Gehört und Gesehen - Be More Kind

12.05.2018Frank Turner

Frank Turner

Be More Kind

Polydor (2018, CD)

Zu Frank Turner fallen vielen Musikhörern und Fans eingängige Folk-Rock-Songs und Folk-Punk-Hymnen im alternativen Singer-Songwriter-Style ein. Meist reduziert auf das Wesentliche: Akustik-Gitarre und Gesang oder in klassischer Rockband-Besetzung. Gegenüber seinem Durchbruchs-Album „Tape Deck Heart“ (2013) und dem 2015er „Positive Songs For Negative People“, zeigt sich Frank Turner auf „Be More Kind“ über weite Strecken von einer anderen Seite. Pop und elektronische Elemente fließen in die neuen Songs ein, so dass ein Klangbild und ein Gesamteindruck entstehen, mit dem der britische Musiker nun bald ein noch größeres und breiteres Publikum erreichen und auch begeistern könnte.

Wer Frank Turner für sich bislang hauptsächlich in der rauen Akustik-Singer-/Songwriter-Folk-Punk-Szene verortet hat und auf diesen Aspekt seiner Musik steht, dürfte von „Be More Kind“ sehr überrascht, womöglich sogar enttäuscht sein. Das Album bietet viele Facetten, die kleinste davon –wenn überhaupt- ist Punk, wie etwa in dem Song „1933“.

Größtenteils offenbart Turner, dass er kompositorisch ein traditionsbewusster Musiker ist, der sich offenbar sowohl von Singer-/Songwritern der 1960er-Jahre als auch vom britischen Post-Punk, Pop, Wave und Rock der Achtziger inspirieren lässt. Mit einem sehr geschickten Händchen für Melodien, Spannungsbögen und Grooves, hat er für „Be More Kind“ 13 teils sehr unterschiedliche Songs geschrieben und aufgenommen.

„Ich habe eine obskure Ecke in meinem Musikgeschmack…“

Sieben Monate hatte sich Frank Turner für sein aktuelles Album Zeit gelassen. Ursprüngliche Pläne der inhaltlichen Ausrichtung wurden im Songwriting-Prozess über den Haufen geworfen, Songs komplett überarbeitet mit dem schließlich neu gesteckten Ziel, ein Rockalbum mit Electronic-Pop-Einflüssen aufzunehmen. „Ich habe eine obskure Ecke in meinem Musikgeschmack, wo ich auf elektronische Musik und Warp Records stehe“, wird der Musiker hierzu in einer Medieninformation zitiert.

Abgesehen von den sehr unterschiedlichen Songs zwischen Folk, Pop, Rock, Wave, Indie, Dance und ein wenig Punk, die trotz ihrer Diversität alle für sich überzeugen und weitestgehend auch gut zur Stimme von Frank Turner passen, ist das Album außergewöhnlich und überdurchschnittlich frisch, kernig, geschmackvoll und originell produziert.

Traditionelle Anleihen mit modernen Sounds und Arrangements

Selbst ein wenig ältere Musikfans, die glauben, früher schon alles einmal gehört zu haben, dürften bei so manchem Song leuchtende Augen bekommen und sofort anfangen, mit dem Kopf oder gleich dem ganzen Oberkörper zu wippen. „Make America Great Again“ ist so ein Beispiel. Mehr Groove geht wohl kaum noch. Wer schon in den Achtzigern gern zu eingängigen Disco-Soul-Pop-Songs die Tanzflächen stürmte, sollte mit „Blackout“ seine wahre Freude haben, für Großarenen- und Stadion-Feierstimmung sollte der Refrain von „Brave Face“ eine gute Steilvorlage liefern.

Im Titelsong geht es zu ganz frühen Wurzeln. Wer sich dort hinsichtlich der Melodieführung in der Strophe an den Sixties-Songwriter-Klassiker „Streets Of London“ erinnert fühlt, braucht sich wohl kaum schräg anschauen zu lassen.

Nun ist Frank Turner aber kein Songschreiber, der sich aus vergangenen Dekaden bewährte Muster zusammenbaut und neu durch eine zeitgemäße Produktionsmaschinerie schickt. Das Besondere an seiner Musik auf „Be More Kind“ ist die vielfältige Traditionalität in einem modernem, strahlendem Klangkostüm.

Freundlichkeit im täglichen Miteinander

Politische und gesellschaftskritische Botschaften mit hoher Aktualität haben einige Songs auf „Be More Kind“ ebenso. Hier positioniert sich Frank Turner ganz eindeutig für soziale Gerechtigkeit, Offenheit und Vielfalt und gegen faschistische Tendenzen, Gewalt, rechte Strömungen, Unterdrückung und Ausgrenzung. Insofern ist „Be More Kind“ auch ein politisches Album, wenn auch nicht mit einer kämpferischen Faust-Hoch-Protest-Haltung, wie man es von vielen aktuellen Punk-Rock-Bands kennt.

Frank Turner setzt auf Freundlichkeit und so kann „Be More Kind“ auch als eine Botschaft verstanden werden, zunächst in kleinen sozialen Einheiten, im täglichen menschlichen Miteinander freundlicher zu sein und allem Schlechten der Welt Positivismus, Entschlossenheit und Liebe entgegenzustellen. Die 13 neuen Songs von Frank Turner vermitteln genau dass, ohne, dass man besonders intensiv auf die Texte hören muss, die aber im CD-Booklet abgedruckt sind.

Ein großartiges Album.


Andreas Haug
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.frankturner.com

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Frank Turner - Positive Songs For Negative People (2015)
Frank Turner - The Third Three Years (2014)
Frank Turner - Tape Deck Heart (2013)
Frank Turner - The First Three Years (2009)
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