Gehört und Gesehen - Live In Ukraine (DVD/2CD)

11.06.2009Queen + Paul Rodgers

Queen + Paul Rodgers

Live In Ukraine (DVD/2CD)

Parlophone / EMI (2009)

Queen mochten es schon in den 1980er-Jahren gern ein paar Nummern größer. Die Band um den 1991 verstorbenen Sänger Freddie Mercury pflegte schon während ihrer „Live Magic“-Tour 1986 die großen Stadien und Open-Air-Gelände Europas zu füllen. 60.000, 70.000, 90.000 oder gar über 100.000 Zuschauer waren bei Queen-Konzerten damals die Regel. Heute braucht es mehrtägige Festivals mit bis zu 60 Bands um solche Zuschauermengen zu locken oder in die Nähe solcher Zahlen zu kommen.

Mittlerweile treten lediglich 50 % der ursprünglichen Band, Schlagzeuger Roger Taylor und Gitarrist Brian May unter dem Namen Queen auf, mit dem im 70er-bluesgetränkten Hardrock verwurzelten Paul Rodgers hat man sich mit einem prominenten und hochgeschätzen Rocksänger zusammengetan und geht unter dem Label Queen+Paul Rodgers auf Tour. Das Programm besteht zum Großteil aus Queen-Titeln, aber auch einige Songs von Paul Rodgers und seinen früheren Formationen Bad Company und Free finden sich auf der Setlist. Viele Queen-Fans nahmen und nehmen diese Konstellation mit berechtigter Skepsis zur Kenntnis, andere strömten im letzten Jahr zu den Tour-Konzerten als Queen+Paul Rodgers ihr damals erstes gemeinsames Studio Album „The Cosmos Rocks“ live promoteten.

Logistische Herausforderung und Pioniergeist
Kurz bevor diese Tour in Moskau mit zwei Hallen-Konzerten in 15.000er-Größenordnung starten sollte, spielte die Band ein geschichtsträchtiges Benefiz-Konzert in der Ukraine, das mit größten logistischen Anstrengungen und einem Hauch von Pioniergeist und Abenteuer in der Stadt Kharkov auf die Beine gestellt wurde. Queen waren in ihrer langjährigen Karriere, die die Band rund um den Globus führte, noch nie in der Ukraine gewesen, aber die Menschen dort kennen die Musik der Band seit langem und lieben diese augenscheinlich auch. Für das Open-Air-Konzert am 12.September 2008 wurde ein Spielort ungewöhnlicher Größe gewählt. Der Friedensplatz in Kharkov, der im 2.Weltkrieg auch als Landeplatz für Flugzeuge genutzt wurde, statistisch gesehen einer der drei größten innerstädtischen Plätze in Europa überhaupt.

Um hier ein Open-Air-Konzert vor –ursprünglich erwartet- 150.000 Menschen optimal umzusetzen, musste eine entsprechend große Produktion nach Kharkov geschafft werden. Normale Fracht-und Flugesellschaften konnten den Transport nicht bewältigen, so wurden von der Band zwei Antonov 124 Frachtflugzeuge (die größten der Welt) und eine Boeing 737 gechartert. Die Antonovs konnten auf Grund ihrer Größe aber nicht in Kharkov landen, weshalb das Queen-Equipment zunächst nach Kiev geflogen wurde, um von dort per begleiteten Militär-LKW-Konvoi zum Friedensplatz nach Kharkov gefahren zu werden.

Offiziellen Angaben zu Folge fanden sich statt 150.000 insgesamt 350.000 Menschen ein, um Queen + Paul Rodgers live zu erleben. Dieses Konzert ist nun in voller Länge auf DVD erschienen, beigelegt sind zwei Audio-CDs für all die, die die gigantisch Show auch mal im heimischen CD-Player oder im Auto nachempfinden wollen.

Mitschnitt auf CDs: Überwiegend müde und schlapp
Das lohnt sich aber leider gar nicht, denn die Audio-CDs fördern einige richtig große Enttäuschungen zu Tage. Wer Queen von ihren früheren Live-Aufnahmen in Originalbesetzung kennt und liebt, wie etwa „Live Killers“, „Live At Wembley“ oder auch den Studio-Alben, muss mehrmals erschrocken schlucken. Liegt es an der Schwierigkeit, ein solches Mega-Konzert ansprechend technisch mitzuschneiden und für CD aufzubereiten oder an der Art und Weise wie Paul Rodgers einst knallige Rocksongs wie „One Vision“, „Fat Bottomed Girls“ oder „Hammer To Fall“ gesanglich interpretiert? Das Ergebnis ist –vom reinen Höreindruck auf CD- so richtig schwach, ganz schwach sogar.

Noch nie hat man die Musik von Queen so müde, ja beinahe blutleer gehört. Da fehlt es an nahezu allen Ecken an Biss, an Pfeffer, an Druck und Frische sowieso. Songs, die einst „nach vorn“ rockten, spüren nun die angezogene Handbremse von Paul Rodgers. Rodgers singt das Material teilweise so arg schnöde-lässig, improvisiert-verschnörkelt und bluesig-laid-back, dass man den Eindruck hat, hier sei eine Queen-Coverband am Start, die auf einem Classic-Rock-Veteranen-Frühshoppen im Biergarten ihren 5.Set spielt und darauf hofft, dass der Wirt endlich mit der Gage um die Ecke kommt. Musikalisch und in Sachen (nötiger) Energie ein Schatten vergangener Jahre.

Das treibt langjährigen Queen-Fans, sofern sie nicht wirklich völlig schmerzfrei aufgestellt sind, die Tränen in die Augen. Spontan möchte man mit Zornesröte im Gesicht ausrufen: Leute, lasst es bitte endlich sein, es ist einfach nur müde, fast schon peinlich und es macht keinen Spaß zuzuhören! Nicht nur die Queen-Songs, auch das Material aus dem Paul Rodgers Katalog wie „Feel Like Makin´Love“ dümpelt ähnlich lahm und langweilig aus den Boxen. Dabei wäre es unfair, alles an Rodger´s Gesang festzumachen, einige Chorgesänge funktionieren nicht wirklich und überhaupt vermittelt das Zusammenwirken der gesamten Truppe um May, Taylor, Rodgers ergänzt um Keyboarder Spike Edney, Gitarrist Jamie Moses und Bassist Danny Miranda den Eindruck, als hätten die Musiker nicht richtig gefrühstückt, ja noch nicht mal einen starken Kaffee am Nachmittag zu sich genommen.

Visuell atemberaubend in Szene gesetzt
Über weite Strecken positiv ist dagegen der visuelle Eindruck auf der DVD, die im Übrigen auch einen wesentlich besseren Ton als die beiden CDs bietet. Hier relativiert sich einiges, die optischen Eindrücke von dem riesigen Open-Air-Gelände, der Bühne mit geschätzt 20-30 Meter langem Laufsteg und den enthusiastisch feiernden Fans ist einfach überwältigend. Eine Live-Show besteht eben immer aus Optik und Akustik und hier bügelt das visuelle Erlebnis (komischerweise) einiges an musikalisch-interpretatorischen Schwächen aus.

Das Konzert ist mit rund 20 Kameras atemberaubend in Szene gesetzt, äußerst geschickt geschnitten und transportiert durch einige Publikumseinblendungen Emotionen wie nur selten auf Live-DVDs zu erleben. In Kharkov scheinen weite Teile der Bevölkerung sämtlicher Altersklassen vor der Bühne zu stehen. Die Menschen empfangen die Band und die Musik mit augenscheinlich so großer Dankbarkeit und Begeisterung, als wenn sie erstmals im Leben ein solch großes Rockkonzert erleben, was hier auch so gewesen sein dürfte.

Hüpfen wie bei Madsen, Beatsteaks & Co.
Viele sehr junge Leute feiern die Musik, Jugendliche um die 20, die in anderen Ländern kaum ein Ticket für Queen+Paul Rodgers lösen würden. Junge Mädchen strahlen mit glänzenden Augen oder Hüpfen bei „Another One Bites The Dust“, als würden hier Madsen, die Sportfreunde Stiller, die Beatsteaks oder Silbermond auf der Bühne stehen. Die DVD transportiert die Magie, die im September 2008 auf diesem riesigen Platz geherrscht haben muss ungefiltert ins heimische Wohnzimmer. Und wenn Brian May dann -völlig überzeugend übrigens- solo und mit Akustik-Gitarre „Love Of My Life“ anstimmt und das Publikum auch hier die Zeilen „Bring It Back, bring it back, don´t take it away from me….(…)“ übernimmt, dann treibt es dem alten Queen-Fan die Tränen, dieses Mal der Rührung, in die Augen. Ein bemerkenswertes Konzertereignis mit historischer Note.

Da es sich bei der ganzen Unternehmung um ein Benefiz-Konzert handelte, um die Anti-Aids-Stiftung in der Ukraine, das Land, das die höchste Rate an Neuinfektionen in Europa zu beklagen hat, zu unterstützen, geht die Queen+Paul Rodgers Show hier insgesamt in Ordnung, auch wenn-rein musikalisch- vieles so kaum mehr geht und eigentlich nur noch ein Fall für Nostalgiker ist, denen es weniger darauf ankommt, wie die Restbesetzung einer legendären Band mit Sessionmusikern ergänzt die Musik spielt, sondern dass sie sie überhaupt spielt. Und wenn das Bühnenlicht 350.000 Menschen blendet, es blitzt und flackert und ordentlich „Rumms“ aus den Boxen kommt, ist es der Mega-Event an sich, der begeistert. Dann kann man kaum anders, als jubeln.

Unterm Strich: Auf die schwachen CDs kann getrost verzichtet werden, aber die DVD ist, von Ausnahmen abgesehen, ein echter Hammer.

www.queenonline.com
www.paulrodgers.com


Andreas Haug
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