Gehört und Gesehen - Handgepäck I

23.08.2018Clueso

Clueso

Handgepäck I

Universal Music (2018, CD)

Keine technisch aufwändige und reichhaltig instrumentierte Produktion, sondern Musik in vorwiegend akustischem, einfach gehaltenem Gewand: Der Sänger, Gitarrist und Songschreiber Clueso hat auf seinem neuesten Album „Handgepäck I“ Lieder zusammengestellt, die er über viele Jahre auf privaten Reisen und Tourneen geschrieben und oft direkt vor Ort mit einfachen technischen Mitteln aufgenommen hat. Das Ergebnis ist ein Album mit 18 unterschiedlichen Songgeschichten in einer musikalisch warmen Umgebung. Direkt, persönlich und zeitweise fesselnd.

Vor mehr als 40 Jahren hatte der überaus renommierte amerikanische Musiker Jackson Browne in fast ähnlicher Weise ein Erfolgsalbum mit dem Titel „Running On Empty“ produziert. Es wurde ein „On-The-Road“ Album deren Aufnahmen während einer Tournee entstanden, teils in Backstage-Räumen, im Bandbus, in Hotelzimmern oder bei Konzertauftritten. Wer dieses Album kennt, weiß um den speziellen Charme solcher Aufnahmen, die sich oft durch Spontanität der Musiker und ein besonderes Ambiente auszeichnen.

Clueso hat ebenfalls Songs auf Reisen aufgenommen, ebenfalls in Hotelzimmern, in Autos, hinter der Bühne, auf Inseln und Bergen. In vielen Jahren sind so Aufnahmen entstanden, die der Erfurter Songschreiber wie in einem Schatzkästchen lange aufbewahrt und gehütet hat. Für sein aktuelles Album „Handgepäck I“ hat er diese Aufnahmen gesichtet, die Songs selbst gemischt und zusammengestellt.

Wenige Aufnahmen entstanden zusätzlich im Studio. Es sind 18 Songs, die wie musikalische Kurzgeschichten wirken, deren Anstoß besondere Momente auf privaten Reisen und Konzerttourneen gegeben haben. Begegnungen mit Menschen, spezielle Situationen am Flughafen, hinter der Bühne direkt nach einer Festival-Headliner-Show. Auch blickt Clueso auf besondere Ereignisse in seiner Kindheit und Jugend zurück.

Oft sind es im Leben kleine Begebenheiten, Schnappschüsse, die für Minuten eine spezielle Situation und Atmosphäre erzeugen, Gedanken und Gefühle auslösen, die Songschreiber inspirieren und manchmal direkt Song-Puzzel-Teilchen oder gar gleich komplette Kompositionen hervorbringen. So oder so ähnlich ist auch mancher Song auf „Handgepäck I“ entstanden.

Meist nur mit seiner Stimme, akustischer Gitarre, einem akustischem Bass, Cello, anderen Streichinstrumenten, Percussion, dezentem Schlagzeug, wenigen dezenten Bläsern, Piano, Akkordeon oder Dobro setzt Clueso diese Songs sehr behutsam und geschmackvoll in Szene. Auch wenn einige Songs von der Basis nur mit Gitarre und Mikrofon ins Laptop gespielt wurden, ist „Handgepäck I“ kein Album minderwertiger Soundqualität. Teils ging man noch ins Studio, hat noch Instrumente und Stimmen ergänzt und hat sowieso das ganze Material nochmal sorgfältig gemischt.

„Handgepäck I“ ist aber keine gewöhnliche akustische Singer-Songwriter-Platte, dafür komponiert Clueso zu facettenreich und meist anspruchsvoll. Man kennt seine Talente in Richtungen wie HipHop, Jazz, Soul und Pop. Diese kommen hier ebenfalls zum Tragen und bringen viele wunderbare Songs hervor, die vor allem wegen der zurückhaltenden Instrumentierung und ihrer Reinheit überzeugen. In einigen Songs des Albums finden sich auch mehr oder weniger deutliche Elemente aus Richtungen wie Folk, Blues, Latin und Chanson-Pop

Man hat das Gefühl, Clueso säße mit einigen anderen Musikern in einer heißen Sommernacht irgendwo in einem Haus am geöffneten Fenster oder unten auf der Veranda oder am Lagerfeuer am Strand. Um ihn herum einige wenige Leute, vielleicht Freunde, die aufmerksam seinen Songgeschichten lauschen und sich treiben lassen.

Es gibt solche Aufnahmen und Alben, da spürt man förmlich die Umgebung, die Atmosphäre, Räume, Landschaften. Man meint, im Hintergrund fast das Meer rauschen oder Grillen zirpen zu hören. Man glaubt eine Tür eines alten Hauses knarren zur hören und das Holz der Instrumente riechen zu können. Es gibt Aufnahmen von Ryan Adams, die das vermitteln und auf besagtem „Running On Empty“ von Jackson Browne verhält es sich ähnlich. Den Hörer, den die entsprechende Musik erreicht, möglicherweise sogar fesselt, bringt eine solche Platte sofort aus dem Alltag in eine andere, meist freundliche, persönliche Umgebung. Sie bringt runter, sie entspannt. „Handgepäck I“ ist auch so ein Album. Manchmal vernimmt man auch das wohlige, leise Knistern wie man es beim Hören einer Vinyl-Schallplatte kennt.

“Es gibt Songs, die es nicht so gut vertragen, wenn man sie produktionstechnisch größer macht, weil sie dadurch ihre Magie verlieren.“, erklärt Clueso. Das mag man in diesem Fall sofort unterschreiben, denn es ist auch Magie, die man des Öfteren auf „Handgepäck I“ spürt.

Ein großartiges und großartig klingendes Album.


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.clueso.com

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