Bildrechte: Norbert Pfeifer

Große, bunte Familien-und Panikparty: Udo Lindenberg mit seinem Panikorchester und vielen Gästen brachte drei Stunden Rock´n´Roll-Entertainment auf die Stadionbühne in Hannover.

Bunte Bühne Hannover

Udo Lindenberg mit Entertainment und Haltung

11. Juli 2015, Von: Andreas Haug, Foto(s): Norbert Pfeifer, musikmag.de

Das war sie nun, die Premiere der neuen Stadionproduktion von Udo Lindenberg, seinem Panikorchester und vielen Gästen, Artisten, Tänzerinnen und Tänzern am gestrigen Freitagabend im gut gefüllten Rund der HDI-Arena in Hannover. Mit prominenten Gästen wie Clueso, Eric Burdon, Josephin Busch, Otto Walkes oder Jan Delay brachte der Altmeister des deutschen Rock´n´Roll-Entertainments eine dreistündige Show auf die Bühne, die einer großen Familienparty glich. Trotz des mitunter technisch-flippigen Spektakels mit UFO und Akrobaten holte Udo Lindenberg auch so etwas wie den Spirit der 70er und 80er Jahre in die Gegenwart.

Man ist überpünktlich heute Abend im Stadion in Hannover. Die Uhr zeigt 19.53 Uhr, als das Panikorchester die ersten Akkorde von „Odysee“ anstimmt und Udo Lindenberg sich in einem Transportkorb hoch über den Köpfen der Zuschauer im Innenraum von der Südkurve gen Bühne hieven lässt. Die Panik-Party ist eröffnet.

Lindenberg und Band kommen locker-flockig-groovig in die Show. „Die Heizer kommen“ ist der zweite Song und immer noch strömen Besucher ins Stadion. Für einige ist das hier eine Art Orientierungslauf zu ihren Plätzen. Die Wege sind unübersichtlich, Blöcke suboptimal ausgeschildet, ein bisschen wie ein Irrgarten mit irrsinnig langen Treppen. Das setzt eine gewissen Nervenstärke und Kondition voraus. Viele Fragen, viele freundliche Antworten der Ordner, kompliziert ist es für Nicht-Stammgäste des Stadions dennoch. Wohl denen, die einen Platz im Innenraum haben.
Fotostrecke (5 Bilder) -Foto(s): Norbert Pfeifer, musikmag.de
Udo Lindenberg und das Panikorchester sind lässig aufgelegt. Man rockt hier nicht explosiv, sondern cool. Gut abgehangener Rock und Boogie Woogie wie bei „Boogie Woogie Girl“. Bei „Ich mach mein Ding“ kommt zum Groove noch ein gewisser Flow. Man ist gut geerdet, entspannt und bodenständig unterwegs. Lindenberg begrüßt sein Publikum in der „Panikhauptstadt Hannover“ und fordert zum Abheben auf, bei seinen Ansagen gibt er den Charmeur auf der einen Seite, zeigt aber auch die von ihm gewohnte Haltung.

Wie schon in den frühen 1980er-Jahren prangert er Missstände in Politik und Gesellschaft an: Hochrüstung etwa und Armut. Das Schicksal von Flüchtlingen liegt ihm am Herzen und er fordert eine freundliche Aufnahme und Behandlung dieser Menschen in Deutschland, ein Deutschland, das für Lindenberg bunt und multikulti ist respektive viel mehr bunt und multikulti als bisher sein soll.

Mit Clueso, Jan Delay, Josephin Busch, Otto Waalkes, Eric Burdon…

Zum Rock-Rap „Bunte Republik Deutschland“ klatscht das anwesende Rock-Publikum mit den Händen kopfüber, statt die Rap-und HipHop-typische Winkekatze zu machen. Auch das ist hier bemerkenswert.

Viele Gäste, viel buntes Entertainment, schrill-schräge Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne und Drumherum. „Mädchen aus Ost-Berlin“ ist im Programm, ein Stichwort für Josephin Busch im Anschluss und zunächst im FDJ-Hemd mit Lindenberg „Gegen den Strom“ aus dem „Udopia“-Album von 1980 anzustimmen. Clueso ist als Gast dabei, mit ihm gibt es „Cello“ im Duett.

Jan Delay kommt smart und mit Hut, mit Eric Burdon rockt Lindenberg „We Gotta Get Out Of This Place“, mit Otto Waalkes, der sich als sehr passabler Rocksänger entpuppt, wird eine eingedeutschte Fassung von „Highway To Hell“ auf die Bühne gezaubert.

Für fast jedes Solo andere Gitarristen und Gitarristinnen

Es ist ein Feuerwerk an Höhepunkten auf der Bühne, rund 100 Mitwirkende treten während der drei Stunden in Hannover auf. Besonders sympathisch geben sich die quirligen Düsseldorfer „Kids on stage“, die mächtig Alarm machen. Viele alte Weggefährten aus dem Panikorchester-Umfeld der letzten 42 Jahre geben sich die Instrumente in die Hand: Gitarrist Carl Carlton taucht plötzlich auf, Nippy Noya an Percussions bearbeitet plötzlich die Congas. Gitarristin Carola Kretschmer (einst Thomas Kretschmer) brilliert mit einigen schmutzigen Soli. Dass Hannes (Feuer) Bauer hier auch noch einer der tragenden Gitarristen ist, bedarf fast keiner Erwähnung mehr. „Für jedes Solo ein anderer Gitarrist“, kommentiert ein Medien-Kollege auf der Tribüne und hat damit recht.

Die Ballade „Hinterm Horizont“ erhält zwischenzeitlich den lautesten Applaus, richtig viel Aktion auf der Bühne herrscht beim Kopfnicker-Song „Honky-Tonky-Show“. Um kurz nach 22 Uhr ist das Ende des offiziellen Sets, aber es sollen noch zahlreiche Zugaben folgen. Der „Sonderzug nach Pankow ist dabei“, „Johnny Controletti“ fehlt ebenso wenig wie „Andrea Doria“, Klassiker aus den Siebzigern und Achtzigern. Das Grande-Rock´n´Roll-Revue-Finale steigt mit allen Künstlerinnen und Künstlern zu einem minutenlangen „Candy Jane“. Zwischenzeitlich prangt„Onkel Pös Carnegie Hall“ über der Bühne. Der legendäre, inzwischen nicht mehr existierende Hamburger Club war in den Anfangstagen von Lindenberg und seiner Band eine Art Kultstätte.

Nicht alles perfekt - oder: Gurgeln mit Eierlikör

Trotz mächtigem technischen, aber nicht überladenen Produktionsaufwand weiß man immer noch, wo man ist: Auf einem bodenständigen Rockkonzert, das letztlich einfach mehr Menschen auf und vor der Bühne hat, als noch vor 30, 40 Jahren. Vom Prinzip hat sich jedoch nichts Wesentliches geändert. Zeitweise noch irgendwie Onkel Pös, nur ein paar Nummern größer.

Musikalisch ist hier in Hannover nicht alles super-perfekt, es gibt auch einige Gesangstöne von Lindenberg und seinen Gästen, die nicht hundertprozentig sitzen, aber hier ist keine virtuose Kombo von irgendwoher am Start sondern der gute alte, volksnahe Udo Lindenberg und sein Panikorchester. Ein sympathisches Dinosaurier-Ensemble, eines der wohl letzten Relikte des handgemachten und schweißtreiben Rock ohne Netz und doppelten Boden.

Einziges Hilfsmittel gegen die nicht immer optimale Stimme ist für den Künstler das Gurgeln mit Eierlikör. Das hilft hier ähnlich wie eine neue Zigarre, die sich der Zeremonienmeister gern mal ansteckt. Ab und zu setzt er die Sonnenbrille ab und wirkt im Gesicht und um die Augen ein wenig wie deutsche Ausgabe von Alice Cooper.

Gegen Ende der Show haben sich auch auf den Tribünen viele von ihren Sitzen erhoben und feiern den Act. Zum Abschluss schält sich Udo Lindenberg in einen Astronautenanzug und entschwebt per Kran gen Himmel und dann irgendwo hinter die Bühne. Ein Countdown startet, Flammen lodern am Bühnenrand, bei Null ein ohrenbetäubendes Knallen und lauter Jubel. Um 22.46 Uhr ist diese warmherzige, sehr menschliche, unterhaltsame und teilweise lustige Show zwischen „Old School“ und Moderne vorüber.

Die Hannoveraner und die von weiter her Angereisten zwängen sich durch die Ausgänge während zeitgleich vom benachbarten Schützenfest das nächste Feuerwerk losgeht. Mehr Unterhaltung geht kaum.

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