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Ray Wilson im Gespräch
Über Genesis, sein Solo-Album, Songs, Band-Contests u.v.m.
von Andreas Haug Ray Wilson landete 1994 als Sänger der Band Stiltskin mit dem Song "Inside" einen Nummer 1-Hit. Dann übernahm er 1996 als Nachfolger von Phil Collins das Mikrofon bei Genesis. Mit Genesis wurde das Album "Calling all stations" veröffentlicht und es ging auf große Welttournee. 1998 war er mit Genesis Headliner beim Rock am Ring Festival.Inzwischen ist Ray Wilson solo unterwegs. Im April 2003 erscheint sein Solo-Debüt "Change". Im März / April ist Ray als support von Saga auf großer Tour durch Deutschland. Andreas Haug traf Ray Wilson am 28.03.2003 zwischen Soundcheck und Show Backstage im hannoverschen Capitol zu einem ausführlichen Interview. Ray spricht sehr offen und ausführlich über seine Solo-Karriere, die Saga-Tour, seine Zeit bei Genesis, das Debüt-Album "Change" und sagt seine Meinung zu Rock-Contests wie Emergenza und der Musikindustrie. Auch für Nachwuchsbands die ins professionelle Musikgeschäft wollen, hat er ein paar Tipps..... Die Rolle als Solo-Künstler und die Tour mit Saga Rockszene.de: Hallo Ray, schön das es mit dem Interview klappt. Wie ist es bisher auf der Saga-Tour für dich als Support-Act gelaufen ? Wurden deine Erwartungen erfüllt ? Ray Wilson: Als die Tour anfing, wusste ich gar nicht so recht was ich zu erwarten hatte. Ich wusste nicht wer Saga ist, um ehrlich zu sein, habe ich nie zuvor in meinem Leben von Saga gehört. Rockszene.de: Im Ernst ? Du kanntest Saga nicht ? Wilson: Nein, sie haben speziell in Schottland oder England nicht so viele Platten verkauft im Gegensatz zu beispielsweise Frankreich oder Deutschland. Vor der Tour habe ich einige Freunde in Deutschland gefragt, ob es eine gute Idee wäre mit Saga zu touren und sie meinten ja. Wahrscheinlich sind die meisten Saga-Fans auch gleichzeitig Fans von Genesis oder Peter Gabriel und das passt dann ja. Rockszene.de: Mit Stiltskin und Genesis warst du es gewohnt mit komplettem Band-Line-up in großen Hallen und Stadien zu spielen. Wie ist das jetzt, ganz allein mit Akustik-Gitarre auf der Bühne ? Wilson: Das war bislang eine gute Erfahrung, obwohl ich speziell was diese Tour mit A.C.T als Opener und Saga als Headliner betrifft zunächst dachte, das Publikum würde vom Glauben abfallen, wenn inmitten zweier großer Rockproduktionen mit jeder Menge Keyboard und Gitarrensoli, ein Typ mit Akustik-Gitarre steht und im Programm zwischen beiden Bands spielt. Bisher hat´s aber funktioniert. Ich spiele zur Hälfte Genesis-Songs und zur Hälfte neues Material aus meinem neuen Album Change. Nach der Show mische ich mich schon mal unter´s Volk, stehe am Merchandise-Stand, quatsche ein wenig mit den Leuten und beobachte, dass meine CDs gekauft werden, also muss ich irgendwas richtig machen (schmunzelt). Rockszene.de: Wie war denn die Umstellung für dich ? Wilson: Ganz zu Anfang war ich doch ziemlich nervös. Allein auf der Bühne mit der Akustik-Gitarre, da fühlst du dich fast nackt. Und wenn was schief läuft, fällt es nur auf dich selbst zurück. Ich bin nicht der beste Gitarrist der Welt, habe aber eine kräftige Stimme und kaschiere so schon mal kleine Fehler (grinst). Aber ich fühle mich grundsätzlich sehr wohl, vor Publikum aufzutreten, ich genieße die Live-Situation auf der Bühne Die Trennung von Genesis: Rockszene.de: Wahrscheinlich bist du diese Frage schon häufig gefragt worden. Warum hat es nach nur einem Album und einer Tour den Split mit Genesis gegeben ? Ich finde, deine Stimme passt doch auch gerade gut zu den älteren Genesis-Stücken, die noch Peter Gabriel gesungen hat. Warum also die Trennung ? Wilson: Es war nicht wirklich ein Split-up. Ich denke, eine der Hauptursachen nicht mehr weiter zu machen lag in den Reaktionen auf das Album Calling all stations in Amerika begründet. Wir haben dieses Album in Amerika rund 500.000 Mal verkauft, wie ich finde, eine fantastische Sache nur Mike Rutherford und Tony Banks von Genesis haben das anders gesehen und waren enttäuscht. Ich glaube, dass die beiden besorgt waren, dass wenn wir ein weiteres Album machen würden, dieses dann keiner mehr kaufen würde. Genesis haben sich über viele Jahre als große Band einen großen Namen in der Welt gemacht und sie möchten jetzt nicht, dass der Name durch sinkende Verkaufszahlen Schaden nimmt. Das kann ich aus der Sicht von Mike und Tony irgendwo auch nachvollziehen. Rockszene.de: Wie war das am Anfang mit Genesis ? Mit welchen Erwartungen seid ihr in die Zusammenarbeit gegangen ? Wilson: Als ich begonnen hatte mit Genesis zu arbeiten, lag die Idee für mich darin, fast so etwas wie eine neue Band an den Start zu bringen. Wir wollten ein paar Alben machen und schauen, wie sich die Sache entwickelt. Es ist schade, dass es nicht so gelaufen ist. Ray Wilson als Sänger bei Spock´s Beard ? Rockszene.de: Im Umfeld und bei den Fans von Spock´s Beard (führende Progressive-Rockband aus Californien-d,Verf.) kursiert das Gerücht, dass du als Nachfolger von Sänger und Mastermind Neal Morse im Gespräch warst oder immer noch bist. Ist was dran ? Wilson: Ich habe davon auch schon ein paar Mal gehört, aber Spock´s Beard ist nicht mein Ding, was ich machen möchte oder könnte. Die Jungs sind wahnsinnig begnadete Musiker aber es ist nicht die Art von Musik die ich höre oder der ich gefühlsmäßig etwas abgewinnen könnte. Was für mich eventuell vorstellbar wäre, wäre eine Rolle als Gastsänger für ein paar Stücke auf einem Album, aber nicht als festes Mitglied der Band. Ich denke die Jungs von Spock´s Beard sehen das genauso. Es ist schade für die Band, dass Neal Morse gegangen ist, aber er hat ja wohl Gott gefunden und wird wahrscheinlich jetzt glücklicher sein als die Band und wir alle zusammen (lacht). Das Debüt-Album Change und seine wichtigsten Songs Rockszene.de: Kommen wir zur neuen CD Change die Mitte April erscheint. Welche Songs haben dich im Entstehungsprozess am meisten berührt ? Gibt es so etwas wie einen zentralen Song ? Ist es der Titel Change ? Wilson: Ja, ich denke Change ist der signifikanteste Song auf dem Album. Es gab einige Jahre in denen ich sehr unglücklich war, ich habe keine Musik mehr gemacht. Ich bin zu dem Punkt gekommen, an dem ich mir die Sinnfrage des Lebens gestellt habe und ich habe mich gefragt, ob ich alles erreicht habe, was ich erreichen wollte. Zu dieser Zeit endete die Beziehung zu meiner Freundin, ich hatte Stress mit den Finanzen und Genesis hatte sich erledigt. Das Gute an der Situation war, dass ich mein Leben neu entdeckt habe, zu den Ursprüngen der Musik zurückgefunden habe, einfach nur Gitarre gespielt habe und gewissermaßen inneren Frieden gefunden habe. Und darum geht es in Change. Es geht darum zu akzeptieren, wer du bist, das zu genießen was du besitzt, statt immer dem hinterher zu rennen oder nachzutrauern, was man bislang nicht erreicht hat. Musikalische Einflüsse und Vorbilder Rockszene.de: Welche großen Songwriter-Persönlichkeiten haben dich am meisten beeinflusst ? Sind das Bob Dylan oder Bruce Springsteen, von denen du ja auch schon mal Songs coverst ? Wilson: Nicht nur Dylan und Springsteen. Ich habe viel Musik gehört als ich aufgewachsen bin. David Bowie war der erste, der mich beeindruckt hat. Alben wie Ziggy Stardust oder Heroes das war die Rockstar Kiste. Zu den typischen Songwritern bin ich durch die Plattensammlung meines Vaters gekommen. Der hat viel Dylan, Springsteen, Neil Young oder Jackson Browne gehört, obwohl ich das anfangs, als ich noch sehr jung war gar nicht so sehr mochte. Wenn ich die Musik heute höre, erfüllt mich das mit sehr viel Wärme und erinnert mich an meine Jugend. Rockszene.de: Und was hast du sonst noch gern gehört ? Wilson: Bands wie Rush oder Pink Floyd fand ich klasse oder eben Peter Gabriel. Der Song Another Day... Rockszene.de: Ich habe ja vor einigen Woche die Promo-CD des Albums bekommen. Einer meiner Lieblingssongs auf dem Album Another Day wurde bereits zum zweiten Mal aufgenommen . Dieses Mal in einer sehr atmosphärischen Version mit Fender-Rhodes-Piano-Sound statt in klassischer Rockbandbesetzung wie seiner Zeit auf dem Album mit deiner Band CUT. Der Titel geht übergangslos in The Last Horizon über, dem letzten Stück von Change. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass dies ein weiterer zentraler Song, zumindest ein wichtiger Song für dich ist... Wilson: Den Song habe ich deshalb neu aufgenommen, weil das CUT-Album seinerzeit nur in Deutschland erschienen ist, Change hingegen ist überall zu haben. Another Day wurde auch schon von Trance-Producer Armin van Buuren remixt und war Nr. 1 in Holland und lief auch in England gut. Another Day ist ein spezieller Song über einen Freund von mir. Als ich noch zur Schule ging spielte ich neben anderen Bands auch in einer Punkband. Der Bassist hat sich im Alter von 14 Jahren erschossen und niemand hat jemals herausgefunden warum. Die Textzeile im Refrain Dying to see another day bedeutet so viel wie Dying to see another life darum geht es und The Last Horizon steht sinnbildlich für Die Reise in den Himmel so hängen die Stücke thematisch zusammen. Ich habe mich beim Schreiben versucht in die möglichen Gedanken meines Freundes hineinzuversetzen und aus seiner Perspektive zu schreiben, was ja eigentlich gar nicht geht. Besonders kurios ist der Umstand, wenn der Song als Remix in den Nachtclubs gespielt wird. Die Leute sind auf E, komplett stoned und wissen gar nicht zu welchem Song sie eigentlich tanzen. Das hat schon eine gewisse Ironie. Rockszene.de: Komisch und dabei hat der Song eine so hochgradig einprägsame, eher fröhlich klingende Hit-Hookline im Refrain.... Wilson: Ja, das ist ein großer Kontrast. Auf der einen Seite eine schöne leichte Melodie zum Mitsingen auf der anderen Seite ein tief gehender, trauriger Hintergrund der Story. Band-Wettbewerbe, Casting Shows, Emergenza und die Musikindustrie Rockszene.de: Eine ganz andere Thematik. Unter unseren Lesern sind viel aktive Musiker, zum Teil auch viele jüngere Bands. Wie ist deine Meinung zu den vielen Band-Contests, Newcomerwettbewerben oder auch Casting-Shows ? Sind diese Veranstaltungen ein geeignetes Mittel für Bands um nach vorn zu kommen ? Wilson: Wenn du Sachen wie Pop-Idols in England oder Deutschland sucht den Superstar meinst, habe ich da ein sehr ungutes Gefühl. Das wird von den Medien und vor allem durch das Fernsehen total ausgebeutet. Die Talente covern ausschließlich bekannte Songs und Hits, die die Leute von Zuhause kennen. Das ist wie das ganze Mc Donald´s Fast Food-Konzept. Rockszene.de: Kennst du den Emergenza-Rock-Contest ? Wilson: Nein, ist das was für richtige Musiker ? Rockszene.de: Das ist Europas größter Rockcontest für Newcomer-Bands, wie die Macher betonen. Wilson: Oh, das klingt gut.... Spielen die Bands ihre eigene Musik ? Rockszene.de: Ja. Wilson: Oh, das hört sich wirklich gut an. Ich weiß nichts über den Wettbewerb. Wie geht das vor sich ? Rockszene.de: Es gibt zunächst viele nationale Endausscheidungen in verschiedenen Ländern Europas. Die Bands zahlen eine Teilnahmegebühr von 72 Euro und haben mindestens einen Auftritt garantiert, wenn sie im Wettbewerb weiter kommen sind es natürlich mehrere Auftritte. In der Vorrunde entscheidet allein das Publikum durch Stimmabgabe in der Halle, welche Bands in die nächste Runde einziehen. Die Band erhalten Tickets und nutzen auch oft rege die Chance des Vorverkaufs, vielfach an die eigenen Freunde um möglichst viele Fans zu mobilisieren, die für sie bei den Auftritten in den Clubs voten. Bei einigen Leuten ist das System umstritten. Wilson: Ah, ich verstehe in welche Richtung das gehen soll....This is a typical western society rip off Rockszene.de: Bei diesen Veranstaltungen und insbesondere beim Europa-Finale kommen viele Leute aus der Musikindustrie zusammen, auch Sponsoren, Instrumentenhersteller etc. Bands haben die Möglichkeit, sich Leuten aus der Industrie zu präsentieren und die Chance mit A & R Managern der Plattenfirmen in Kontakt zu kommen. Wilson: Grundsätzlich ist die Idee gut, jungen Bands die Chance zu geben in guten Clubs zu spielen, sich einem großen Publikum zu präsentieren, aber von den Bands 72 Euro zu kassieren und die Musiker auf Grund des Voting-Systems- indirekt oder direkt zu motivieren, möglichst viele Tickets im Vorverkauf abzusetzen und somit einen Teil der Vermarktung der Veranstaltung zu übernehmen so verstehe ich das zumindest- erinnert mich an die Geschichte mit den Kettenbriefen. Rockszene.de: Sind solche Veranstaltungen nicht auch deshalb da, um den Plattenfirmen Talente zuzuführen ? Man hört immer davon, den Plattenfirmen ginge es schlecht und der interessante Nachwuchs fehlt... Wilson: Ja, natürlich ist das so. Es werden einfach zu viele Platten veröffentlicht, es gibt zu viele durchschnittliche Musik und Bands auf dem Markt. Man unterstützt die Bands nicht mehr über einen längeren Zeitraum. Irgendwie hasse ich die Plattenindustrie was ihre Leidenschaft betrifft. Ich mag den direkten Weg, Konzerte in Club zu spielen mit drei, vier Bands im Paket zu einem fairen Preis. Wenn die Leute es mögen, spenden sie Applaus und kaufen am Ausgang eine CD. Das funktioniert ohne Plattenindustrie, Shareholder usw. Es gibt den direkten Kontakt Künstler / Publikum, deshalb liebe ich auch das Internet als Vertriebsplattform. Mal ganz offen. Wenn es nach mir ginge könnten die ganzen großen Major-Plattenkonzerne ruhig von der Bildfläche verschwinden. Es gäbe genug Raum für kleine Labels, die sich bestimmter Themen intensiv widmen. Ich habe jetzt bei Inside Out unterschrieben, ein kleineres Label, dass sich hauptsächlich um Metal und Progressive Rock kümmert. O.K., ich, der eher Singer-/Songwriter bin, bin da vielleicht ein wenig die Ausnahme, aber ich mag die Leute da, sie liefern einen hervorragenden support und mit SPV kümmert sich eine erstklassige Firma um den Vertrieb und sorgt dafür, dass die Platte auch wirklich pünktlich überall in den Läden steht. Mit diesen Partnern habe ich ein gutes Gefühl und ich denke, dass das meiner musikalischen Karriere weiter nützt. Rockszene.de: Was würdest du jungen Musikern oder Bands Anfang / Mitte 20 raten, wenn sie eine Karriere als professionelle Musiker anstreben ? Welche ersten Schritten müssten sie unternehmen ? Wilson: Live spielen, wo und wann immer es geht. Ich kann da nur von meinen Erfahrungen berichten. Ich habe in Bars, Rockclubs ja sogar auf Hochzeiten gespielt, Cover-Songs, eigene Songs. Musiker sollten versuchen, ihr Ding zu machen, Songs schreiben die sie schreiben wollen und nicht versuchen, sich einem anderen Stil anzubiedern, von dem sie glauben, dass ihn die Leute mögen. Du musst einfach immer weitermachen, an dich glauben und an deinem Ziel festhalten. Pläne für die nahe Zukunft Rockszene.de: Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft. Ich habe gehört, du planst eine Headliner-Tour mit Band im Herbst ? Wilson: Ja, das ist geplant. Für September / Oktober und momentan sieht es so aus, dass das auch so klappen wird. Dann werde ich mich wohl hinsetzen und an einem neuen Album arbeiten, ohne Ambitionen ein Nummer 1 Album zu machen. Ich möchte mein Ding machen, meine Songs spielen, in kleinen Clubs. Ich mache das einfach so und bin ziemlich glücklich damit. Rockszene.de: Danke Ray für das ausführliche Interview und deine Zeit. Ich drück die Daumen für die Show nachher hier in Hannover. Wilson: Danke, es war mir ein Vergnügen. Ray Wilson´s Album "Change" erscheint am 22.04.2003 bei Inside Out / SPV Surftipps zum Thema: www.raywilson.co.uk www.insideout.de www.spv.de |
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