Gehört und Gesehen - A Line To Cross

21.02.2018Ignore The Sign

Ignore The Sign

A Line To Cross

Steamhammer / SPV (2018, CD)

Willkommen in der Zeitmaschine. Bitte nehmen Sie Platz, schnallen Sie sich an und halten sich gut fest! In wenigen Minuten erfolgt ein kurzer und heftiger Rückstoß in die 1980er-Jahre und dann noch weiter zurück in die Siebziger. Suchen Sie sich ruhig einen Sitz in den vorderen Reihen, schalten Sie aber ihr Smartphone aus. Das Abbrennen von Wunderkerzen ist erlaubt, das Werfen von Plüschtieren nicht. Sonnenbrillen erhalten Sie bei Bedarf gegen eine Leihgebühr. Wir akzeptieren auch D-Mark. Sie hören: Rockmusik von der Gruppe Ignore The Sign aus Hannover. Tonträger –mit Ausnahme von Musikkassetten- können Sie nach Ende des Fluges käuflich erwerben. Für ältere Passagiere bestehen keinerlei Einschränkungen.

Es blitzt, kracht und donnert, die Zeitmaschine läuft sofort auf Hochtouren und geht steil. Nebelschwaden lösen sich auf und geben den Blick frei auf Ossy Pfeiffer, Anca Graterol, Lars Lehmann, Steve Mann, Momme Boe und Kristof Hinz, die sich als die „Saviors Of Rock“ vorstellen, eine verwegene Truppe, die einen freundlichen ersten Eindruck hinterlässt. Einverstanden, wir vertrauen Ignore The Sign für die knapp einstündige Reise die musikalische Unterhaltung an. Was steht hier auf dem Programm? Classic Rock? Na gut, kennt man ja. Dazu wird man bestimmt ungestört plaudern, ein Buch lesen oder ein Nickerchen machen können, wenn die Aussicht während des Trips wenig hergeben sollte.

Tritt mir hier etwa jemand in den Hintern?

Aber was drückt da plötzlich in der Magengrube, was kneift mich in den Arm? Tritt mir hier etwa jemand in den Hintern? Die freundlich-verwegenen Gestalten um den Mann mit Vollbart und schwarzen Locken, dessen Augen hinter riesigen, verspiegelten Sonnenbrillengläsern verborgen sind, wollen scheinbar nicht für gefällige Hintergrundmusik sorgen. Jede Ablenkung, wie das Gespräch mit dem Sitznachbarn, die Nahrungsaufnahme oder der Gang zur Bordtoilette hätten ab sofort zu unterbleiben oder seien auf später zu verschieben. Es ginge um handgemachte Rockmusik mit Herz und Leidenschaft und all das verlange die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Passagiere, erklärt das Flugpersonal die Spielregeln.

Okay, sehe und höre ich selbst, hätte man mir gar nicht sagen müssen und selbstverständlich komme ich auch der Aufforderung nach, mich von meinem Sitz zu erheben. Sehr gern sogar, denn Sitzen zu dieser Art von Musik, war schon früher in der Regel nur für den Allerwertesten. Diplomatisch ausgedrückt.

Satte Grooves, harte Riffs, melodischer Gesang, wuchtiger Sound und zwingende, feurig-würzige Gitarrensoli. Ab und zu röhrt eine Orgel im Wechsel mit gefühlvollem Pianospiel und weiterem Keyboard-Zucker. Die Nackenmuskulatur wird locker, die Hände warm, die Aufmerksamkeit immer größer. Ein durchaus wohliges Gefühl stellt sich ein.

Unser Gefährt hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Dekaden überbrückt. Wir sind bestimmt im Jahr 1986 oder sogar schon weiter zurück. 1973? Ich bin mir nicht sicher und schwelge in diffusen Erinnerungen an Bands wie Toto, Van Halen oder Deep Purple, an Filmsoundtracks von 80er-Hollywood Blockbustern mit umwerfend berührenden Pop-Rock-Balladen. Davon dürften sich die Dame und die Herren von Ignore The Sign sicherlich auch inspiriert haben lassen, bevor sie ihre ganz eigenen Kompositionen kreiert haben, die Titel tragen wie „Days Of Thunder“, „A Line To Cross“, „No Way Home“, „Brother“ oder „Silver Wind“. Vieles klingt vertraut, aber auch spannend und in dieser aktuell aufbereiteten Form erfrischend. Schwer beeindruckt bin ich vom handwerklichen Können der Akteure.

Nach der Landung raus an die frische Luft

Einige Phasen der Müdigkeit übermannen mich dann zeitweilig aber doch, was wohl meinem Alter, den früheren, langjährigen Hörgewohnheiten oder dem Umstand geschuldet ist, dass sich das Servicepersonal weigert, mal einen starken Kaffee anzubieten. Eine Stunde kann auch lang sein.

Während Ignore The Sign „Looking In The Sun“ anstimmen, setzt die Zeitmaschine zur Landung an und dann geht alles sehr schnell: Aussteigen und raus an die frische Luft. Wir sind zurück im Februar 2018 und ich bin doch ganz froh, nun wieder im Hier und Jetzt zu sein. Schön war sie aber, die Zeitreise.

Daheim angekommen, werfe ich meinen Rechner an, öffne eine E-Mail, die mir 13 Musikstücke zum Streamen oder zum Download anbietet. Okay, nur ein Klick: „Saviors Of Rock“ , da ist er schon wieder, dieser verflixte Ohrwurm. Andere Bewohner sind nicht im Haus. Ich mache lauter.


Andreas Haug
(7 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.ignorethesign.com
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