Menschen und Hintergründe

04.12.2008

Hannoveraner Bassist mit internationalem Ruf
„Musik -Workaholic“ Lars Lehmann im Interview
von Jan Hagerodt

- Nun steh¥ ich da in Linden vor dem CafÈ Notre Dame und linse auf das Schild, das mir mit groflen Lettern "Wegen Renovierung geschlossen" entgegen schreit. Na toll! Eigentlich wollte ich mich hier in 15 Minuten mit dem hannoverschen Bass-Maestro Lars Lehmann treffen. Da ich mich in dieser Gegend noch überhaupt nicht auskenne, latsche ich einfach mal Richtung Fuflgängerzone und " der Globalisierung sei Dank " finde natürlich auch hier ein Balzac CafÈ, welches ich fröstelnd betrete.

Lars wird kurzerhand per SMS umdirigiert und findet mich auch nach nur einmal Vorbeilaufen mit einem Getränk, das Unglaubliches versprach, aber doch einfach nur nach Kaffee schmeckt, in einem alten Ohrensessel sitzend. Herr Lehmann holt sich schnell noch ein Stück überteuerten Kuchen, dann kann das Gespräch beginnenÖ

Rockszene.de:
Hallo Lars, vielen Dank, dass du heute Zeit für uns hast. Wie geht es Dir?

Lars Lehmann::
Sehr gut, danke! Ich habe vor einigen Tagen den Lehrauftrag für die Musikhochschule Hannover in meinem Briefkasten gehabt. Seit Oktober 2008 unterrichte ich dort als Dozent für den Studiengang "Popular Music". Alles bestens also!

Rockszene.de:
Du bist gerade von einer Tour mit Uli Jon Roth wiedergekommen. Ihr wart unter Anderem in Japan, England, Frankreich, Griechenland und Neuseeland unterwegs. Erzähl mal, wie es gelaufen ist und was für Eindrücke Du sammeln konntest.

Lars:
Der Uli ist ein klasse Typ, ein bisschen in Richtung Althippie, ein wenig esoterisch veranlagt und so. Die Proben zur Tour fanden in seinem Anwesen, einem waschechten Schloss in der Nähe von Berlin statt. Dort habe ich auch den Rest der Band kennen gelernt. Alles sehr gute Musiker, "die Magie hat absolut gestimmt" würde Uli sagen. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als wenn Du bei einem 36 Stunden Flug nach Neuseeland auch noch neben einem nervigen Idioten sitzt. (lacht) Die Shows liefen super, vor allem die Japaner sind ganz schön extreme Fans, die einen auch schon mal bis zum Zug verfolgen, dabei aber trotzdem immer nett und höflich sind. Da bei einem der Konzerte mein Geburtstag war, haben mir ein paar Japanerinnen zum Beispiel diesen Schal hier geschenkt, das war klasse. Auch das Drumherum war super, im Gegensatz zum "Käsebrot", wenn man ein Konzert, hierzulande in irgendeinem Club spielt gibt es dort Top-Catering mit allem, was das Herz begehrt. Und beheizbare Klobrillen haben die dort auch im Hotel! Das war irgendwie einmal Rockstar und zurück.

Rockszene.de:
Aha, na das klingt ja, nennen wir es malÖinteressant! Wie läuft so ein Konzert mit der Band dann für Dich ab, habt Ihr Leadsheets, oder nur ein gewisses Repertoire, das Ihr regelmäflig abruft?

Lars:
Der Uli zeichnet sich durch Spontaneität aus. Da wird die Setlist meistens erst festgelegt, während das Konzert schon im Gange ist, oder auch einfach mal ein Song einen Halbton tiefer gespielt. Ich habe mittlerweile zirka vier Stunden Mp3-Aufnahmen, die ich alle auswendig drauf haben muss.

Rockszene.de:
Du hast erst mit 16 Jahren Deinen ersten Bass bekommen, viel zu spät sollte man meinen, um Profimusiker werden zu können. Was hat Dich damals am Instrument gereizt?

Lars:
Angefangen Musik zu machen habe ich schon sehr früh, allerdings erstmal mit Flöte und Akkordeon. Ein guter Kumpel von meinem Vater zeigte mir damals seine E-Gitarre und daneben hing auch ein Bass an der Wand. Natürlich reizte mich die Gitarre zu Beginn mehr, aber wie das so ist, war in der Schulbigband nur noch der Bass zu besetzen. Seitdem wollte ich nie wieder ein anderes Instrument spielen, auch wenn ich im Rahmen meiner Ausbildung noch Klavier und klassischen Gesang gelernt habe, blieb der Bass mein absoluter Favorit.

Rockszene.de:
Du bist meines Wissens Music Man Endorser. Wie bekommt man so einen Vertrag?

Lars:
Durch meine Arbeit als Chefredakteur bei der Zeitschrift "Bass Professor" habe ich so einige nützliche Kontakte knüpfen können und so unter anderem auch den Verantwortlichen von Music Man für Deutschland, Philipp Salb vom Vertrieb Musik Meyer, kennen gelernt. Ich spiele schon immer Stingray und habe das bei den Gesprächen natürlich immer besonders betont (lacht). Naja, irgendwann hat es dann halt geklappt, worüber ich sehr glücklich bin, weil der Support von Music Man nicht nur nützlich ist, sondern auch ungeheuer wichtig, gerade wenn man auflerhalb von Deutschland tourt. Wenn da der Bass mal Zicken macht, ruft man dort an und das Problem wird gelöst.

Rockszene.de:
Was macht Deiner Meinung nach gutes Bassspiel aus? Hast Du einen Tipp für alle Tieftöner, die das hier lesen? Wie sollte man üben und vor allem was?

Lars:
Generell halte ich Jazz für unheimlich wichtig, um neue Ideen zu bekommen und musikalische Zusammenhänge zu durchblicken. Das Wichtigste ist aber, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und sich nicht zu sehr auf das zu beschränken, was man schon kann. Man muss alles in sich aufsaugen und so viele Eindrücke wie möglich sammeln. Ich habe damals zum Beispiel zu viel Zeit für angesagte Sachen verschwendet. Licks ‡ la Billy Sheehan (Anm. d. Redaktion: Bassist von Mr. Big) oder so sind toll, aber man sollte flexibel bleiben und die Augen immer offen für das haben, was ein Song von einem verlangt.

Rockszene.de:
Wenn man auf Deiner Webseite nachliest, was Du alles so treibst, dann kommt die Frage auf, wie Du das alles unter einen Hut kriegst. Du bist Dozent, Redakteur, Live- und Studiobassist, BuchautorÖ was kommt als nächstes? Lars Lehmann in der Politik?

Lars:
(Lacht) Nee, das sicherlich nicht! Meinetwegen kann es ruhig noch ein bisschen so weitergehen, ich bin nämlich schon ein kleiner Workaholic. Wichtig ist mir, dass die Mixtur stimmt. Theatermusik macht mir zum Beispiel unheimlich viel Spafl, dann bin ich aber auch gerne mal wieder als Rocker oder Studiobassist aktiv. Die Mischung macht den Reiz aus, so wird es nie langweilig. Jeden Tag kann etwas Neues passieren, jeder Anruf kann Dein Leben verändern. Wer weifl, vielleicht werde ich demnächst auch erstmal Papa! (lacht)

Rockszene.de:
Hört, hört! Einmal "Nachwuchs" hat es ja schon gegeben. Dein neues Lehrbuch "Slap Attack" ist Anfang des Jahres erschienen. Warum sollte man sich das kaufen? Erzähl mal!

Lars:
Das Buch ist zum Groflteil aus meiner Kolumne im "Bass Professor" hervorgegangen und macht da weiter, wo die meisten anderen Bücher über Slap-Technik aufhören. Es ist sehr detailliert und gibt auch die Erfahrungen weiter, die ich selbst machen konnte. Aus diesem Grund ist es sowohl für Anfänger, als auch für Fortgeschrittene eine sinnvolle Investition. Bestellen kann man das Buch übrigens direkt über meine Internetseite (siehe unten " d.Red.)

Rockszene.de:
Wenn man wie Du mit Musik sein Geld verdient, läuft man da nicht Gefahr, dass man die Liebe zur Musik verliert? Ist das nicht irgendwann einfach nur noch ein Job, genau wie beispielsweise auf den Bau zu gehen?

Lars:
Hmm, na ja. Ich habe auch schon in Tanzbands gemuckt, mit denen wir dann in Kneipen mit Hirschgeweihen an der Wand aufgetreten sind, oder halt auch an anderen skurrilen Orten. Aber wenn ich 400 Euro für eine Nacht mucken bekomme, mache ich doch lieber das, als eine Woche für das gleiche Geld zu kellnern. Spafl macht es allemal, vor allem, wenn man mit den richtigen Leuten zusammen spielt.

Rockszene.de:
Ich nehme mal an, du bist in festen Händen!? Was sagt Deine Freundin dazu, dass Du soviel unterwegs bist?

Lars:
Zum Glück kommt meine Freundin aus einer Theaterfamilie, insofern bringt sie da von vornherein ein gewisses Grundverständnis mit. Natürlich gibt es auch manchmal Diskussionen und man muss Kompromisse eingehen, wenn aber beiden die Beziehung ernst ist, funktioniert das. Ich für meinen Teil weifl einfach, dass ich das jetzt machen muss. Es fühlt sich einfach richtig an.

Rockszene.de:
Ab wann ist man Deiner Meinung nach zu alt zum Musik machen? Geben sich Bands, wie z.B. die Rolling Stones nicht der Lächerlichkeit preis?

Lars:
Nein, das finde ich nicht. Zu alt ist man eigentlich nie! Es ist eher eine Frage der Einstellung und welche Priorität Musik selbst bei einem hat. Klar, ich bin damals auch als Musiker in der Schulband gestartet, und wenn ich mir heute manche meiner damaligen Kollegen angucke, dann verkaufen die jetzt Möbel, stapeln Kisten im Groflmarkt oder sitzen im Büro. Das soll jetzt nicht heiflen, dass ich das negativ finde, manchmal verändert sich das Leben halt einfach und man muss sich für eine Richtung entscheiden.

Rockszene.de:
Vielen Dank für das Interview!

Lars:
Nichts zu danken, gerne!

www.larslehmann.com

Das Interview mit Lars Lehmann führte Rockszene.de-Autor Jan Hagerodt am 2.Dezember 2008 in Hannover.

Foto: Olaf Köhn - Pressefreigabe nach oben | zurück