Gehört und Gesehen - Von Spatzen und Dächern, ...

08.12.2006Kettcar

Kettcar

Von Spatzen und Dächern, ...

Grand Hotel Van Cleef (2005)

Der neuen Kettcar geht es so, wie dem Kind eines berühmten Schauspielers, das den gleichen Beruf wie sein Elternteil ergreifen will: Es muss sich erst aus dem Schatten seines berühmten Vorgängers befreien. Was war Kettcars Debüt „Du und wieviel von deinen Freunden“ für ein Überalbum. Endlich gab es die passenden Texte zu dieser scheinbar nicht zu definierenden Leere, die so viele fühlten, ohne sie in Worte kleiden zu können. Dazu diese Melodien aus einer anderen Welt, einer Zauberwelt.

Beim Hören von „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ kommen all diese Erinnerungen und Gefühle wieder. Und dann kommt die Enttäuschung. Denn im Vergleich kann Kettcars zweites Album im Grunde nur schlecht abschneiden. Man hatte ja fast nichts weniger erwartet, als die Offenbarung aller Wahrheiten und zum Schluss den Sinn des Lebens. Doch der bleibt einem (natürlich) versagt.

Kettcars zweites Album kann nur gewinnen, wenn man ihm die Chance dazu gibt. Wenn man sich frei macht, von „Du und wieviel von deinen Freunden“. Dann entdeckt man die kleinen Wahrheiten, die auch dieses Album bietet. Es juckt geradezu in den Fingern hier einige Textbeispiele aufzuführen, doch welche sollten das sein? Wofür soll man sich entscheiden?

Für die Flucht vor den Schweigereltern (Die Ausfahrt zum Haus deiner Eltern), die Unbeholfenheit des Liebenden (Balu) oder doch die ironische Resignation (Tränengas im High-End Leben). Die Texte gehen nicht mehr so tief in die Seele hinein, aber einzelne Slogans sind immer noch genial. Natürlich gibt es auch wieder reichlich Verweise auf andere Bands oder Dichter. So orientiert sich „Die Wahrheit ist, man hat uns nichts getan“ an dem Gedicht „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan“ von Theodor Kramer. Kettcar-Texte sind und bleiben eine Fundgrube für Klugscheißer.

Und das Songwriting ist immer noch wunderschön, nur eben nicht mehr neu. Viel hat sich dort nicht getan, Kettcar bleiben ihrer Spur treu. Das geht für ein zweites Album völlig in Ordnung. Und der Begriff Übergangsalbum wäre auch etwas zu tief gegriffen. Dennoch müssen sie sich für ihr drittes Album etwas Neues einfallen lassen.

www.kettcar.net
www.ghvc.de


Tobias Lehmann
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