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Seedcake 2008: Gefühl geht vor
Jan „Hage“ Hagerodt über seine Band, die ihr Ding durchzieht
von Andreas Haug „Sie mögen nicht so recht passen in diese heutige, oft einfältige, streng genormte und formatierte Musiklandschaft, diese vier Jungs aus Göttingen.(…)“ So beginnt die Bandinfo der Progressive/Alternative Rockband Seedcake. Im April 2006, wenige Wochen nach der Veröffentlichung ihrer ersten Live-DVD und mit dem damals aktuellen Studioalbum „Everything´s Not Right“ im Gepäck spielten Seedcake einen viel beachteten support-Gig für FISH vor 1500 Besuchern im Capitol Hannover. Gute Resonanzen gab es auch von den nicht als unkritisch geltenden FISH-Fans.Der Einstieg ins professionelle Musikgeschäft, wie man ihn sich vorstellt, damals durchaus denkbar, blieb aus. Man bucht seine Touren –ohne Agentur- weiterhin selbst, spielt teilweise in Kneipen vor einer Handvoll Publikum, teilweise vor einigen Hundert in populären Clubs und auf bekannten Festivals und zieht sein Ding durch. Man veröffentlicht auf dem Online-Label Fuego, macht die Promotion selbst Sänger, Gitarrist und Frontmann Jan „Hage“ Hagerodt schmeißt seinen Job als Industriekaufmann in Göttingen, zieht nach Hannover, kümmert sich um Seedcake und ist als Gesangslehrer, Gitarrenlehrer, Bandcoach und Booker aktiv. Die Band schmeißt alte, bei manchen als heimliche Hits bekannte Konzert-Favoriten aus dem Programm und gibt sich unangepasst, spielt das, wozu man Lust hat. Auf das Gefühl käme es an, es bringe ja nichts einen Song zu spielen, den die Leute hören wollen, den man aber im Moment nicht mit dem Gefühl rüberbringen könne, das der Song benötigt. Hage sieht dennoch gute Perspektiven. „Ich habe das Gefühl, dass dieses Mal was geht“, sagt er zum brandneuen Seedcake-Album „Evolution!“. Außerdem will man neben Deutschland langfristig verstärkt auch im europäischen Ausland touren. In Polen war man schon, jüngst spielten Seedcake eine Show in Finnland. Rockszene.de: Hallo Hage, schön dass du Zeit gefunden hast für das Gespräch. Ihr seid mit Seedcake gerade aus Finnland zurück. Dort habt ihr in Turku einen Gig im Rahmen des Europatreffens der Wirtschaftsjunioren gespielt, ein Preis, den ihr Anfang Mai bei einem Contest gewonnen habt. Das hört sich nach einer relativ exotischen Geschichte an. Wie war das so? Wie ist man in Finnland auf euch und eure Musik klar gekommen oder nicht klar gekommen? Jan „Hage“ Hagerodt: Das war toll. Wir haben aus der Sache fünf Tage Rock´n Roll gemacht. Wir sind mit eigenem Bus und Anhänger mit der Fähre rübergefahren, hatten unseren Spaß, das war auch ein bisschen wie Urlaub. Der Höhepunkt war dann das Konzert in Turku in einem alten Ballsaal mit Kronleuchtern. Rund 1500 Leute waren da, es war richtig Partystimmung….VOR unserem Konzert. Da hatten wir die Hosen schon ganz schön voll muss ich sagen. Es gibt ja nix Schlimmeres, als wenn Leute vor dem Konzert zur Musik von einem DJ tanzen, da hat man so ein bisschen das Gefühl, man stört, so geht es mir zumindest. Als wir dann gespielt haben, haben die einfach weitergetanzt, ob wir 7/8 tel ausgepackt haben, das war denen wurscht (lacht). Aber die haben alles mitgemacht, jeden Quatsch, mitgesungen…das hat echt Spaß gemacht. Leider musste die Veranstaltung um Mitternacht beendet werden, wegen der Sperrstunde in Finnland. Rockszene.de: Habt ihr sonst noch was vom Land gesehen und werdet ihr mal wieder rüberfahren? Hage: Ja, wir haben ein bisschen von der Landschaft gesehen Turku ist schön, Helsinki ist dagegen pottenhässlich (lacht). Was die Musik angeht, so scheinen wir nach Finnland zu passen, das wurde uns bestätigt, deshalb werden wir wohl auch mal wieder in Finnland spielen. Rockszene.de: Ihr hattet vor rund zwei Jahren ein Show-Wochenende in Polen. Wenn ich mich recht erinnere war danach euer Merchandise-Stand komplett abgeräumt. Wie war das in Finnland, sind alle CDs und T-Shirt weggegangen und oder habt ihr wieder was mit nach Hause genommen? Hage: (Lacht) Wir haben schon ein bisschen was wieder mitgenommen. Aber wir konnten auch was verkaufen und weiterführende Kontakte knüpfen. Dort war jemand aus Braunschweig, der in Finnland was organisiert. Wir müssen mal schauen, ob wir unseren Techniker als Hannoveraner nach Braunschweig bekommen, vielleicht müssen wir ihn vorher narkotisieren (lacht). Rockszene.de: Und jetzt ist eure neue Platte fertig. „Evolution“ heißt das Album… Hage: …mit Ausrufezeichen… Rockszene.de: Mit Ausrufezeichen…. Hage: …sehr wichtig (lacht) Rockszene.de: Jetzt hört man ja von anderen Bands oft, dass die jeweils neuesten Platten, die besten überhaupt in der Karriere seien, dass man noch nie zuvor so kreativ sein konnte, dass man sich als Band mal so richtig entfalten konnte. Das neue Album sei das Beste, das Tollste…Ist auch „Evolution!“ das Beste, das Tollste Album von Seedcake? Hage: Ja, es natürlich völliger Quatsch, was man in diesen Pressemitteilungen vorgesetzt bekommt, aber genau so ist es (Lacht). Aber man ist als Band natürlich erstmal überzeugt von dem, was man da neu rausbringt. Das sind wir auch, mehr als überzeugt was „Evolution“ angeht. Wir waren selten zuvor so überzeugt. Ich bin sonst wirklich mega-kritisch, auch mit mir selbst, mit der Produktion, mit allem Drum und Dran. Dieses Mal ist es aber so, dass ich hundert Prozent sage: Da geht was. Ich kann weiß nicht warum, vielleicht muss ich auch nur auf Toilette (lacht), das ist so ein Bauchgefühl, das mir sagt: Da ist dieses Mal mehr. Weil es irgendwie ein bisschen mutiger ist, es ist viel, viel experimenteller und eckiger. Das gefällt mir persönlich sehr gut. Ich hoffe, dass wir damit keine Fans verschrecken, die –sage ich mal- sehr auf unsere alten Sachen stehen. Rockszene.de: Ich sehe das, gerade auch was die Konzerte und die neuen Songs von euch in den letzten, so zirka zwei Jahren angeht, ein wenig ähnlich wie bei Bands wie etwa Marillion, die ja auch musikalisch neue Wege gegangen sind. Songs, die langjährige Freunde und Fans gern als Konzertfavoriten, als Hits sehen, die sie mit der Band in Verbindung bringen, fehlen dann plötzlich im Programm, werden rigoros gestrichen. Neues Material wird angeboten, es fehlen eingängige Hooks, man wird eckiger, kantiger, es ist alles solide, aber ich habe den Eindruck, als wäre da auch bei Seedcake so etwas wie ein Zenith überschritten, es ist eher so ein B-Seiten Programm, wenn es um die Präsentation der neuen Songs geht… Hage: Nee, also auf keinen Fall. Wir spielen natürlich live in erster Linie erstmal das, wozu wir Bock haben. Das heißt natürlich nicht, dass wir sagen, es ist uns egal was die Leute hören wollen, wir versuchen natürlich eine Mischung hinzukriegen. Aber es bringt auf der anderen Seite auch nichts, wenn wir einen Song spielen, den die Leute hören wollen, den wir aber zu dem Zeitpunkt gar nicht mögen. Generell ist es so, da gebe ich dir Recht, dass wir viele alte Sachen nicht mehr spielen, es sei denn, wir wissen im Vorfeld, dass bei bestimmten Konzerten besonders viele Fans dabei sein werden, die uns seit vielen Jahren kennen, die richtig Bock haben, die alten Sachen zu hören, da macht es uns dann auch wieder Spaß. Wenn wir aber ein Konzert in der Fremde oder vor neuem Publikum spielen, machen wir es so aktuell wie es geht. Ist ja klar. Rockszene.de: Euch gibt es ja nun schon, oder sagen wir erst, seit acht Jahren. Ist es dann schon so, dass sich Songs aus eurem 2005er-Album „Everything´s Not Right“, eine, wie ich finde, sehr, sehr gute Platte, nach zwei, drei Jahren für euch schon abnutzen? Ein, zwei, drei Songs, aus diesem Album, die für mich zu den Höhepunkten einer Seedcake-Show im Jahr 2005 zählten, nehmt ihr schon ein Jahr später aus dem Live-Set heraus. Werdet ihr manchmal schnell müde? Hage: Nein, aber bei „Everythings´s Not Right“ war es so, dass viele Songs schon seit Jahren existierten und von uns live gespielt wurden, bevor wir zu den Aufnahmen ins Studio gingen. Wir hatten einige Songs schon mal vorher aufgenommen, man hat sie tausend Mal gespielt, hat sie sich tausend Mal anhören müssen…und dann soll man sie beim nächsten Mal wieder live spielen? Natürlich, irgendwann nutzt sich das dann schon ab. Ist ja klar, es fordert einen dann nicht mehr wirklich. Aber es ist jetzt wieder ganz anders. Wenn man jetzt einen alten Songs herauskramt und ihn spielt, macht es so viel Spaß, weil man ihn jetzt auch anders spielt, man baut andere Elemente ein, man spielt ihn inzwischen generell anders. „Morning View“ ist da so ein Beispiel. Wir hatten eine Zeit den Eindruck, dass wir das Stück nicht mit dem Gefühl rüberbringen können, das es braucht und dann lassen wir es lieber sein. Bevor nachher einer sagt: Hm, das habe ich aber schon mal besser gehört. Rockszene.de: Ist demnächst dann wieder eine größere Deutschland-Tour geplant oder sollen es erstmal Einzelkonzerte werden? Hage: Erstmal stehen einige Open-Airs an im Sommer. Dann machen wir alle erstmal Urlaub (lacht). Ich hoffe, dass klappt auch noch, nicht, dass L´TUR wieder die Last-Minute-Angebote rausschmeißt (lacht). Dann geht es ab Oktober wieder auf Tour. Der Plan ist langfristig aber auch, Shows im europäischen Ausland zu spielen, denn die Reaktion auf uns und unsere Musik ist nochmal viel stärker, wenn wir aus Deutschland rauskommen, das haben wir gerade wieder in Finnland erfahren. Rockszene.de: Als Tour bekommt ihr ja oft zehn, 15 mehr oder weniger zusammenhängende Shows bundesweit zusammen. Ihr spielt mal irgendwo in der Provinz in einer Kneipe vor, sagen wir mal, sieben Besuchern, dann wieder vor 150 in einem amtlichen Club. Viele Bands träumen vom Touren, raus zu kommen aus der Heimatstadt, aus dem eigenen Bundesland. Ihr habt meines Wissens keine Agentur. Wie bekommt man das gebucht? Hage: Nee, das mache ich selbst. Da hat sich im Laufe der Jahre eine ganze Menge angesammelt, wir sind schon gut rumgekommen, es bestehen viele Kontakte und wenn es in einer Stadt, in einem Club gut läuft, dann versucht man natürlich, dort wieder aufzuschlagen, Nachfolge-Gigs zu bekommen. Zusätzlich versuchen wir auch, in anderen Läden zu spielen, die neuen Sachen bleiben dann aber oft schwer. Mittlerweile können wir ganz ordentliche Referenzen nachweisen, dann geht das ein oder andere leichter, manchmal aber auch nicht. Das ist oft wie Staubsaugerverkaufen. Man ruft 15.000 Mal an, mailt, ruft wieder an, fragt nach, bis es irgendwann klappt. Dann versucht man, dort ein möglichst gutes Konzert zu spielen, dass es heißt: Okay, nächstes Jahr wieder. So muss man es eben versuchen. Man darf dann kein anderes Projekt oder Hobby nebenbei haben. Das ist dann schon ausfüllend. Rockszene.de: 2006 habt ihr im Capitol Hannover vor 1500 Leuten eine support-Show für FISH gespielt, habt zahlreiche, positive Resonanzen von einem fremden Publikum erhalten, das als durchaus kritisch gilt. Seinerzeit hattet ihr auch gerade eure erste Live-DVD veröffentlicht. Aus meiner Sicht war das damals so eine Art Schlüsselszene, wo sich entscheiden konnte, wohin es mit Seedcake geht, ob es eine ernsthafte Perspektive Profi-Karriere gibt. Jetzt, gut zwei Jahre später habt ihr keinen Plattendeal, keine Agentur, veröffentlicht eine neue Platte und geht wieder auf Tour und spielt dabei durchaus wieder mal in einer Kneipe in der Provinz. Wie fühlt sich das mit diesem Hintergrund heute an, wenn man größere Shows oder Shows in renommierten Clubs mit amtlicher Technik und allem Drum und Dran gespielt hat und nun wieder auf Ochsentour geht? Wie motiviert man sich da? Hage: Da hast du schon Recht. Das ist natürlich nicht ganz einfach. Das war natürlich ein absolutes Highlight im Capitol. Das sehen wir immer noch so. Das war eines der absoluten Highlights, die wir bisher erlebt haben, das würden wir natürlich auch gerne mal wieder machen, keine Frage (schmunzelt). Ich habe mich so motivert: Ich habe gesehen, was gehen kann, jetzt muss man daran arbeiten, dass man da auch hinkommt. Der Weg ist persönlich noch nicht abgeschlossen, der ist noch nicht zu Ende gegangen. Zu dem Zeitpunkt, muss man sagen, fehlten noch einige Sachen, wir waren noch nicht soweit, rein musikalisch oder vom Auftreten her, keine Ahnung. Jetzt ist das schon eher der Fall. Aber wir hatten damals Blut geleckt, so dass es im Anschluss kein Downer war. Ich habe dann nicht gesagt: So, jetzt spiele ich nie wieder vor zehn Leuten im Jugendzentrum, denn das kann ja auch wirklich großartig sein und Spaß machen, auch wenn es natürlich nicht die Leute erreicht, wie an jenem Abend. Für mich wäre es sicher anders, rein hypothetisch, wenn ich nun eine Amerika-Tour spielen würde, jeden Abend vor 5000 Leuten und man würde dann wieder zurückgehen und dann wieder die kleineren Sachen spielen. Da es aber erstmal EIN Highlight war, sehe ich das eher als Motivation. www.seedcake.de www.myspace.com/seedcake www.myspace.com/hagenau |
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