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Rockszene.de Interviews

Interview mit Thorsten Wingenfelder
Über Driftland, seine Songs und die Musikindustrie
von Andreas Haug

Interview mit Thorsten Wingenfelder-Über Driftland, seine Songs und die MusikindustrieFury-in-the-Slaughterhouse-Gitarrist Thorsten Wingenfelder hat mit Driftland „Songs of Love and Hope“ sein erstes Solo-Album veröffentlicht, das er im Rahmen einer Tournee durch Deutschland auch live präsentierte.

Die Tour fand am 21.April 2003 in Thorsten´s Heimatstadt Hannover ihren Abschluss. Andreas Haug traf Thorsten Wingenfelder unmittelbar vor der Show im Capitol Hannover zum Interview.

Thorsten sprach über Driftland, seine neue Rolle als Frontmann, den Entstehungsprozess und die Inhalte seiner Songs, sein Verhältnis zu Hannover und der örtlichen Szene sowie über Bandcontests, die Situation von Nachwuchsmusikern und die Musikindustrie.
Rockszene.de:
Thorsten, dein Projekt heißt Driftland. Ist das eher als Projekt zu verstehen oder als feste, zweite Band neben Fury in the Slaughterhouse ?

Thorsten Wingenfelder:
Driftland ist ein Oberbegriff für das Ganze und unter diesem Oberbegriff habe ich versucht, Leute für eine Band zu finden aus der etwas erwachsen könnte. Es scheint so zu sein, das daraus eine Kapelle erwächst, die das zweite Album einspielen wird, wie es momentan aussieht.

Rockszene.de:
In der Info zu Driftland äußerst du dich dahingehend, dass du das aktuelle Album schon hättest früher machen sollen, es aber vorher nicht gekonnt hättest. Wie ist das zu verstehen ?

Wingenfelder:
Man hätte es vielleicht früher in einer anderen Zeit zu besseren Voraussetzungen des Marktes machen sollen, wo es eventuell für alle Beteiligten noch besser funktioniert hätte. Im Augenblick funktioniert es aber glücklicherweise auch ganz gut. Grundsätzlich hat das aber nicht der Markt zu bestimmen, sondern ich. Bisher war aber für mich noch nie der Moment da. Ich hatte nicht die Reife, die Lust, die Erfahrung und Muße es zu machen.

Rockszene.de:
Inwiefern sind die Songs auf „Songs of Love and Hope“ autobiografisch ?

Wingenfelder:
Alle Songs sind immer zu einem großen Teil autobiografisch, so auch auf diesem Album.

Rockszene.de:
Man merkt deinen Songs auf dem Album eine gewisse Leichtigkeit an, sie strahlen eine gewisse Zufriedenheit aus, man spürt keine Wut, keinen Schmerz, wie ihn viele andere Songwriter als Antrieb zum Schreiben sehen und in ihren Songs meist auch zum Ausdruck bringen. Du wirkst mit dieser Musik sehr ruhig, gelassen, ja zufrieden. Ist das so richtig interpretiert ?

Wingenfelder:
Wut und Schmerz. Je älter man wird umso mehr muss damit lernen umzugehen. Du kannst es zwar in die Welt herausschreien und damit Millionen Platten verkaufen, aber ab der zehnten Platte finde ich es auch nicht mehr wirklich authentisch. (Denkt nach) Wenn man über 30 ist, ist die Vielfalt der Gefühle sicherlich einfach eine größere und die Farbenvielfalt und die Grauzone ist eine sicherlich dir bekannte.
Es ist nicht mehr alles schwarz und weiß. Du verliebst dich nicht mehr so einfach über den Stuhl hinweg, sondern es gibt eine Menge Probleme und Dinge, sich aufeinander einzustellen, sich kennen zu lernen, vielleicht auch zusammenzuleben. Solche Dinge sind wichtig und darüber singe und schreibe ich.

Die Zufriedenheit die da ist, liegt darin, dass ich einfach damit zufrieden bin, dass ich das so machen kann und Erfolg nicht mehr zwingend darüber definiere, so wie wir das bei den Furys manchmal zum Teil leider definieren müssen, nämlich über Chartnotierungen und Verkaufszahlen, sondern über das Gelingen einer Sache und über ein Gefühl, das sich darüber entwickelt, was mir gut gefällt und das gefällt mir sehr gut, auch wenn die Stimme heute ein wenig angeschlagen ist (grinst)


Rockszene.de:
Ja, ihr hattet viele Gigs hintereinander auf der Tour, gestern in Hamburg heute ist Abschluss hier in Hannover. Wie ist es gelaufen, wie war die Erfahrung für dich ?

Wingenfelder:
Gestern in Hamburg war zum Beispiel ein sensationeller Gig, den möchte ich mein Leben nicht missen. Es war für mich auf der Tour wichtig zu sehen: 90 Minuten Frontmann, geht das und wenn ja, wie geht das ? Wie entwickelt sich das ? Und heute Abend wenn die Tour mit dem Gig hier im Capitol zuende ist, werde ich auch sicherlich nicht mehr der sein, der ich vor der Tournee und vor dem Projekt war. Das war schon ein ganz wichtiger Kick für mich in meinem ganzen Leben und auch ein wichtiger Weg.
Wenn mich mein kleiner Sohn eines Tages fragt, was ich damals alles so gemacht habe, ob es was vorzuspielen gebe, werde ich wahrscheinlich die Driftland-Platte rausholen.

Rockszene.de:
Wie entsteht bei dir ein Song und der Text dazu ? Gibt es da ein bestimmtes Muster, einen Ablauf oder ist das bei dir ähnlich, dass der Song-so wie es viele Schreiber schildern- einfach so angeflogen kommt ?

Wingenfelder:
Der kommt ja auch angeflogen. Über´s Fernsehen zum Beispiel, eine CNN Nachricht, über ein Inserat in der Zeitung, über das du dich wunderst, über eine Geschichte, die dir jemand erzählt hat oder es ist ein Text eines Freundes an dem du weiter arbeitest. Es gibt viele Möglichkeiten. Oder da ist ein Lied zu dem du einen Text machen musst und es fällt dir nichts ein (grinst).

Wenn du eine Idee hast, gibt es tausend Möglichkeiten den Song zu machen, entweder alleine oder mit meinem englischen Buddy Paul Tate. Oftmals ist es aber einfach eine Idee, die man hat, z.B. ein Liebeslied über die 80er-Jahre zu schreiben und es dann ganz verschmitzt „80s Girl“ zu nennen. (Song auf dem aktuellen Driftland-Album-der Verf.).

Rockszene.de:
Wie groß war der Einfluss von Jens Krause auf dem Album und Produzent Quincy Capitano, von dem ich-offen gesagt-zuvor noch nichts gehört habe, von der Produktion aber sehr positiv überrascht war.

Wingenfelder:
Quincy Capitano ist Jens Krause (lacht)

Rockszene.de:
Ach so, Jens Krause arbeitet also auch unter Pseudonym, oder wie ?

Wingenfelder:
Genau. Ab und zu sagt er: Die Platte mache ich unter einem anderen Namen. Krause und ich sind seit vielen Jahren befreundet und haben das Album ja komplett alleine eingespielt. Sein Einfluss war groß, aber nicht so groß wie bei den Furys komischerweise, obwohl wir da zu sechst sind, aber wir haben es schon zusammen gemacht.

Rockszene.de:
Du lebst ja seit 1996 in der Eifel. Wie ist dein Kontakt noch zu Hannover ? Hast du zu der Szene hier noch Verbindungen bzw. verfolgst du noch was hier passiert ?

Wingenfelder:
Wir hatten auch zu Beginn der Fury-Zeit jede Menge Verbindungen, kannten viele Leute und haben Bekanntschaften gepflegt, ich persönlich war aber nie so ein Szene-Heini. Das hat nie so funktioniert. Ich war auch bei den Furys immer der, der nicht wirklich mit einer gewissen Szene, zu der wir angeblich zugehörten, warm geworden ist.
Aber in Hannover habe ich immer noch ein Zimmer in einer WG von Freunden und Hannover ist immer noch Zuhause, besser gesagt Heimat. Zuhause ist in der Eifel, heimatliche Gefühle hege ich zu Hannover, da kenne ich alle Straßen und weiß, wo ich nachts noch was zu essen bekomme.

Rockszene.de:
Eine Frage, die ich häufiger an erfahrene Musiker richte. Wenn du dir die heutige Rocklandschaft anschaust, die Nachwuchsszene. Sind die vielen Bandcontest, wie z.B. auch Emergenza ein geeignetes Mittel um nach vorne zu kommen ?

Wingenfelder:
Nach vorne kommen ist ja immer ganz lustig. Dabei habe ich immer das Gefühl, das ist wie bei einem Leichtathletik-Rennen. Irgendjemand wird da vorne in die Blöcke gestellt und dann wird geschossen, alle müssen losrennen und niemand weiß, wie das Rennen geht. (Denkt nach). Emergenza...ist, wenn man die Agentur kennt, die das macht, natürlich eine Sache wo man fragwürdig darüber nachdenkt, weil die verdienen damit eine Menge Geld und den Bands bringt es eigentlich nichts.
Local Heroes hat sich als ein Contest heraus gestellt, der schon funktioniert. Meinerseits kann ich nur sagen, dass ich Breitensportmusiker nicht so feiern kann. Musikalische Früherziehung oder Frauenrockmobil und die ganzen Sachen, da kannst du nichts gegen sagen, das funktioniert gut und genau das ist auch richtig, aber so Kurse „Wie werde ich Popstar“ oder Seminare finde ich einfach verwerflich und leider auch manchmal sehr schlecht gemacht.

Es gehört eine gewissen Verzweiflung dazu, ein gewisser Hunger und auch eine Sehnsucht nach irgendwas dazu das man gar nicht so beschreiben kann, sich im Sommer in einen Keller einzuschließen und ein Programm einzustudieren und dann von 20 Leuten mit Bier beschmissen zu werden. Aber nur so geht´s. Das Berufsbild Popstar gibt es nicht, das ist ein Abfallprodukt.

Rockszene.de:
Was würdest du dann jungen Musikern und Bands raten, die ins professionelle Geschäft streben ?

Wingenfelder:
Professionelles Geschäft ? Alles selber machen ! Alle Plattenfirmen vergessen, eigenes Label gründen, eigenen Verlag, sich bei Gema/GVL anmelden, eigene Homepage machen, selber Platten pressen und selber verkaufen.

Rockszene.de:
Auch wenn Major-Companies Interesse zeigen würden ....

Wingenfelder:
Das braucht kein Mensch mehr. Das hat sich jetzt schon erledigt. Ich kenne keine Plattenfirma mehr, die in der Lage wäre, in Deutschland eine Band zu breaken. Ich habe das Glück bei einer kleinen Plattenfirma zu sein, die machen das aus Überzeugung, die engagieren sich unglaublich. Aber das findest du heute kaum noch, deshalb: eher selber machen.

Rockszene.de:
Wie sind deine konkreten Pläne jetzt nach der Driftland Tour ? Wann und wie geht es mit den Furys weiter oder machst du jetzt erstmal Urlaub ?

Wingenfelder:
In fünf Tagen geht’s weiter. Fünf Tage zuhause und dann nach Hannover fahren um für die Festivals zu proben, anschließend geht es direkt wieder ins Studio.

Rockszene.de:
Danke Thorsten für deine Zeit und viel Erfolg gleich bei der Show.

Surftipps zum Thema:
www.driftland.de
www.fury.de
www.piraterecords.de
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