Gehört und Gesehen - For The Coast

09.08.2007Last Train

Last Train

For The Coast

Eigenproduktion (2007)

Wie sich doch Musikerkarrieren oftmals in ähnlichen Bahnen entwickeln. In jungen Jahren spielt man vollverstärkt elektrisch und manchmal auch sehr bewegungsfreudig in Rockbands, später dann, wenn die für viele magische Altersgrenze von 30 minimal bis maximal überschritten ist, ein Umstand den berufsjugendliche, selbsternannte Szenekenner auch mal gern mit dem Entzug der Existenzberechtigung als Rockmusiker gleichsetzen („Du bist zu alt, zu dick und es ist auch nicht zu laut“), begeben sich manche mit akustischen Gitarren auf sicher stehende Barhocker und spielen in kleiner Besetzung oder gar allein Cover-Songs oder eigenes Material in Kneipen oder Cafés.

Das Publikum sitzt auch, isst Thunfischsalat oder trinkt Milchkaffee und gerade an der Stelle, an der leise Balladen eine besonders dramatische, intensive oder gar intime Atmosphäre schaffen, reißt das fieshaft zischend-schnauffend-ächzend-blubbernde Geräusch der ewig präsenten Cappuccino/Espresso-Maschine Musiker und Auditorium in die schnöde Realität der gastronomischen Geschäftswelt. Muss die eigentlich ganz freundlich und sexy aussehende Dame hinter dem Tresen ausgerechnet jetzt diesen blöden Kaffee machen, wer braucht eigentlich diese schäumenden Sahne-Milch-Attacken bei einem Akustik-Konzert? Darf es dazu noch ein Keks sein? Nein danke, mir ist jetzt schlecht!

Auch das Karlsruher Akustik Duo Last Train, bislang unter dem Namen Last Train For The Coast ein Begriff, dürfte ähnlich bedrohliche Situationen bei seinen Konzerten überstanden haben. Seine Fans wohl auch. Ungestört genießen kann man die ausgefeilten und sehr eigenständigen Kompositionen von Uwe Simmross und Holger Diener, die schon Ende der Achtziger gemeinsam in der Band Dapheen aktiv waren, jetzt auf einer CD. „Acoustic-Pop / Singer/Songwriter“ wird als Stil angeführt. Was sich auf der Verpackung als eher gewöhnlich und unspannend liest, entpuppt sich als künstlerisch ziemlich hochwertige Angelegenheit.

Das Duo quält sich nicht erfolglos damit ab, amerikanischen Genre-Größen nachzueifern und mal eben gefällig auf Hochglanz polierte Songs zu präsentieren, man setzt auf Individualität und versprüht gelegentlich den Charme des Unperfekten. Fein arrangierte Akustikgitarren, mal in Richtung Folk gehend, aber auch vor Pop oder Jazz nicht Halt machend, darüber ein für das Singer-/Songwriter-Genre eher untypischer, mitunter leicht souliger Gesang. Da hört man gern hin, das hat eigenen Charakter. Vergleiche? Anhaltspunkte? Vielleicht ein wenig Lloyd Cole, ganz vielleicht ein bisschen Ezio aber zum Glück nicht Stefan Gwildis oder ähnlich aufgesetzt wirkende Gefühlsduseleien. Anspruchsvoll? Ja, und auch nicht anstrengend.

www.last-train.de


Andreas Haug
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