Gehört und Gesehen - Integrity Blues

25.04.2018Jimmy Eat World

Jimmy Eat World

Integrity Blues

Exotic Location Recordings/RCA Records (2016, CD)

Jimmy Eat World ist eine dieser Bands, die ihre Fans ein Leben lang begleiten. Sie lieferten den Soundtrack für den ersten Kuss, den ersten Liebeskummer, die Hymne aller Außenseiter, später dann Songs über bittere Trennungen. Was immer auch geschieht, Jimmy Eat World sind dabei. Wie bei guten alten Freunden kann es dann auch mal vorkommen, dass der ein oder andere Fan die Band aus den Augen verliert, sie dann aber zu einem späteren Lebensabschnitt mit dem passenden Song für sich wiederentdeckt. Jimmy Eat World sind mit ihren Fans erwachsen geworden und halten dabei eine enge Fanbase aufrecht, welche sie selbst unter anderem auch für ihren stetigen Erfolg verantwortlich machen.

Zwar ist die Veröffentlichung des neunten Studioalbums „Integrity Blues“ aus dem Jahr 2016 schon eine Weile her. In Hinblick auf die anstehende Hannover-Show im Mai wollten wir es uns allerdings nicht nehmen lassen, die aktuelle Platte, mit der die Band noch immer tourt, zu besprechen.

Neun Alben. „Can you believe it?”, so richtig zu fassen scheint es Sänger und Gitarrist Jim Adkins selbst nicht. Doch die Zeit vergeht schnell, wenn etwas Spaß macht. Und genau darauf hat die Band Jimmy Eat World aus Mesa, Arizona, seit jeher Wert gelegt.

Über zwei Jahrzehnte machen Jim Adkins, Tom Linton, Zach Lind und Rick Burch in unveränderter Konstellation nun schon zusammen Musik. Der Spaß daran ist ihnen dabei zum Glück nie verloren gegangen. Um zu verhindern, dass aus der Vertrautheit und den gewohnten Arbeitsweisen eine festgefahrene Reihe aus wiederholten Abläufen würde, gönnten sich die vier Musiker eine kurze, einjährige Pause.

In dieser Zeit ließen sie Jimmy Eat World einfach mal ruhen, um Neues auszuprobieren und sich an neuen Herausforderungen zu messen. Nur, um anschließend umso hungriger zurückzukehren und am aktuellen neunten Studioalbum „Integrity Blues“ zu arbeiten.

Bevor sie überhaupt mit dem Songwriting dafür begannen, stellten sie sich selbst die Frage: Sollen wir überhaupt noch ein weiteres Album machen und wenn ja, warum?

Statt wie gewohnt ins eigene Studio in Arizona, zog es die Band zu Produzent Justin Meldal-Johnsen nach Los Angeles. Meldel-Johnsen ist für seine abwechslungsreiche Arbeit mit Bands wie Beck, Nine Inch Nails, M83 und Paramore bekannt. Auch bei Jimmy Eat World brachte er frischen Wind herein und sorgte für eine professionelle Außenperspektive.

Bewusste Veränderung

„Wir waren bereit, unsere Standard-Antworten über Bord zu werfen und lieber nach den besten Antworten zu suchen, als uns auf das Bekannte und Bequeme zu verlassen“, erklärt Frontmann Jim Adkins. „Wenn du jünger bist und Musik machst, möchtest du neue Dinge entdecken. Wenn man das aber schon längere Zeit macht, geht es darum, alle Erwartungen und den Komfort außen vor zu lassen und zu schauen, was man alles ohne sie bewerkstelligen kann“.

Während es beim Vorgänger „Damage“ eher um die Probleme an sich ging, ob Beziehungsprobleme oder die Angst, im Leben nichts zu erreichen, beschäftigt sich „Integrity Blues“ eher damit, was hinter diesen Problemen steckt.

Wer von `Integrity Blues` ein `Bleed American 2.0` oder `Clarity 2.0` erwartet, wird enttäuscht sein. Das hat es alles schon einmal gegeben und Jimmy Eat World wären nicht sie selbst, wenn sie ihre alten Erfolge eins zu eins kopieren würden, nur weil es in dieser Form schon einmal geklappt hat. Stattdessen ist ihnen die eigene Weiterentwicklung wichtig. Wer hat schon Spaß daran, genau dasselbe zu machen wie vor 20 Jahren? Sicherlich ist es auch ein Grund, weshalb sich die Band so lange so gut hält und was die Band für viele immer noch attraktiv macht.

Natürlich ist es irgendwie auch verständlich, wenn sich der ein oder andere während des Hörens von „Integrity Blues“ zwischenzeitig wünscht, dass mal mehr aufs Gas getreten wird. Für eine Überraschung sorgt das gefühlvolle „Pass The Baby“, das erst schleichend Fahrt aufnimmt und schließlich vollkommen unerwartet in einem überwältigenden Metalriff mündet.

Punkten kann Album Nummer neun mit „You Are Free“ und “You With Me”. Letzterer Song ist nicht nur tanzbar und eingängig, sondern vor allem thematisch unglaublich reif. Das lyrische Ich spricht die andere Person zu deren eigenen Bedingungen frei.

Fahrt nimmt das Album vor allem mit Songs wie „Get Right“ und „Through“ auf. Ebenso nach vorne geht auch der dynamische Upbeat-Track „Sure And Certain“ - sowohl live als auch in der akustischen Version, wie sie neben den beiden anderen Singles „Get Right” und „Integrity Blues“ auf der im Dezember letzten Jahres erschienenen Acoustic-EP zu hören ist.

Mit einem knackigen Gitarrenriff explodiert „Sure And Certain“ nochmal in der Bridge, bevor es danach mit „It Matters“ ruhiger, aber nicht weniger intensiv weitergeht. „Sure And Certain“ wartet außerdem mit teils scharfzüngigen Lyrics, wie in der Line: “If you keep going on like this, I’ll be one more thing for you to miss” auf. Das Stück handelt davon, mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen und nur darauf fokussiert zu sein, was man möchte und was man erreichen will.

Den eigenen Einsatz kontrollieren

„Wir halten die Erklärungen für Songs immer bewusst offen, damit sich der Hörer seine eigenen Assoziationen bilden kann“, sagt Drummer Zach Lind. „Jemand könnte denken, dass „Sure And Certain“ sein/ihr Staubsaug-Jam ist“, scherzt Jim.

Dramatisch und gleichzeitig minimalistisch entfaltet sich der ruhigere Titel-Song „Integrity Blues“, bei dem Jim Adkins mit einer bewundernswerten Gesangsleistung glänzt, begleitet von orchestralen Tönen. Die Zeile „I’ve got work to do“ unterstreicht die Hauptaussage des Albums. Es geht darum, den eigenen Frieden finden zu wollen, aber dabei ehrlich zu sich selbst zu sein.

„Man hat all diese Ziele, Wünsche und Erwartungen, was an sich ja absolut okay ist“, so Songwriter Jim Adkins. „Aber wenn man den eigenen Frieden davon abhängig macht, ob sich diese Ziele erfüllen, wird man auf kurz oder lang enttäuscht sein“.

Was man kontrollieren könne, sei der eigene Einsatz. Und man könne sein Bestes tun und stolz auf die Qualität des eigenen Einsatzes sein. „Denn alles, was wir alle tatsächlich haben, ist, dass wir uns in einem Prozess des Fortschrittes befinden. Das Hauptthema auf „Integrity Blues“ ist, genau dies zu akzeptieren und die Freiheit, die damit einhergeht“, fasst der Sänger zusammen.

Die Selbstreflexion und Reife der Künstler ist auch auf „Integrity Blues“ sehr präsent. „Es ist definitiv ein Album, das wir nicht hätten machen können, ohne die Gesamtheit unserer Lebenserfahrung“, resümiert der Sänger.

Wie seine Vorgänger ist „Integrity Blues“ ein Album, das Jimmy Eat Word-Fans noch lange in den verschiedensten Lebenssituationen begleiten wird. Ein neuntes Album war also keins zu viel. „Integrity Blues“ ist die Antwort auf die Frage, wer Jimmy Eat World hier und jetzt ist.


Lisa Eimermacher
(9 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.jimmyeatworld.com
www.facebook.com/jimmyeatworld

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