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„Kunst kommt von müssen“
Thees Uhlmann von Tomte im Interview
von Tobias Lehmann Ein Interview mit Thees Uhlmann von Tomte. Bevor es ins Eingemachte geht, ein kurzer Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Band: Gegründet wurde Tomte bereits vor sage und schreibe 18 Jahren in dem kleinen Dorf Hemmoor, östlich von Bremerhaven. Damals nannte sich die Band noch Tomte Tummetott, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Astrid Lindgren. Der Einfachheit halber wurde das Tummetott später gestrichen. Zehn Jahre sollten vergehen, bevor Tomte ihr erstes offizielles Album „Du weißt, was ich meine“ aufnahmen. Es wurde in Hamburg unter der Leitung von Marcus Wiebusch, dem heutigen Sänger der Band Kettcar, produziert und orientierte sich noch am Punk, wo auch Thees Uhlmann´s musikalische Wurzeln liegen.Dem Pop öffneten sich Tomte auf ihrem zweiten Album „Eine sonnige Nacht“, für dessen Veröffentlichung sie ein eigenes Label mit dem Namen Hotel van Cleef gründeten. Und an dieser Stelle ließe sich pathetisch sagen, der Rest ist Geschichte. Tomtes Label schloss sich mit Wiebusch' Label B.A. Records zusammen und hieß fortan Grand Hotel van Cleef. Dort veröffentlichten Kettcar ihr erstes Album „Du und wieviel von deinen Freunden“ und ein paar Monate später folgte Tomtes drittes Album „Hinter all diesen Fenstern“. Mittlerweile haben Uhlmann & Co. ihr viertes Album „Buchstaben über der Stadt“ veröffentlicht und freuen sich darüber, regelmäßig über tausend Besucher bei ihren Konzerten zu begrüßen. Vor Tomtes Hannover-Konzert im Capitol am 8. März traf sich Tobias Lehmann mit Thees Uhlmann zum Gespräch. Rockszene.de: Beginnen wir mit der Lokalfrage: Gibt es spezielle Erinnerungen, die du mit Hannover verbindest? Thees Uhlmann: Mit Anfang 20 war ich zusammen mit einem Freund im Bad auf einem Fat-Wreck-Festival. Da haben NoFX und Lagwagon gespielt. Das war einer unserer ersten Erfahrungen von Freiheit, das erste Mal wirklich weg von zu Hause. Das war eine große Sache für uns. Und dann natürlich die Chaostage, die ich aus erster Reihe miterlebt habe. Rockszene.de: Du warst hier, als sie den Pennymarkt auseinander genommen haben? Uhlmann: Nein, ich war nicht hier, aber ich habe mich in der Szene bewegt. Wie die ersten Aufrufe kamen, wie die Medien instrumentalisiert wurden. Und RTL so froh darüber war, dass endlich mal was passiert ist und sie den zerstörten Pennymarkt filmen konnten. Das war schon eine sehr obskure Sache. Rockszene.de: Nach den Erfolgen von Kettcar und Tomte geht es eurem Label vermutlich ganz gut. Uhlmann: Stimmt, wir haben auch jetzt schon wieder spitzenmäßige Bands in der Pipeline. Geplant ist es, dieses Jahr noch 6 Platten zu veröffentlichen. Und die Mehrzahl davon englischsprachig. Die Bands sind allerdings deutsch, aber wir hoffen natürlich auch mal wieder auf etwas Internationales. Rockszene.de: Und wie fühlt sich der Erfolg an? Ist es ein großer Unterschied vor 100 oder vor 1000 Leuten zu spielen? Uhlmann: Die Atmosphäre ändert sich auf jeden Fall. Ein Konzert vor 20 Leuten, die keine Ahnung haben, was auf sie zukommt und ein Konzert vor 1000 Leuten, die genau wissen, was sie zu erwarten haben, ist natürlich was anderes. Ich mache für mich immer so einen Herzcheck. Ich stehe dort immer mit derselben Inbrunst. Es ist mir egal ob ich vor 20 oder 1000 Leuten spiele, es ist immer 'ne geile Zeit. Mich würde es langweilen, wenn immer alles gleich bliebe. Es ist ja auch für den Charakter total schädlich, wenn man immer gleich bleibt. Ich genieße es auch, Karriere zu machen, mir macht das schon Spaß vor 1000 Leuten zu spielen, von mir aus können das auch 10000 sein. Aber ich weiß auch, dass ich das vor 100 Leuten mit genau dergleichen Leidenschaft gemacht habe. Das war ja für mich damals auch ein unglaublicher Erfolg, als ich das erste Mal vor 100 Leuten spielen durfte. Rockszene.de: Aber ein wenig Intensität geht doch sicher verloren, wenn die Hallen größer werden, oder? Uhlmann: Wir haben gestern in Rostock vor 1000 Leuten gespielt und da habe ich gehört, dass jemand in Tränen ausgebrochen ist. Das hängt natürlich auch immer von der Tagesform ab. Für uns ist das im Moment natürlich noch ziemlich aufregend vor so einer großen Masse zu spielen und das merken die Leute auch. Sollte ich mich in Hannover über irgendetwas aufregen, werden die das aber auch merken. Wenn ich heute aus irgendeinem Grund meine Freundin nicht mehr erreiche, bin ich schlecht gelaunt und das kriegt Hannover dann auch zu spüren. Der Unmittelbarkeitsgrad ist bei Tomte eben relativ hoch. Da muss man natürlich auch aufpassen, dass das in der Unschuld bleibt. Nicht dass man denkt, wir kreieren jetzt mal ein Event, was die Leute als intensiv empfinden. Wir schauspielern jetzt mal ein bisschen. Genau das machen wir eben nicht. Gestern hatte meine Mutter Geburtstag und da habe ich sie von der Bühne aus angerufen und die 1000 Leute haben „Happy Birthday“ gesungen. Ich will mir selbst schöne Momente auf der Bühne schaffen. Und ich glaube, wenn mir das Spaß bereitet, findet das Publikum das auch gut. Rockszene.de: Die Beatsteaks haben mal gesagt, dass sie für sich den Anspruch haben, gut drauf zu sein, wenn sie auf die Bühne gehen. Das ist bei euch also nicht so? Uhlmann: Die machen das ja auch phantastisch. Ich bin großer Beatsteaks-Fan. Ich habe ihnen neulich auch noch mal im Vollsuff erklärt, warum sie so eine große Band sind. Ich glaube, sie haben es mir auch geglaubt. Bei Tomte ist das aber anders. Beatsteaks können den deprimierendsten Text auf der ganzen Welt schreiben. Da würde die kein Mensch nach fragen. In jedem Interview bei mir kommen aber so Fragen wie, bist du eigentlich unglücklich, wie kannst du dich nur immer wieder so entblättern, hast du nicht Angst, dass man dir wehtut. Da ist wieder diese Unmittelbarkeit, wenn du deutsche Texte schreibst. Das ist natürlich schwierig. Ich fühle mich auch ein bisschen wie die Margret Thatcher der deutschen Indieszene. Mir kommt es so vor, als müsse ich jede Frage, die Journalisten deutschen Musikern in den letzten 20 Jahren stellen wollten, innerhalb eines halben Jahres beantworten. Rockszene.de: Beantwortest du sie denn alle? Uhlmann: Ich möchte hier jetzt keine Kollegen dissen, aber für mich wäre das auch schon wieder so eine Art Versagen, sich dazu nicht zu äußern. So als wäre das eben doch nicht ich in meinen Texten oder nur zu 80% oder so. Ich empfinde es als meine Aufgabe, da mit der vollen Wucht meiner Persönlichkeit reinzugehen. Weil ich das so erlebt habe. Deswegen wird auf der neuen Platte die Liebe thematisiert, weil mich das zu der Zeit beschäftigt hat. Vielleicht ist es mein Know-How, das ich etwas aufschreiben kann, was viele Menschen ähnlich empfinden. Andere können spitzenmäßig Parkett verlegen. Und mein Beitrag zur Gesellschaft ist es, diese Texte zu schreiben. Ich sehe das völlig unromantisch. Ich bin Künstler, der ist Parkettverleger. Rockszene.de: Du siehst dich also auch als Handwerker? Uhlmann: Nein. Ich würde sagen, das ist meine Gabe, das kann ich. Aber als Handwerker sehe ich mich nicht, schon als Künstler. Ich habe das nicht gelernt, aber das, was ich in meinem Leben erfahren habe, hat mich dazu gemacht. Kunst braucht eine Dringlichkeit. Kunst kommt von müssen, nicht von dürfen oder sowas. Mein Herz steht in Flammen und das muss gelöscht werden, durch die Texte. Nein, natürlich nicht ganz so dramatisch. Aber schon in dieser Richtung. Ich möchte mir in diesen Momenten selbst etwas mitteilen und das können andere dann auch mitbekommen. Rockszene.de: Hast du durch diese Offenheit auch schon negative Erfahrungen mit der Presse gemacht? Uhlmann: Lustigerweise schrieben nur die Leute schlecht über Tomte und die Texte, die mich noch nie interviewt haben. Man kann sich dadurch natürlich auch profilieren. Beim Bewerbungsgespräch kannst du sagen, hier habe ich in einem Bericht schlecht über Tomte geschrieben und dann sagen die, ah, sie sind ja ein besonders kritischer Zeitgenosse. Rockszene.de: Und wie sieht es mit den Fans aus? Gibt es da welche aus den ersten Tagen, die euch Ausverkauf oder so etwas vorwerfen? Uhlmann: Nicht wirklich. Natürlich sagen einige, früher sei es etwas heimeliger gewesen. Und das ist natürlich auch so. Früher haben wir gesoffen, sind nach dem Konzert zu dem Veranstalter nach Hause gegangen und haben dort gepennt. Das ist schon etwas anderes, als wenn wir mit dem Bus in die nächste Stadt fahren. Aber ich vermisse das auch nicht, ich finde das jetzt geil. Ich meine, guck dir mal den großen Bus dort draußen an. Das waren früher immer die anderen, immer die anderen Bands. Und jetzt sind wir das. Das bringt mir Freude. Ich glaube, wir sind da mit insgesamt 13 Leuten unterwegs und jeder hat eine Aufgabe. Alles spitzenmäßige Typen. Das ist echt ein Traum mit den besten Freunden unterwegs zu sein. Das habe ich mir erkämpft und da habe ich jetzt auch ein Recht zu. Vor allem weil man auch weiß, ok, dass sind jetzt größere Konzerte, aber wir ziehen die Leute ja nicht ab, wir faken nicht rum. Die Leute haben die Wahl. Sie müssen nicht zum Konzert kommen oder die CDs kaufen. Natürlich freue ich mich wahnsinnig, wenn sie es tun. Rockszene.de: Wie würdest du eure Fans beschreiben? Eine Zielgruppe gibt es ja wahrscheinlich nicht, wenn Kunst von müssen kommt. Uhlmann: Wow, das mit der Zielgruppe hast du gut gesagt, das merke ich mir für die nächsten Interviews. Das Durchschnittsalter unserer Fans liegt bei 24. Und ich glaube, dass viele einen Stachel im Fleisch haben. Das es da irgendetwas in ihrer Biographie gibt, das sie nachhaltig beeinflusst hat. Es sind viele Leute da, die nicht einfach so durch das Leben gehen. Die mit 14 schon wissen, was sie mit 34 tun. Die meisten wollen sich im Leben umschauen, was auch ihr gutes Recht ist. Es sind einfach wahnsinnig viele intelligente und kreative Leute darunter. Neulich habe ich nach einem Konzert mit einer 17-Jährigen gesabbelt und die hat mir gesagt, dass sie in einem Theaterstück von ihr einen Song von mir untergebracht hat. Da stand mir der Mund offen. Mit 17 hatte ich Gummistiefel an und habe Metal gehört. Das finde ich schon beachtlich. Und ich möchte auch eine Lanze für ein intelligentes Publikum brechen. Wir entertainen ja die Massen nicht. Ich mache schon Witze auf der Bühne, aber nicht so einen Aufruf zum gemeinsamen Aerobic oder so etwas. Ich glaube, die würden sich auch verarscht vorkommen. Ich bezeichne unser Publikum als angenehm unaufgeregt. Außerdem ist es sehr gemischt. Auf jedem Konzert ist mindestens ein 45-jähriger oder so. Und auch 16-jährige Mädchen, aber selbst die sehen smart aus und himmeln mich nicht an. Rockszene.de: Also beim letzten Kettcar-Konzert hier im Capitol, waren aber schon ein paar Mädels, die auch auf einem Boygroup-Konzert nicht aufgefallen wären. Früher waren die noch nicht da. Uhlmann: Das ist richtig. Aber Popmusik ist eine demokratische Sache. Ich bin auch dagegen so punkszenenmäßig einen Kommunismuscheck und einen Büchercheck zu machen, was man so gelesen hat. Und ob man auch die „richtigen“ kulturellen Merkmale drauf hat. Du kannst mit allen spitzenmäßige Momente haben. Ob du mit einem 22-jährigem Indielabelbesitzer sprichst oder mit einer 14-Jährigen. Zumal der Realitätscheck immer der gleiche ist. Jeder erzählt mir etwas aus seinem Erlebnishorizont. Ob 14, 22 oder 45. Das darf man auch nicht unterschätzen. Ich weiß eben, dass ich da draußen Momente erlebe, die mein Leben reicher machen. Wenn ich einer 14-Jährigen meine Lieblingsbands aufzähle und sie sagt, dass ich keine Ahnung von Musik habe, dann ist das für mich ein schöner Moment. Ich weiß dann, dass eine rotzfreche 14-Jährige auf einem Tomte-Konzert war und das finde ich gut. Rockszene.de: Du gehst also auch nach dem Konzert immer noch mal zu den Fans raus? Uhlmann: Ja. Aber nicht weil ich mich irgendwie dazu verpflichtet fühle, sondern weil mir das Backstage einfach zu langweilig ist. Reiner Selbstzweck, reine Eigensucht. Rockszene.de: Stimmt es, dass du gerne mal ein Album in englischer Sprache aufnehmen würdest? Uhlmann: Ja, das habe ich im Hinterkopf. Popmusik ist einfach eine englische und amerikanische Sache. Und ich würde gerne einmal einen Verriss im NME lesen. Das ist ein Stachel in meinem Fleisch, ich will das einfach. Von mir aus sollen die schreiben, Scheiß-Deutsche haut ab, ihr habt meinen Opa getötet. Das ist mir egal. Ich will das nur einmal erleben. Nicht weil ich jetzt auf dem Glastonbury-Festival spielen will oder so etwas. Ich sehe das nicht als Karriereschritt, sondern als Erfahrung. Ich will in England auch nicht vor 100 deutschen Austauschschülern spielen, sondern vor 200 Engländern, die mich hassen, weil ich aus Deutschland komme. Rockszene.de: Eignen sich Tomte-Texte denn zum Übersetzen in die englische Sprache? Uhlmann: Ich glaube, das geht ganz gut, weil Tomte-Texte, wie ein Jungjounalist sagte, frei von Zeitschleim sind und frei von Erfahrungshorizonten. Zum Beispiel könntest du eine Zeile wie 'Liselotte Pulver hat mein Leben verändert' auf Englisch nicht singen. Und solche Sachen kommen in Tomte-Texten nicht vor. Deshalb kann man die bestimmt auch gut übersetzen, ich hatte nur noch keine Muße und keine Zeit. Rockszene.de: Abschließende Frage: Stimmt es wirklich, dass du all deine Interviews genießt? Uhlmann: Das ist richtig, das macht mir Spaß. Ich glaube, ich habe jetzt so an die 130 geführt. Und in der Regel sind das auch freundlich Menschen, die sich für Tomte interessieren. Und was soll ich auch sonst machen? Ich kann ja nicht den ganzen Tag rumhängen oder drüben in den SM-Shop gehen. Da könnten auch schon wieder Leute stehen, die einen erkennen, wenn man aus dem SM-Shop kommt... www.tomte.de www.ghvc.de www.tomte-musik.de |
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