Bildrechte: Live Nation, Pressefreigabe

Überzeugte beim Konzert in der Swiss Life Hall in Hannover mit einem feinfühligen Konzert: Bob Dylan.

Der Individualist und der Blues

Bob Dylan spielt feinfühliges Konzert in Hannover

27. April 2017, Von: Andreas Haug, Foto(s): Live Nation, Pressefreigabe

Am gestrigen Mittwochabend waren Bob Dylan und seine Band im Rahmen der seit nunmehr 29 Jahren laufenden „The Never Ending Tour“ in Hannover zu Gast und spielten ein bemerkenswert feinfühlig-entspanntes Konzert. Die gut besuchte Swiss Life Hall war zu diesem Anlass komplett bestuhlt. Wer ein „Best-Of“-Programm oder eine Art „Klassiker-und Hit-Feuerwerk“ erwartet hatte, durfte oder musste zur Kenntnis nehmen, dass Bob Dylan auch im Jahr 2017 sein Publikum weniger bedient, als ein individuelles, schlüssig abgestimmtes Programm im Spannungsfeld zwischen facettenreichem Blues, Country, rockig angehauchtem Folk und swingendem Jazz auf die Bühne bringt.

Bei Live-Auftritten von Bob Dylan unterscheidet sich der Rahmen deutlich von anderen Konzertveranstaltungen. Fotografieren ist nicht gestattet und auch Mobil-Telefone sollen laut Anweisung ausgeschaltet sein. Dass hier nicht mit dem Smartphone hantiert wird oder damit gar Videos oder Fotos geschossen werden, darüber wacht das aufmerksame Ordnungspersonal. Die Situation in der Swiss Life ist so, wie sich viele Menschen Konzerte wünschen: Künstler und Musik stehen absolut im Mittelpunkt. Was von der Darbietung der Akteure ablenken könnte, selbst ein Getränkeverkauf unmittelbar in der Halle, findet nicht statt.

Entschleunigt und auf das Wesentliche reduziert

Bob Dylan, nicht nur als ausübender Künstler, sondern in seinem Gesamtauftreten in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ein konsequenter Individualist, stellt auch beim heutigen Konzert in Hannover seine Songs, seine Musik, die Inhalte in den Fokus. Auf Interaktionen mit dem Publikum verzichtet er ebenso, wie auf Ansprachen. Kein Wort zum Gruß und keines zum Abschied, Bob Dylan und seine Band spielen inklusive Zugaben um die 20 Songs in rund 100 Minuten.

Zwischen den Stücken respektvoller Applaus aus dem Auditorium, hier und da gibt es auch während einiger Songs ein wenig Beifall zwischendurch. Das Ganze hier wirkt spürbar entschleunigt, auf das Wesentliche reduziert. Der Klang ist angenehm, die Lichtproduktion, die vor allem durch einige Riesenscheinwerfer im Hintergrund geprägt ist, darf als ebenso feinfühlig-geschmackvoll inszeniert bezeichnet werden, wie das Konzert an sich.

Es bietet sich hier die Gelegenheit, zu entspannen, zuzuhören, ein wenig im Takt zu wippen und den Abend zu genießen. Wenn man sich drauf einlassen kann und mag, ist es ein schönes Erlebnis hier.

Dezente Darbietung mit starker Präsenz

Mit „Things Have Changed“, „Don´t Think Twice, It´s All Right“ und „Highway 61 Revisited“ starten Dylan und seine fünfköpfige Band in den Abend. Bob Dylan hat sich entschieden, sich überwiegend sitzend oder stehend auf der linken Bühnenseite (vom Publikum aus gesehen rechts) am Flügel aufzuhalten, dort zu spielen und zu singen. Gitarre und Mundharmonika, einst die Instrumente, mit denen man den Sänger und Songschreiber vorwiegend in Verbindung brachte, werden von ihm nicht bedient. Dafür gibt er bei einigen jazzig geprägten Titeln fast den Frontmann. Beim Cy-Coleman-Titel „Why Try To Change Me Now“ begibt er sich erstmals lässig in die Bühnenmitte, hantiert mit dem Mikrofonständer und singt. Das ist nicht die große Show, es ist eine eher dezente Darbietung mit starker Präsenz.

Bei den zahlreichen Medienberichten rund um die Nichtabkömmlichkeit des Künstlers zur offiziellen Verleihung des Literaturnobelpreises in Stockholm und des wochenlangen Hin-und Her, ist in der breiteren Öffentlichkeit fast schon das neue Bob-Dylan-Album „Triplicate“ aus der Wahrnehmung gerückt. Ende März hatte Dylan das drei CDs umfassende Werk mit seinen Interpretationen amerikanischer Songklassiker auf den Markt gebracht. „Stormy Weather“, im Original von Harold Arlen, ist einer dieser Songs, die heute Abend auf der Setlist stehen. Auch Interpretationen von Frank-Sinatra-Evergreens hat der 75-Jährige, einst als reiner Folk-Singer-Songwriter gestartete Weltstar in der Swiss Life Hall zu bieten.

Melancholie und beschwingt-fröhliche Momente

Tiefgang und Melancholie wechseln mit beschwingt-fröhlichen Momenten wie etwa bei „Duquesne Whistle“ ab. Die Stimme: rau, raspelig, tief, aber dann auch mal eine gute Spur höher und weicher, so, wie es das jeweilige Stück benötigt, um beim Hörer eine starke Wirkung zu erzielen. Trotz vieler stilistischer Facetten, die Basis bildet beim heutigen Konzert in Hannover der Blues.

Nach etwas mehr als 90 Minuten verlassen Bob Dylan und seine Band wortlos die Bühne um für die Zugaben „Blowin´In The Wind“ und „Ballad Of A Thin Man“ alsbald zurückzukehren. Ein Großteil des Publikums in der hannoverschen Sport-und Konzerthalle hat sich mittlerweile von den Sitzen erhoben. Nicht wenige wirken von der speziellen Atmosphäre und der Musik beeindruckt, auch wenn eine große Menge bekannter Evergreens, die so gut wie jeder kennt und meist auch besonders schätzt, nicht gespielt wurden.

Bob Dylan und seine Band haben in Hannover ein anderes, ein individuelles Konzert-Konzept verfolgt und haben damit künstlerisch glaubwürdig überzeugt. Zur Verabschiedung wendet sich Dylan, eingerahmt von seinen Musikern, mit einer kleinen Geste dem Publikum zu. Das wirkt freundlich und respektvoll. Worte des Danks gibt es nicht. Das hätte nach den vergangenen rund 100 Minuten an dieser Stelle wohl auch nicht so richtig gepasst.

INFO-BOX

Links
externer Link www.bobdylan.com
externer Link www.livenation.de
externer Link www.hannover-concerts.de
externer Link www.swiss-life-hall.de

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