Bildrechte: Constantin Rimpel

Rockmusikalisch hochkulturelles Musikkino in zwei Teilen: Steven Wilson und Band spielten fast drei Stunden in der Swiss Life Hall in Hannover.

Melancholie und raue Schönheit

Drei Stunden Musikkino mit Steven Wilson in Hannover

22. Januar 2016, Von: Andreas Haug, Foto(s): Constantin Rimpel

Es war ein erwartungsgemäß langer Donnerstagabend mit Steven Wilson und seiner Band in Hannover. Unterbrochen von einer kurzen Pause, zelebrierte der britische Progressive-Rock-Musiker ein fast dreistündiges Konzert in der mit gut 1000 Besuchern besetzten, voll bestuhlten Swiss Life Hall. Dieses Konzert erforderte Aufmerksamkeit. Mit ihren zeitweise imposanten Videoeinspielungen und Quadrophonie-Soundeffekten geriet die Vorstellung zu einem konzeptionellen Musikkino in zwei Teilen. In der ersten Hälfte wurde das komplette Album „Hand.Cannot.Erase“ gegeben, nach der Pause ein gemischtes Programm mit zum Teil ganz neuen Stücken.

Steven Wilson wird über Genregrenzen hinweg von einigen als Ausnahmekünstler verehrt. Das hat sicher seine Berechtigung, schafft der britische Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent mit seiner Melange aus Rock, Alternative, Progressive, Pop und zuweilen elektronischen Sounds schon eine Art völlig eigenen Stil. Mindestens aber kann man ihm attestieren, dem Progressiven Rock, wie ihn einst Bands wie Yes, King Crimson oder Pink Floyd entscheidend auf den Weg gebracht haben, kräftig aufgefrischt und modernisiert zu haben.

Im Publikum trifft man Musikfans und –Interessierte völlig unterschiedlicher Altersgruppen und augenscheinlicher Sozialisationen, Milieus oder gar Szenezugehörigkeiten, lässt man mal Vorurteile auf Grund optischer Erscheinungsbilder zu. Junge Hipster, in Ehren ergraute Musikintellektuelle, Prog-und Metalfans, Jazzer, Alternative-Umfeld, so genannte Normalos und auch kulturell Geneigte, die in der Pause oder während der Show auch gern mal ein Gläschen Sekt schlürfen. Rockmusikalische Hochkultur wird hier zweifellos geboten und der Anteil von weiblichen Besuchern ist für ein Progressive-Rockkonzert durchaus hoch.
Fotostrecke (4 Bilder) -Foto(s): Constantin Rimpel
Sie alle werden Zeugen eines schlau durchdachten Konzertkonzepts, das trotz hochwertiger Technik und überaus profilierten Musikern keine auf Perfektionismus abhebende Show ist. Wilson und seine vier Musiker spielen lässig in T-Shirts und geben eher die coolen Musiker und Künstler als die durchgetakteten Performer. Das darf man wohl bodenständig nennen. Gleiches gilt für den Sound in der Halle. Statt „CD-nah“ in Szene gesetzt, kommt die Band mitunter laut, rau, hart und ruppig herüber. Vor allem wenn Steven Wilson und David Kilminster ihre Les-Paul-Gitarren in die Hand nehmen, stehen die Zeichen oft auf kompromisslosen, druckvollen Rock.

In den ersten 75 Minuten prägen Melancholie, Einsamkeit und raue Schönheit das Konzert. Ästhetisch illustriert durch großflächige Videoeinspielungen werden die Besucher durch das im Februar 2015 erschienene und vielbeachtete Konzeptalbum „Hand.Cannot.Erase“ geleitet. Ein Höhepunkt ist der Song „Routine“ mit der gut aufgelegten, ausdrucksstarken Gastsängerin Ninet Tayeb, die im Verlauf des Abends noch häufiger die Szenerie betritt. Es gibt die ersten stehenden Ovationen. Ein intensives „Happy Returns“ beendet den ersten Teil des Abends.

Live-Premieren vom Album zwischen den Alben

Nach einer kurzen Pause folgen fast weitere 90 Minuten facettenreichem Progressive-Rock mit schönen Melodien und zuweilen düsteren Soundgewittern. Steven Wilson stellt auch brandneue Stücke aus seinem ganz neuen Album 4 ½. Diese Veröffentlichung, die für den heutigen Freitag terminiert ist, möchte Wilson als Interimsalbum verstanden wissen. Ein Album zwischen dem vierten und fünften mit Songs, die konzeptionell für ihn nicht in den Kontext von „Hand.Cannot.Erase“ und dem Vorgänger „The Raven That Refused To Sing (And Other Stories) passten, wie er erklärt. „My Book Of Regrets“ ist so ein Stück, ein starker Song, der durchaus neugierig auf die „Platte zwischen den Platten“ macht.

„Lazarus“, den Song, den Steven Wilson vor gut zehn Jahren mit seiner Band Porcupine Tree herausgebracht hatte, widmet er heute dem kürzlich verstorbenen David Bowie. Auch Bowie habe auf dem wenige Tage vor seinem Tod erschienenen neuen Album einen Song mit dem gleichen Titel. Im Porcupine-Tree-Song „Lazarus“ komme ein Geist namens David vor, erklärt Wilson und weist auf eigenartige Zufälle hin.

Im Zugabenteil verbeugt man sich mit einem sehr gelungenen Cover von „Space Oddity“ vor Bowie. Das Publikum hat sich inzwischen von den Stühlen und den harten 70er-Jahre-Klappsitzen der Sporthallen-Tribüne erhoben und liefert das von Wilson gewünschte kurze und exakte Händeklatschen zum Akustikgitarrenriff des Songs.

Melancholisch, dramatisch und schön geht das Konzert schließlich mit dem fast achtminütigen „The Raven That Refused To Sing“ zu Ende, begleitet von dem Video, das beeindruckende Trickszenen in einsamer, verschneiter Winterlandschaft zeigt.

In eine sehr kalte Winternacht mit Eis und Schnee werden die Besucher dann um kurz nach 23 Uhr entlassen. Hannover bei minus 7°C bis minus 10°C und ohne Raben. Das ist die nackte Realität fernab von Romantik. Doch die Bilder und die Melodien von diesem Abend bleiben vielen sicher noch ganze lange im Kopf und vielleicht auch im Herzen.

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externer Link www.stevenwilsonhq.com

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