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Bildrechte: Jeff Kahra

Gefeierte Headliner des Fährmannsfest-Spezials: Die Hamburger Indie-Rocker von Kettcar.

„Fährmannsfest, du wilde Hose“

3000 genießen und feiern Kettcar & Co. in Hannover

10. August 2019, Von: Andreas Haug, Foto(s): Jeff Kahra

Vieles läuft anders in diesem Jahr zum Start von Hannovers traditionellem Alternativ-Festival, dem Fährmannsfest. Unter dem Motto „Fährmannsfest Spezial“ ging es am gestrigen Freitagabend mit den Bands Fortuna Ehrenfeld, The Districts, Isoaltion Berlin und schließlich Kettcar los. 3000 Besucherinnen und Besucher waren gekommen, davon auch einige aus weiten Teilen Norddeutschlands und anderen Regionen des Landes, die sich unter das hannoversche Publikum mischten und für einen stimmungsvollen Festivalabend sorgten. Die Atmosphäre und die Bands: Entspannt, kultiviert, mit erhöhtem musikalischem Anspruch und alles ein Stück weit leiser als sonst.

„Fährmannsfest, du wilde Hose“, begrüßt Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch locker und charmant die 3000 auf der Wiese am Zusammenfluss von Leine und Ihme, doch wirklich wild ist es an diesem Freitagabend auf dem Fährmannsfest nicht. Wiebusch erinnert an das Jahr 1995, die Chaostage, als das Open-Air an gleicher Stelle in Folge der in der Stadt vorherrschenden Konfrontation Punks vs. Polizei und der daraus resultierenden Randale gestürmt und zerlegt wurde und schließlich abgebrochen werden musste.

 Alte Zeiten, lange her. Heute ist es gemütlich hier und auch anders als in jüngerer Vergangenheit. Das „Fährmannsfest-Spezial“ ist ein gesondertes Konzert innerhalb des Festivalwochenendes. Mit Kettcar ist eine sehr populäre Indie-/Alternative-Band zu Gast, eine vergleichsweise technisch große Produktion ist aufgebaut, ein entsprechend nicht-alternativer Konzert-Eintrittspreis wird verlangt und lokale Bands spielen gar nicht. Ein Teil der hannoverschen Musikszene wird dann hier am  Samstag und Sonntag mit auf der Bühne stehen.

Vorschau Bild 1Vorschau Bild 2Vorschau Bild 3Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Jeff Kahra

Der Versuch, mit einem Sonderkonzert, dem „Fährmannsfest-Spezial“, in das Fährmannsfest-Wochenende zu starten ist, mindestens gemessen am Publikumszuspruch, vollends geglückt. Gut 3000 Gäste haben sich eingefunden - das übertrifft dann doch die Erwartungen der Veranstalter und was darüber hinaus viele zufrieden stimmt: Der am Vormittag angedrohte starke Regen bleibt vollends aus. Ein paar winzige Tropfen hier und da, man spürt es kaum.

Erhobener Mittelfinger, auch ohne lautes Gitarrenbrett

Fortuna Ehrenfeld, die erst 2016 um Sänger, Gitarrist und Keyboarder Martin Bechler gegründete Indie-Pop-Band aus Köln sorgt für einen guten Einstieg. Mit ihrem im Frühjahr erschienenen Album „Helm ab zum Gebet“ hat die Band viele neue Fans gewonnen und was einigen besonders bemerkenswert erscheint: Fortuna Ehrenfeld können auch ohne lautes Gitarrenbrett in ihren textlichen Botschaften den erhobenen Mittelfinger sehr weit nach oben strecken, dort, wo es nötig erscheint.

Die Musiker von The Districts aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania kennen sich bereits seit High-School-Zeiten und sind quasi so nebenbei ins heutige Programm gerutscht. Eigentlich war geplant, dass die Indie-Garage-Folk-Alternative-Band heute eine Tourshow in der Glocksee spielt, aber dies schien angesichts der ein paar Hundert Meter Entfernung zum Fährmannsfest und dem großen Publikumsinteresse am Alternativ-Traditions-Open-Air eher kontraproduktiv und so wurden The Districts hier ins hiesige Line-Up aufgenommen. Die Band spielt schließlich eine solide Indie-Show ohne bemerkenswerte Höhe-oder Tiefpunkte und vergleichsweise ähnlich leise, wie nach Wahrnehmung vieler, nahezu alle Bands des heutigen Abends.

Ein vergleichsweise leises Vergnügen

Es fehle hier an Druck, an Lautstärke, an Brillanz, ist der Tenor einiger Besucher, manche orakeln über im Vergleich zu den Vorjahren angeblich bewusste technische Einschränkungen zur Lautstärke-Reduzierung. Dem sei überhaupt nicht so, erklärt ein Verantwortlicher des Veranstalters auf Nachfrage, man habe alles eingemessen wie immer und es gebe keine bewusste Lautstärke-Reduzierung durch etwaige Limiter.

Dennoch ist es im Ergebnis definitiv der leiseste Fährmannsfest-Konzertabend seit Jahren, bei dem man sogar in fünf Metern Entfernung vor den vordersten P.A.-Boxen stehen kann und sich –ohne die Stimme wirklich kräftig zu erheben- unterhalten kann. Gehörschutz scheint sogar in dieser Position nur für sehr sensible Ohren nötig. Das gab es zuvor so noch nie.

Im seitlichen und hinteren Bereich des Geländes ist es ein wohl-temperiertes Konzerterlebnis bei gefühlter Zimmerlautstärke. Es mag auch an den Bands und ihrer teils eher behutsamen Spielweise liegen, dass hier heute Abend in weiten Teilen des Geländes klanglich nichts wirklich drückt, schiebt oder wirklich knallt, wie man es von einem kraftvollen Rockkonzert gewohnt ist und man es hier bislang auf dem Gelände gekannt hatte. Ein klein bisschen fad das Ganze aber einige wird dieser defensive Gesamtsound vielleicht auch besonders erfreut haben. Geschmackssache halt. Ganz hinten singen die Besucher die populären Songs trotzdem gut gelaunt in Feierlaune mit. Vor allem die von Kettcar.

Mit Herz und Schnauze

Doch bevor die Hamburger Indie-Rocker an der Reihe sind, gibt es Post-Punk und News/No-Wave von Isolation Berlin, einer Band, die auch um 1979/80 herum in der deutschen Musikszene eine exzellente Figur hätte abgeben können. In enger Gesellschaft zu Fehlfarben oder ähnlichen Acts. Tiefgründig, melancholisch-romantisch und dann wieder leicht rotzig-trotzig kommen die Songs von Isolation Berlin daher. Mit Herz und Schnauze. Im Mittelpunkt steht der charismatische Sänger und Gitarrist Tobias Bamborschke, der ganz tief in die Songs einzutauchen und schließlich darin aufzugehen scheint. Ein künstlerisch-musikalisch facettenreicher wie leidenschaftlicher Auftritt, der gut ankommt.

Um 21.30 Uhr ist es dann soweit, die Hamburger Indie-Rocker Kettcar entern die Bühne. Eine äußerst populäre Band, die vor allem auch wegen ihrer politischen und gesellschaftspolitischen Haltung sehr geschätzt und gemocht wird, dennoch aber keinesfalls eine „Everybody´s Darling“-Band ist. Hört man sich auch hier auf dem Fährmannsfest um, ist der Tenor ähnlich wie so oft: Entweder man liebt die Band und ihre Musik über alles oder kann wenig bis gar nichts damit anfangen.

Keine „Everybody´s Darling“ Band

Trotz ihrer zahlreichen Top-5-Alben in den Charts und stetig steigender Besucherzahlen bei Konzerten, wird das Publikum vordergründig nicht nach möglichen Erwartungen an Hits und Klassikern bedient. Kettcar sind Künstlerpersönlichkeiten, keine musikalischen Dienstleister, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, für so etwas wie Party-Stimmung zu sorgen. Das wird auch beim heutigen Programm deutlich. 

Letztlich fehlt aber kaum ein Klassiker oder wichtiger Song aus der jüngeren Vergangenheit. „Rettung“, „Money Left To Burn“ und „Sommer ´89 (und er schnitt Löcher in den Zaun) “ bilden den Anfang.  Marcus Wiebusch´Ansagen zu einerseits zeitlosen aber immer noch aktuellen Themen sitzen: Humanismus sei nicht verhandelbar, es sei zutiefst menschlich, Menschen durch Zäune zu helfen oder aus dem Meer zu retten. Sätze wie ein Statement, dem man nur zustimmen kann.

Später folgen dann unter anderem „Benzin und Kartoffelchips“, „48 Stunden“, „Balkon gegenüber“ oder „Im Taxi weinen“.

Kettcar, Crew und Veranstalter haben keine Kosten und Mühen gescheut,  bei diesem „Fährmannsfest Spezial“ eine wirklich ästhetische Produktion aufzufahren.

Im Bühnenhintergrund werden stimmungsvolle Bild-Illustrationen über eine riesige Videoleinwand geschickt, so, wie bei den regulären Kettcar-Tourkonzerten zuletzt. Ein wunderschöner Rahmen hier auf dem Fährmannsfestgelände, mitten in der Natur, nahe dem Zusammenfluss von Leine und Ihme, unter den hohen Bäumen. Beim nächsten Open-Air-Gig von Kettcar am Folgetag im ostfriesischen Großefehn käme diese Video-Show nicht zum Einsatz, einer der Gründe sei eine Windwarnung, erzählt ein Techniker der Band nach dem Konzert.

Aus warmherzigen Applaus wächst lautstarker Jubel

Die von Marcus Wiebusch anfangs beschriebene „wilde Hose“ flattert am ersten Abend auch mit fortschreitender Dauer des Konzerts nicht im Wind des Fährmannsfestes. Die beschriebene Beinbekleidung wird voraussichtlich erst am Samstag, am Rock-und Punk-Rock-Tag, vom Großteil der Anwesenden angezogen. Dennoch entwickelt sich das lockere, rhythmische Mitwippen und verträumte Tanzen vieler der 3000 in bestimmten Spots vor der Bühne in den einen oder anderen  kleinen wie munteren Moshpit. Kettcar spielen zu diesem Zeitpunkt „Deiche“ und ganz zum Abschluss gibt es „Landungsbrücken raus“. Aus dem freundlichen, warmherzigen Applaus des Publikums entwickelt sich mehr und mehr lautstarker Jubel. Und Regen? Keine Spur davon!

Es habe richtig, richtig Spaß gemacht auf dem Fährmannsfest zu spielen, sagt Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch nach dem Konzert. Da sind noch einige Erinnerungen an Hannover-Auftritte mit Kettcar oder auch anderen Bands davor. Seine ersten Hannover-Konzerte spielte er mit der Band But Alive im UJZ Korn, mit Kettcar ging es im Béi Chéz Heinz los, bis man aufgrund schnell steigender Popularität direkt ins Capitol ging und das schließlich ausverkaufte. Eine Clubgröße dazwischen gab es für Kettcar in Hannover nicht. Die Faust wäre ein nächster Schritt, eine Möglichkeit gewesen. „Da haben wir aber nie gespielt“, erinnert sich Wiebusch.

Ehrliches Künstlerherz, ehrliche Künstlerseele

Warum man im Zugabenblock heute nicht den Song „Ausgetrunken“ gespielt habe, mit dem man hätte durchaus rechnen können, fragen wir. Derzeit wäre dieser Song innerhalb der Band bei Konzerten nicht erste Wahl sagt Marcus Wiebusch, man wolle eben nicht vordergründig das tun, was man unter „Bedienen“ verstehen würde und alle vermeintlichen, womöglich bei einigen Fans immer noch sehr beliebten Indie-Knaller-Hits auf Teufel-komm-raus immer und immer wieder spielen. Sondern auch mal andere Songs, Songs, mit denen man sich in bestimmten Situationen auf der Bühne selbst richtig wohl fühle, so der Musiker. Ehrliches Künstlerherz und ehrliche Künstlerseele mit fester Erdung bei Marcus Wiebusch & Co. - das wird heute wieder einmal ganz deutlich.

Auf eines könne man sich aber immer verlassen, schließt Wiebusch den lockeren Plausch nach der Show: Es werde auch zukünftig bestimmt kein Kettcar-Konzert ohne „Landungsbrücken raus“ geben. Das wird sicher so gut wie alle Fans der Band sehr freuen.

Wie es am heutigen Samstag und morgigen Sonntag beim Fährmannsfest weitergeht, findet man über diesen Link heraus.


INFO-BOX

Links
externer Link www.faehrmannsfest.de
externer Link www.kettcar.net
externer Link www.facebook.com/ISLTN.BRLN
externer Link www.facebook.com/thedistrictsband
externer Link www.facebook.com/fortunaehrenfeld

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