufsmusiker zupft nicht nur den Bass in Bands wie Wisecräcker und Hemden, sondern arbeitet auch für ein neugegründetes Label samt Studio namens Magic Mile Music GmbH in Hannover/Badenstedt und hat einiges zu erzählen. Während im Studio bereits Aufnahmen auf Hochtouren laufen, nimmt sich Ron die Zeit für ein Gespräch mit Rockszene.de.

Rockszene.de:
Ron, wir treffen uns hier im Magic Mile Studio. Wieso gerade hier?

Ron Oberbandscheid:
Wir treffen uns hier, weil ich gerade im studioeigenen Büro arbeite. Das Magic Mile Studio gehört zur Magic Mile Music GmbH. Das ist ein neues Label in Hannover, das von Oliver Oppermann und Volker Pape gegründet wurde. Oliver ist in der hannoveraner Musikszene bekannt, weil er eine Bandakademie und eine Gitarrenschule betreibt. Im Rahmen seiner Bandakademie kam er auf den Gedanken, ein Label zu gründen, um Schülerbands professionelle Produktionen und nicht nur bessere Demos zu ermöglichen. Aus dieser Akademie kommen ursprünglich Bands wie beispielsweise Kneeless Moose, die inzwischen professionell unterwegs sind und gerade ihr zweites Album herausgebracht haben. Der Unternehmer und Mitgründer Volker Pape, dem die Viscom AG gehört, auf deren Firmengelände wir uns gerade befinden, ist der Financier hinter dem Label. Heutzutage ist es für Musiker schwer, an Labels heranzukommen – und man kennt die Geschichten von Major-Labels, bei denen man erst mit viel Glück gesigned, dann aber auch schnell wieder gedropped wird. Und dann stehen viele verheißungsvolle Bands vor dem Nichts. Hier läuft das anders, hier geht es um Nachhaltigkeit: Dass Bands, die mit uns zusammenarbeiten, eben nicht auf halber Strecke einfach wieder rausgekegelt werden, weil sie kein Geld einbringen. Wir streben eine langfristige Kooperation mit ihnen an, weil wir an sie glauben. Und um möglichst unabhängig zu sein, wurde tatsächlich das Vorhaben umgesetzt, ein nagelneues, professionelles Studio zu bauen. Es gibt ja kaum ein Label, das auch noch ein eigenes Studio errichtet.

Ja, das hat mich auch sehr gewundert.

Das wundert die ganze Szene.

Das ist für ein Label und die Bands ja auch echt ideal!

Ja, Bands brauchen einfach Unterstützung, damit man eine ordentliche Produktion und eine daran anschließende Promotion machen kann. Sonst macht das alles nun mal keinen Sinn und bleibt Träumerei.

Macht ihr die Promotion auch selber oder habt ihr jemanden extern beauftragt?

Das ist für uns noch ein bisschen Zukunftsmusik, weil man da einfach wirklich das Knowhow und die Netzwerke braucht. Momentan lagern wir das noch aus. Das heißt: Wir machen Produktionen und beauftragen Agenturen für die Promotion, die sich speziell mit dem entsprechenden Musikgenre auskennen. Des Weiteren läuft der Vertrieb unserer Produkte über das hannoveraner Label SPV. Zwischen SPV und uns gibt es noch ein weiteres Label als Mittler, nämlich MIG (Made In Germany Music) unter der Leitung von Manfred Schütz, der damals SPV gründete und viele Jahre erfolgreich leitete. Er war für uns gleich zu Anfang ein wichtiger und erfahrener Berater.

Also profitieren die genannten Label voneinander.

Genau. Nicht nur hinsichtlich der Vertriebswege. Im gemeinsamen Labelverbund können wir beispielsweise unsere jeweiligen Herstellungsvolumina bündeln und unsere Tonträger zu sehr guten Konditionen pressen lassen. Wir sind zwar Newcomer in der Szene, hatten aber schon zu Anfang gute Netzwerke und deswegen auch die Voraussetzungen, um uns auf die Fahnen zu schreiben, Künstler nicht nur im Bereich der Produktion zu helfen, sondern wirklich auf dem gesamten Weg zu unterstützen, bis der Tonträger zum Käufer kommt.

Das ist ja auch viel Arbeit.

Man muss halt investieren, ganz klar. Das tun die Bands aber auch, indem sie sich im Proberaum treffen und hart und leidenschaftlich an ihrer Musik arbeiten. Wir kennen das, da wir selbst Musiker sind. Zudem muss man eben auch auftreten, um seine Tonträger vor Ort an den Mann zu bringen. Und die meisten Bands haben große Lust, sich zu zeigen und zu beweisen. Deswegen haben wir inzwischen Peter Staade als Booker an Bord, der ehemals für das Kulturzentrum Faust e.V. tätig war. Der Wille der Künstler, durch Touren ihr Produkt auch selbst zu promoten und zu vermarkten ist uns sehr wichtig.

Wie sieht hier bei euch ein typischer Arbeitsalltag aus?

Während unserer Bürozeiten erfüllen wir viele unterschiedliche Aufgaben neben dem Booking und dem Pflegen und Ausbauen von Netzwerken, z.B. planen und koordinieren wir Termine, da wir hier jetzt zunehmend Produktionen fahren, die sich teilweise zeitlich überschneiden. Hier sind wir für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich. Wir können durch unseren eigenen musikalischen Background und unsere Kontakte u.a. Produzententätigkeiten, Bandcoachings, Fotoshootings und Videoproduktionen anbieten, vermitteln und organisieren. Wir verfügen über ein Kontingent an Toningenieuren, Musikern, Fotografen und Videofilmern, die im Rahmen unserer Produktionen hier arbeiten.

Wie du bereits erwähnt hast, bist du Musiker in unterschiedlichen Bands wie Wisecräcker und Hemden und bist in letzter Zeit ja auch viel damit beschäftigt, selber aufzunehmen. Hemden nehmen ja gerade hier im Magic Mile Studio auf.

Stimmt, wir nehmen hier gerade unser neues Album auf. Wir haben bislang vier EPs veröffentlicht und jetzt war einfach ein Album überfällig. Es wird QUITT heißen und das Release wird im kommenden Herbst sein.

Bei Wisecräcker steht ja auch noch ein Release an. Wurde das auch hier aufgenommen?

Nein, es ist Mitte letzten Jahres u.a. im Institut für Wohlklangfoschung produziert worden, nur hatten wir uns dieses Mal dafür entschieden, die EP auch auf Vinyl zu veröffentlichen. Allerdings ist die Vinylproduktion sehr kostspielig. Daher kam uns die Idee, die Fanbase anzutriggern und ein Crowdfunding zu starten, also Geld zu sammeln, indem man eine besondere Palette an Merchandise-Artikel der Band gezielt als Sonderaktion an den Mann bringt. Unsere Fans haben uns nicht hängen lassen und so haben wir fristgemäß den Betrag für diese Produktion zusammenbekommen. Am 27. März kommt unsere EP „Modo de Odio“ auf CD und tatsächlich auch auf Vinyl raus. Und natürlich ist Wisecräcker weiterhin live unterwegs. Die Band hat über die vielen Jahre ihres Bestehens große, auch internationale Netzwerke aufgebaut und deswegen haben wir über das Jahr verteilt regelmäßig Konzert-Wochenenden in ganz Deutschland. Jedes Jahr wird auch eine Tour im Ausland gemacht. Nach der Mexiko-Tour im letzten Jahr ist im Herbst 2015 eine Süd-Europa-Tour geplant.

Im Mai steht dann ja die Release Show im Béi Chéz Heinz an. Ist dafür noch was Besonderes geplant oder steht einfach nur Party an?

Klar ist ein Konzert von Wisecräcker im Heinz immer eine große Sause und genießt ja irgendwie schon Kultstatus. Dieses Mal sind die Jungs von Loui Vetton aus Hamburg dabei und außerdem UTC, eine Punklegende aus Hannover. Wir stellen u.a. alle Songs der EP vor und es wird auf jeden Fall eine super Show, das weiß ich jetzt schon!

Bestimmt! Wie kriegt man es eigentlich unter einen Hut, in vielen verschiedenen Bands zu spielen? Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass es gar nicht so einfach ist, sich alle Songs zu merken.

Ich kann mich zwar oft nicht an Namen erinnern, aber was ich mir seit meiner Kindheit schon immer gut merken konnte, ist Musik. Rhythmen, Melodien, Songabläufe und so weiter. Wenn man sich auf seine persönliche Art und Weise intensiv mit Musik beschäftigt, dann findet man Wege, sich Songs zu merken. Darin besteht auch die eigentliche Arbeit als Berufsmusiker. Ich spiele inzwischen auch für die US-Sängerin Kim Sanders und sie hat für mich den Satz geprägt: „Luck is when preparation meets opportunity“ - also Glück ist eigentlich gemacht. So musst du als professioneller Musiker schon bei den Auditions – also wenn du z.B. bei einer Band vorspielst – perfekt vorbereitet sein. Darauf habe ich mich immer konzentriert. Das Spielen selbst und die Song zu beherrschen wird ab einem bestimmten Level einfach vorausgesetzt. Man achtet eher darauf, wie du dabei wirkst. In der ersten Phase werden zudem deine menschlichen Züge sehr genau gecheckt, denn wenn man professionell arbeitet, ist Musik machen die eine Sache, aber das ganze Geschäft drum herum zu betreiben, sich so gut es geht einzubringen und dafür zu sorgen, es miteinander auszuhalten, die andere. Mein Musikgeschmack war immer weit gefächert; in einer Ska Punk-Band zu spielen und dann in einer anderen Soul oder Jazz zu spielen ist für mich kein Widerspruch. Ich versuche einfach, die Musik zu verstehen, mich einzufühlen und darauf einzustellen. Da ist sicherlich auch ein gewisser Ehrgeiz dabei. Musik als Kunstform ist vielfältig und ich kann mir einfach nicht vorstellen, mich da festlegen zu müssen oder zu wollen. Ich bin für alles offen. Und als professioneller Musiker muss man auch über möglichst viele Projekte in Erscheinung und an die Öffentlichkeit treten, damit dich auch andere Bands oder Künstler engagieren wollen, und Du Dich finanziell über Wasser halten kannst. Nur über Netzwerke kommen auch Anfragen rein. Die Konzertliste ist im Jahr dann natürlich voll. Das ist auch anstrengend, so hin und her zu switchen und zu wissen „Okay, nächste Woche habe ich ein Gospel-Konzert“, da wird nicht geprobt, sondern einfach beim Konzert abgeliefert. Du bekommst vorher die Noten geschickt und dann wird erwartet, dass du entspannt dein Zeug spielst. Es gilt immer, sauber abzuliefern.

Das war mir gar nicht so bewusst, dass es teilweise auch so läuft...

Doch, das gibt es auch. Aber wie gesagt, wenn man sich der Sache widmet, ist das, wie einen Vortrag zu halten und du bekommst die entsprechende Routine. Denn Musik ist Sprache. Sie vermittelt auch Inhalte und erzeugt genau wie das gesprochene Wort Emotionen beim Zuhörer. Wenn man dafür ein Gefühl entwickelt, weiß man, was erforderlich ist und kann das ganz gut einschätzen. Wichtig ist natürlich das grundlegende Interesse und die Leidenschaft dafür. Ich bin Bassist und muss nicht Gitarre spielen oder noch zusätzlich Klavier lernen. Für genau diese Rolle habe ich mich entschieden. Was aber nicht heißt, dass ich nicht über den Tellerrand schauen kann. Der Bass aber ist mein Instrument, um mich musikalisch auszudrücken und allein damit kann ich mich mein Leben lang beschäftigen. Das wird mich immer herausfordern.

Wie soll es bei dir 2015 weitergehen?

Ein Plan ist es auf jeden Fall, mit meinen Bands viel zu spielen, also weiter musikalische Erfahrungen zu machen und auch menschliche; Leute treffen, Leute mit Musik erfreuen – das ist für mich als Musiker wirklich das Größte. Außerdem wollen wir hier das Label nach vorne bringen und mit professioneller Arbeit überzeugen. Das Musikbusiness von der anderen Seite aus zu betrachten und zu verstehen ist unsere neue Aufgabe und unser erklärtes Ziel. Bands zu unterstützen, an die wir glauben und dabei die eigenen Erfahrungen miteinbringen zu können. Nicht, dass ich mich persönlich jetzt als einen erfolgreichen Musiker oder sowas sehen würde. Aber klar, über die Jahre hat man natürlich viel erlebt, war im Ausland und auf großen Bühnen und das sind tolle Erfahrungen. Umso mehr freue ich mich inzwischen, wenn auch andere Bands das erleben und darin aufgehen. Ich bin der festen Überzeugung – auch wenn fast alle Eltern ihren Kindern davon abraten, professionelle Musiker zu werden – dass dieser Beruf enorm wichtig ist. Auch wenn man dann manchmal im Zwiespalt ist, man einerseits für die daraus resultierenden Freiheiten beneidet wird, andererseits fast Mitleid erfährt, weil man sich der „brotlosen Kunst“ verschrieben hat. Aber es gibt immer Mittel und Wege seinen Weg zu gehen, das ist meine Erfahrung. Und ich bin wirklich spät in das Business vollends eingestiegen. Die Menschen sollten mehr und mehr erkennen, dass sie darauf angewiesen sind, Kunst zu erleben, in welcher Form auch immer. Und Kunst gibt es nicht im Ausverkauf! Mit der Labelarbeit und der eigenen Musik kann ich einen Beitrag hierzu leisten. Und das ist sehr erfüllend.

INFO-BOX

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externer Link www.i-m.co/rononbass/ronoberbandscheid
externer Link www.magicmilemusic.de

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