Gehört und Gesehen - Ghost Reveries

08.12.2006Opeth

Opeth

Ghost Reveries

Roadrunner Records / Universal (2005)

Das mittlerweile achte Studioalbum der Stockholmer Institution Opeth ist eine Reise durch drei Dekaden Rockmusikgeschichte und definitiv die beste Metalscheibe des laufenden Jahres. Diesen Release kann man einfach nicht kurz besprechen, weil er so vielfältig ist.

Im Opener „Ghost Of Perdition“ geht es nach kurzem Akustikintro wie aus dem Nichts wieder richtig heavy zur Sache, schleppende Deathmetalparts mit den fiesen Growls von Mastermind Mikael Akerfeldt treffen aber schon nach kurzer Zeit auf die anderen typischen Trademarks der Band, die sie so einzigartig machen: progressives Songwriting, welches aber niemals in Lehrstundengefrickel à la Dream Theater ausartet, wunderschöne sphärische Parts mit cleanem Gesang und Keyboardflächen. In diesem Stück sind die Einflüsse der Band von den Artrockpionieren Camel bis zu neueren Morbid Angel greifbar nahe.

Nach über zehn Minuten „Ghost Of Perdition“ kommt dann ein weiteren Kracher namens „The Baying Of The Hounds“, der alle Stimmungsschwankungen beinhaltet, die man sich in einem gelungenem Opethsong so vorstellen kann. Das Ding geht aggressiv im Midtempo nach vorne, es gibt wieder ruhigere Parts mit eingängigen Melodien und stets das vertrackte Drumming im Hintergrund. Hier sind Opeth erneut die Tool des modernen Death Metal, die straighten/schrägen Riffs und das geschickte Einsetzen der Hammondorgel machen die Mischung in dieser Ohrwurmnummer aus.

Der Folgetrack ist dann einfach nur stellvertretend, wie die Jungs chillige Momente mit Düsternis verbinden können, die spielerische Klasse kommt spätestens im mellow Mittelteil zur Geltung: Kreativität, Härte und Melodie = „Beneath The Mire“. Vor allem wieder auffällig die Gitarrenarbeit vom Duo Akerfeldt/Lindgren, wieviel Zeit die Band sich in ihren Tracks nimmt, um Atmosphäre aufzubauen und dann auf mehrere Höhepunkte in knapp acht Minuten zuzusteuern.

„Atonement“ ist nicht schlecht, basierend auf 2-3 Melodien, Doors-mäßigen Keyboards, Percussion und mit wenig Gesang versehen ist der Song aber verglichen mit den anderen Tracks eher ein Filler zum Durchatmen.

Arrangementtechnisch könnte „Reverie/Harlequin Forest“ auch auf der Debütscheibe von Opeth vertreten sein, denn hier greift man im Zwischenteil verstärkt auf Akustikgitarren zurück, in den fast 12 Minuten kommen aber auch wieder brutale Frickeleien und heavy Riffs zum Vorschein.Von den harten Stücken der Scheibe der schwächste Song, falls man das von einem Track der Band überhaupt sagen darf.

Für Balladeskes waren sich Opeth ja nie zu schade, „Hours Of Wealth“ ist nach mehrmaligem Hören der schönste Song der Band neben „Benighted“, „Credence“ und „Windowpane“. Natürlich aber keine reine Ballade im Radioformat, eher reine Dramatik, bluesiger Gesang und ein Knopfler-mäßiges Solo verpackt in fünf Minuten. Das ist der Song für die Mädels ! ;-) „The Grand Conjuration“ ein düsterer, zehnminütiger Opus mit majestätischen Parts und ziemlich kranken Ideen, besonders bei den Gesangslinien und den vielen Spielereien, obwohl die Nummer eigentlich mit einem simplen Riff ausklingt, wird auch dieses noch mit anderen Parts variiert und richtig schön ausgereizt.

Zum Abschluss noch „Isolation Years“. Der Song klingt nach einem einsamen Spätsommer, Akerfeldts einfühlsamer Gesang schwebt förmlich in der Luft, der Rest der Band nimmt sich zurück, trotzdem hört man die Jazzschule von Schlagzeuger Martin Lopez heraus. Ein würdiger Ausklang für eine Achterbahnfahrt, einen Wahnsinnstrip voller Melodien, Härte, Wendungen und Konkurrenzlosigkeit.

Mit „Ghost Reveries“ und dem neuen Label Roadrunner werden Opeth den angestrebten Durchbruch wohl schaffen. Alleine schon deshalb, weil man sich in dem Pool von klischeehaften Eintönigkeitsveröffentlichungen anderer Bands/Genres schon lange nicht mehr daheim fühlt und Opeth es einmal wieder hinbekommen haben, auf höchstem technischen Niveau anders zu klingen als jede Band.

Der (Metal)Tipp 2005 !

www.opeth.com


André Bromberger
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