Gehört und Gesehen - Homeinside

08.12.2006Fury in the Slaughterhouse

Fury in the Slaughterhouse

Homeinside

- (2000)

Die Wahrheit steckt im elften Lied. "Born to slide away"heißt es, und Kai Wingenfelder singt darin darüber, dass seine Band, Fury in the Slaughterhouse, hip war, als das Hipsein als völlig unhip galt. Dass sie die richtigen Sachen gemacht haben, als Zeit und Ort nicht stimmten. Dass sie einmal einen richtig netten Song aufgenommen, dann aber nie veröffentlicht... Das Erklärstück sozusagen auf der neuen Fury-Platte "Homeinside", die jetzt in die Läden kommt.

Erklären ist typisch für die Band. Vieles hat sich geändert bei den Furys. Zuletzt schließlich auch der Brötchengeber. Aber eines seit Jahren gleich geblieben: Eine Band, die nicht mehr und nicht weniger will als ehrlichen Eh-und-je-Rock, die muss entweder genial sein oder sich ständig rechtfertigen. Und genial sind die Furys sicher nicht.

Begonnen hatte alles vor rockmusikalischen Urzeiten - in den Achtzigern - im Spannungsfeld zwischen dem muffigen Glockseeübungskeller, dem Peppermint Park Studio mit Produzent Jens Krause und der heimischen Plattenfirma SPV von Manfred Schütz. "Won't forget these days" und "Time to wonder" kann man heute immer noch im Radio und auf Partys hören. Echte Hits, und heimliche sowieso, brauchen keinen Beipackzettel. Aber Unschuld ist nicht unsterblich. Und anders als die Programmgestaltung der Radios bleibt die Zeit halt nicht stehen. Seit ein "Spiegel"-Autor den Neunziger-Furys das verlockend griffige Attribut "Konsens-Rock" angeheftet hat, ist die Band dauernd in der Defensive. Gerade im Angesicht der Kritiker, die sich seit dem Album "The Hearing and the Sense of Balance" beim Versuch, musikalische Makel und anhaltenden Publikumserfolg in einen Text und unter einen Hut zu bringen, oft zur Boshaftigkeit verbogen haben.

Es ist tatsächlich schwer, diese Band unter einen Hut zu bringen. Wenn's überhaupt gelingt, dann mit so grotesken Schlappzylindern - Mischung aus Uncle Sam, Zirkusdirektor und Brückenpenner, die bei den Wingenfelder-Brüdern Kai und Gitarrist Thorsten scheinbar zur Obsession geworden sind. Im Video-Clip zur ersten Single vom Album, "Are you real", sind sie zu sehen. Quasi am Kopfende des Konzepts Fury 2000, zu dem außerdem Rapper Scorpio gehört, der den Song um eine zielgruppenerweiternde Sprechgesangstrophe mit sinnfreiem Trendblablaa bereichert. Produziert hat das Ganze Franz Plasa - der Mann, der zuvor die kaputte Krachband Selig fabriziert hat.

Allerdings ist "Are you real" die einzige Nummer dieser Machart auf dem Album. Vielleicht ein Bonbon für die gewiss Single-hungrige Plattenfirma EMI. Die hat schließlich die Furys von Schütz-Firma SPV übernommen und dafür Millionen locker gemacht.

Sicher haben die Furys und ihr Stuttgarter Manager Bär Lasker den EMI-Leuten erzählt, dass die Band ihre Alben immer schon bis zum Goldstatus verkauft hat, ohne dass es dazu markt- und trendgerechter Singles bedurft hätte. Aber die neue Partnerschaft muss sich wohl erst noch etwas einspielen. Die EMI, einer der größten Wackelkandidaten in der deutschen Musikbranche, wird noch feststellen, dass sie eine der schwierigsten, aber gleichzeitig auch die einzig wirklich beständige deutsche Rockband unter Vertrag genommen hat.

Würden Bands heute noch Kino-Filme machen wie weiland Abba - der Fury-Film hieße wohl "Die Unkaputtbaren". Denn, neue Plattenfirma hin, neuer Produzent her, Fury ist Fury. Auch auf "Homeinside". Zwar meilenweit weg vom "Mono"-Pop, aber längst nicht mehr so blutleer wie bei "Brilliant Thieves" und "Nowhere Fast", den vorangegangenen beiden Alben. Um das allerdings herauszufinden, muss man sich die neue Scheibe schon einige Male zur Brust nehmen.

Und wenigstens einmal bis zum Ende durchhören. Im dreizehnten Lied, "As quiet", gibt's ab Minute 11:45 eine sprichwörtliche Überraschung, den Beweis dafür, dass das richtige Tun zur falschen Zeit und am falschen Ort sogar zur Kunstform erhoben werden kann.


Volker
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