Gehört und Gesehen - Whoosh!

10.08.2020Deep Purple

Deep Purple

Whoosh!

earMusic/edel (2020, CD)

Deep Purple, im Jahr 1968 gegründet, legen mit „Whoosh!“ ihr 21. Album in ihrer seit 1968 andauernden Karriere vor. Musikalisch durchaus vielseitig demonstriert die Band, dass Alter eher gleichbedeutend mit Reife ist und man sich weiterhin auf kompositorisch wie spieltechnisch hohem Niveau befindet. Allerdings sind die Elemente, die den ursprünglichen Hardrock und auch den von Deep Purple einst auszeichneten, weit in den Hintergrund gerückt, respektive kaum noch vorhanden. Wer Druck, Tempo, rohe Härte, Schweiß, Rotz und Biss oder gar Nadelstich-Akzente erwartet hat, muss sich im Backkatalog der Band, an Alben aus der Zeit von Anfang bis Mitte der 70er Jahre orientieren.

Die zwölf Songs des Albums sind in „Act 1“ und „Act 2“ unterteilt, dazu gibt es mit „Dancing In The Sleep“ noch einen Bonus-Track. Der Einstieg mit den ersten drei Songs gerät kontrolliert, gezügelt und rund. Sitzplatz-Rock zum Zuhören. Passt, wie auch einige andere Songs des Albums, gut in ein unaufgeregtes Classic-/Hardrock – Umfeld, in dem Damen und Herren reiferen Alters nochmal anerkennend mit dem Kopf nicken, ein bisschen mitwippen, genießen und der Band ihren Respekt zollen.

Es mag am sehr ausgewogenen, perfekten und tendenziell polierten Sound liegen, dass man kaum das Bedürfnis verspürt, sich aus dem Sessel oder einem imaginären Open-Air-Gartenstuhl zu erheben, etwa wenn diese Klänge am späten Nachmittag einer Classic-Rock-Show auf einer beliebigen deutschen Freilichtbühne mit Sommerprogramm für die ganze Familie aus den Boxen schallen. Hier kickt nichts, hier rüttelt vordergründig nichts auf. Zumindest nicht auf dem für Rock-Verhältnisse eher zahm klingenden Album. Live mag sich das anders verhalten.

„Whoosh!“ funktioniert sicher auch im Autoradio einer Limousine der gehobenen Mittelklasse. Die Herrschafften auf Ferien-oder Geschäftsreise. Mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht und rhythmischem Fingergeklapper auf dem Lenkrad oder dem Automatik-Schalthebel, gleitet man sicher zum Ziel. Und oft dabei und dann immer exakt geschlagen im Hintergrund ertönt aus den Lautsprechern: Ein Schellenkranz.

Mal flotter Rock´n´Roll mit Honky-Tonk-Piano, oft filligrane und gefühlvolle Soli von Gitarrist Steve Morse und Keyboarder Don Airey - jeder für sich oder beide gut abgestimmt zusammen. Darüber die Stimme eines ausgeschlafen wirkenden Ian Gillan und untenrum das seit Jahrzehnten verlässliche Fundament aus Bass und Schlagzeug, gespielt von Roger Glover respektive Ian Gillan. Eingängige Melodic-Rock-Refrains, Midtempo-Riff-Rock oder auch mal Ausflüge ins leicht Sphärische oder gar Progressive: Deep Purple sind immer noch echte Könner und haben vortrefflich arrangiert.

Nichtsdestotrotz: Band und Album dürften anno 2020 eher ältere Fans der Seniorengeneration und Nostalgiker erreichen. Die dürften Freude an dem Album haben. Wer es in puncto Rock und Hardrock lieber etwas aufgeweckter, würziger, schärfer und bissfester gewohnt ist, wird mit „Whoosh!“ eher mal wieder runterkommen können oder wird sich anderweitig orientieren.


Andreas Haug
(6 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.deeppurple.com

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