Bildrechte: Lisa Eimermacher

So nah es geht: Terry-Hoax-Sänger Oliver Perau bei der Show der etwas anderen Art auf dem Schützenplatz.

Tanzen im Sitzen

Das Autokonzert von Terry Hoax

11. Mai 2020, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Lisa Eimermacher

Am gestrigen Sonntagabend hat das Autokonzert von Terry Hoax auf dem Schützenplatz stattgefunden. Die hannoversche Rockband spielte vor 270 Autos und wurde vom Publikum mit lautem Hupen belohnt, auch wenn das eigentlich untersagt ist. Durch die leicht geöffneten Fenster wurde sogar lauthals mitgesungen. Wir haben uns einmal angeschaut, wie so ein Autokonzert abläuft.

Es ist ein surrealer Anblick. 270 Fahrzeuge reihen sich auf dem Schützenplatz vor einer großen Bühne, die an ihren Seiten jeweils mit einer Leinwand eingerahmt ist. Auf den ersten Blick könnte man denken, man sei in der Zeit gereist und in den 1950er- und -60er-Jahre gelandet. - Die Zeit, in der Autokinos Kultstatus erreichten. Doch wir befinden uns im hier und jetzt und das sind nun mal komische Corona-Zeiten. Und die erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. In der hannoverschen Kultur-Veranstaltungsszene hat man eine kreative Notlösung gefunden: Autokonzerte auf dem Schützenplatz. Oberbürgermeister Belit Onay bezeichnet diese als „eine echte Bereicherung“.

Die Autokonzerte kommen offensichtlich gut an: Einige Veranstaltungen sind und waren bereits ausverkauft. „Erstaunlicherweise hat das sehr gut geklappt“, sagt Karsten Seifert von Hannover Concerts. „Es war ja eine große Unbekannte mit der Parkplatzbefüllung. Das war aber alles sehr entspannt“. Vergangenen Donnerstag hat Oliver Pocher den Anfang gemacht. Am Freitag und Samstag folgte Alligatoah. Alle drei Veranstaltungen waren ausverkauft. „Heute ist es etwas lockerer gestellt, weil 270 Autos da sind, vorher waren es 1000. Es kommt fast täglich Neues hinzu, was bedeutet, dass das Angebot sehr gut angenommen wird“, sagt Seifert. Für Ende Juni ist bereits ein weiteres Terry Hoax Autokonzert in Planung, verrät Sänger Oliver Perau später. Diese erste Show im Mai am gestrigen Sonntag wurde innerhalb von eineinhalb Wochen sehr kurzfristig umgesetzt.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Lisa Eimermacher

Die Tickets mussten im Vorhinein ausschließlich online erworben werden. Eine Abendkasse gibt es nicht. Die Ordner weisen den Weg durch durch das Absperrband-Labyrinth. Anstatt des gewohnten Schlangestehens vor einem Club oder Konzertsaal wartet man hier geduldig hinter den anderen Autos. An die geschlossene Fensterscheibe hält man das Ticket, das von den Ordnern gescannt wird. Dann wird jedem Besucher-PKW nach und nach ein Platz vor der Bühne zugewiesen. Alles verläuft geordnet nach Plan. Kein Gedrängel, alles im Schritttempo. Die Kennzeichen lassen erahnen, dass sich nicht nur Hannoveraner für das Autokonzert interessieren. Aus Braunschweig, Peine, Hameln, dem Heidekreis und sogar aus dem Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen sind einige angereist.

Rechts und links neben den Leinwänden stehen die Dixiklos in Reih und Glied. Es gibt sogar provisorische Waschbecken. Das Auto darf nur mit Maske verlassen werden. Auch der Rettungsdienst ist vor Ort. Angst vor einer leeren Autobatterie müsse niemand haben, denn in dem Fall bekomme man Starthilfe, sagt Karsten Seifert.

Statt ausgelassenem Tanzen mit unvermeidbarem Körperkontakt in der Menge, bleibt es oberflächlich gesehen vor der Bühne relativ statisch. Wie an einer Perlenkette gezogen reihen sich an diesem frischen Sonntagabend stattdessen die geparkten Blechkisten. Der Innenraum der Autos ist ein kleiner Mikrokosmos. Es werden die ersten mitgebrachten Kaltgetränke und Chipstüten geöffnet. Die vor Ort mitgeteilte UKW-Frequenz im Autoradio oder am mitgebrachten Radiogeräten wird eingestellt und der Sound getestet.

Guter Sound übers Autoradio

Während man draußen während des Auftritts hauptsächlich die Instrumente und nur sehr, sehr leisen Gesang hört, kann sich der Sound über das Radio wirklich hören lassen.

Die Vorfreude vor der Show ist so groß wie sonst auch. Später sind hinter den Scheiben lachende Gesichter zu sehen. Viele winken aus dem Fenster.

Alexa und Astrid stehen mit ihrem Wagen in der ersten Reihe. Die Frontscheibe haben sie mit einem Terry-Hoax-Fan-T-Shirt und -Schal geschmückt. Sie könne gar nicht mehr zählen, auf wie vielen Terry-Hoax-Konzerten sie schon war, sagt Astrid stolz. „Es ist ungewohnt, normalerweise stehen wir immer in der ersten Reihe und tanzen“, sagt Alexa und führt fort: „Wir denken, die Jungs geben alles und sind gespannt“. Im Sitzen zu tanzen könnte schwierig werden. Vielleicht entwickelt sich ja dank Corona ein neuer Tanzstil?

Crowdsurfing“ auf der Motorhaube

„Astrid, wir haben euch vermisst!“, ruft Oliver Perau später im Laufe der Show. Terry Hoax Fans wollen sich bewegen und lieben eigentlich die Nähe, betont er, während er zwischen den Autos entlang joggt, springt wie ein „Grasshopper“ und allen zuwinkt. Scheinbar ganz nebenbei singt er neben all der Bewegung auch noch Fan-Favoriten wie „Hot Heyday“, „Rubbish Colours“ und ihr Depeche-Mode-Cover „Policy of Truth“. Normalerweise springt der Sänger zum Ende von „Touch the Sky“ in die Menge zum Crowdsurfen. Beim Autokonzert legt er sich kurzentschlossen auf eine Motorhaube.

Zwischen den Songs ertönen die Hupen. Dass das eigentlich verboten ist, kümmert niemanden. Als es langsam dämmert, kommt auch die Lichthupe zum Einsatz. Jemand in der ersten Reihe hat sogar eine Lichterkette dabei.

„Weißt du was Corona? I'm Not Afraid to Die!“, brüllt Perau als Ankündigung für den gleichnamigen Song.

107 Tage liegt ihr letztes Konzert mittlerweile zurück. „Ich habe mitgezählt“, sagt der Frontmann. Eigentlich wollte die Band Mitte März wieder mit den Proben beginnen. Doch sie und ihre Fans machen das Beste aus der aktuellen Zeit. „Es ist irgendwie ganz geil, für Autos zu singen. Vorher war mir das immer zu persönlich“, lacht der Sänger und fügt dann etwas ernster hinzu, dass es schon bemerkenswert sei, wie anpassungsfähig Menschen sind. An den Corona-Slalom auf dem Bürgersteig habe er sich bereits gewöhnt.

Durchhalten

„Ich freue mich darauf, wenn wir wieder zueinander kommen“, sagt Oliver Perau und appelliert: „Je konsequenter wir sind, desto schneller ist es vorbei“. Zustimmendes Hupen. So entsteht auch ein bisschen Gemeinschaftsgefühl.

Anschließend stimmt er „Live All“ an. Aus den geöffneten Fenstern schallt der Gesang der Fans. Rührend und gewöhnungsbedürftig zugleich, keine singende Menschenmenge zu sehen, sondern hunderte Autos.

Die Zugabe „The Best Is Yet to Come“ widmet er Kai Wingenfelder von Fury in the Slaughterhouse, der am Bühnenrand steht und in wenigen Tagen am Donnerstag und Freitag ebenfalls hier auf dem Schützenplatz mit seiner Band auftreten wird.

Am Ende gibt es statt Standing Ovations ein fröhliches Autohupen-Konzert. Genauso geordnet, wie sie auf den Platz gefahren sind, verlassen ihn die Fans auch wieder.


INFO-BOX

Links
externer Link www.terryhoax.de
externer Link wwww.facebook.com/terryhoax
externer Link www.autokultur.info
externer Link www.hannover-concerts.de

Tools
Drucken Artikel drucken (PDF) An Redaktion E-Mail an Redaktion


Ähnliche Artikel

, Foto(s): Michel De PourcqZwischen AC/DC und B.B. King
Rob Tognoni veröffentlicht „Catfish Cake“

30.05.2020, Von: Redaktion, Foto(s): Michel De Pourcq

 


, Foto(s): Pressefreigabe/MusikZentrum„Local Players In Concert“ weiterhin im Netz
Partner aus der Region präsentieren zweite Staffel

19.05.2020, Von: Redaktion, Foto(s): Pressefreigabe/MusikZentrum

 


, Foto(s): Angela Wulf„Leider können wir keine Gage zahlen“
Ein Gastartikel von Christine Zienc-Tomczak

18.05.2020, Von: Redaktion, Foto(s): Angela Wulf

 


, Foto(s): Torsten BlockKeine Funkstille
Ein Gespräch mit Tom Wisniewski von High Fidelity

30.04.2020, Von: Lisa Eimermacher, Foto(s): Torsten Block

 


, Foto(s): Jan HagerodtBitte nicht hupen!
Der Rahmen für die „Autokultur-Konzerte“ in Hannover

29.04.2020, Von: Redaktion/Andreas Haug, Foto(s): Jan Hagerodt

 




Zur Startseite