Gehört und Gesehen - Surviving

23.10.2019Jimmy Eat World

Jimmy Eat World

Surviving

Exotic Location Recordings/RCA Records (2019, CD, LP, Digital)

Etwas an seinem Leben zu ändern, anstatt so weiterzumachen wie bisher, obwohl man damit unzufrieden ist – das ist der Unterschied zwischen Überleben und wahrhaftig zu leben. Davon handelt das aktuelle zehnte Studioalbum von Jimmy Eat World. „Surviving“ ist deshalb der Name des neuen Werks, das seit dem 18. Oktober zu hören ist.

Das zehnte Album ist definitiv ein Meilenstein in jeder Künstlerkarriere. Bereits bei ihrem neunten Album haben sich die Alternative-Rocker aus Arizona die Frage gestellt, warum sie noch ein weiteres Album machen sollten. Doch der Antrieb, sich weiterhin zu steigern und an neuen Herausforderungen zu wachsen, ist nach wie vor da. Auf dem Vorgänger „Integrity Blues“ haben sich Jimmy Eat World nachdenklich und teils melancholischer präsentiert. Wer mit „Integrity Blues“ weniger anfangen konnte, wird vielleicht mit dem Nachfolgewerk mehr anfangen können.

„Surviving“ sei das bisher persönlichste und ambitionierteste Album des Quartetts, so die Band selbst. Das Album ist deutlich rockiger als sein Vorgänger „Integrity Blues“. Der Plan, sich voll und ganz auf das Wesentliche für jeden Song zu konzentrieren, - im Sinne von „weniger ist mehr“, ist aufgegangen. Bereits der rockige Titeltrack „Surviving“ gibt den Ton für die folgenden Songs wie „Criminal Energy“ an. In Letzterem geht es laut Band darum, falsche Entscheidungen zu treffen, eben sich der kriminellen Energie zu ergeben.

Besonders bei Songs wie „555“ experimentieren Jimmy Eat World mit neuen Sounds. Genau das bringt erfrischende Abwechslung in die Mischung aus Songs, die mit ihrer rock-getriebenen Energie teils Flashbacks an Zeiten wie die „Bleed American“-Ära auslösen. Nicht nur musikalisch hat die Band aus der Wüste Arizonas ihre Kreativität in vollen Zügen ausgelebt. Im zugehörigen Musikvideo sieht man Sänger Jim Adkins als von Selbstzweifeln geplagten Science-Fiction-Overlord mit seiner Armee von willenlosen Minions in einer pechschwarzen dystopischen Welt.

Deutlich positiver gestimmt geht es in „All The Way (Stay)“ zu. Hier ist ein markantes Saxophon-Solo zu hören, das von Songs der Achtziger inspiriert ist. Ursprünglich war für „All The Way (Stay)“ geplant, das Saxophon-Solo ähnlich wie in den Achtzigern wieder ausfaden zu lassen, um den Hörer mit Lust auf mehr zurück zu lassen. Das Solo, für das sie James King von Fitz and The Tantrums an Bord geholt haben, begeisterte die Band am Ende dann schließlich so sehr, dass sie es komplett bis zum Ende des Liedes ausspielen ließen. Eine gute Entscheidung. Trotzdem wünscht man sich insgeheim, wenn man von diesem Detail weiß, eine zweite Version, in der das einstige Vorhaben umgesetzt wird. Einfach, um zu hören, wie das klingt.

Inhaltlich beschäftigt sich Frontmann Jim Adkins viel mit sich selbst und seiner Umwelt. Was muss überwunden werden, damit man sich nicht mehr in einem Zustand des Existierens aufhält, sondern ausgiebig lebt und in seinem Leben an Erfahrungen wächst? Im verträumten „Delivery“ mit dem Chorus, der einem auch noch Stunden später im Kopf herumschwirrt, besingt er wie wichtig es ist, bei Interaktionen mit seinen Mitmenschen präsent zu sein und Begegnungen als etwas anzusehen, wovon man lernen kann. Dass Veränderung meist nicht von heute auf morgen stattfindet, wird in „Diamond“ behandelt. „One Mil“ sei einfach ein Mitsing-Song über das Loser-Dasein. Sich wie ein Versager zu fühlen ist ein zeitloses Phänomen, das nicht nur verwirrte Teenager trifft.

Auch Titel wie „Love Never“, der bereits vor über einem Jahr veröffentlicht wurde, und „Recommit“ spiegeln eine gewisse Reife wider. Das zehnte Album steht den vier Freunden gut.

„Surviving“ macht einfach Spaß, gerade weil sich Jimmy Eat World wieder mehr auf ihre rockigen Wurzeln besonnen haben. – Ohne zu versuchen, dem nachzujagen, was einmal war und die eigenen Erfolge reproduzieren zu wollen. Nach dem ersten Hören kommt man gerade erst in den Hörgenuss und hat sich noch lange nicht sattgehört. Besonders live werden die Songs sicherlich erneut in noch strahlenderen Farben aufblühen. Auf „Surviving“ ist eine Band zu hören, die weiß, was sie will.

Natürlich muss das neue Material mit dem besten vorangegangenen Material schritthalten können. Das kann „Surviving“ allemal.

Besonders eindringlich und intensiv ist der sechsminütige Album-Closer „Congratulations”, welcher mit Gastvocals (die übrigens mit dem Handy aufgenommen wurden) von AFI-Frontmann Davey Havoc auffährt. Der Track erinnert nicht nur an AFI, sondern auch entfernt, was die Experimentierfreude, die Länge des Songs und die Härte des Klimax angeht, an „Pass The Baby“ vom Vorgängeralbum. Ist das Album etwa schon einmal durchgehört? – Egal, gleich nochmal von vorn!

In diesem Sinne: Congratulations!


Lisa Eimermacher
(9 / 10 Pkt.)

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