Gehört und Gesehen - „Ich vs. Wir“

27.10.2017Kettcar

Kettcar

„Ich vs. Wir“

Grand Hotel van Cleef (2017, CD)

Auf Kettcars Debütalbum gab es einen Song, der aufgrund seiner starken szenischen Beschreibung gleich beim ersten Durchlauf hängen blieb. Was „Balkon gegenüber“ vor 15 Jahren auf „Du und wieviel von deinen Freunden“ war, ist auf dem aktuellen Album „Benzin und Kartoffelchips“. Die Beschreibung einer nächtlichen Fahrt zum Meer. Beteiligt sind vier Männer, die wissen: „Obwohl wie Brüder, nichts wird mehr wie früher.“ Melancholie, Sehnsucht und schlicht auch Verzweiflung. Das sind Themen, die in Kettcars Universum nicht neu sind.

Doch die Zeiten sind härter geworden und Sänger und Texter Marcus Wiebusch älter. Auch ein Song wie im „Im Taxi weinen“ auf dem Debütalbum war schon geprägt vom Zeichen der Aufgabe und Erkenntnis, dass man die Welt eben verdammt nochmal nicht geändert hat und es auch nicht mehr schaffen wird. Dennoch: Wenn Wiebusch den Text mit Anfang 30 sang, hatte er immer noch eine augenzwinkernde Ironie in sich. Heute, mit knapp 50, wären die Tränen echt.

Wiebusch ist einen weiten Weg gegangen seit dem ersten Album seiner Punkband ...but Alive im Jahr 1993. Da sang er noch davon, Unternehmen in die Luft zu sprengen, um die Welt zu verändern. Doch auch damals bereits mit der so wichtigen Einschränkung, dass dabei natürlich niemand verletzt werden soll. Denn eines hatte Wiebusch immer schon: Ein riesengroßes Herz, das für die Menschlichkeit schlägt. Im letzten Song von „Ich vs Wir“ singt er davon, dass er sich von den „verbitterten Idioten nicht verbittern lassen“ will. Das ist ein Thema, das ihn schon immer beschäftigt hat. Anklagen, Finger in Wunden legen, doch bitte „Nicht zynisch werden“, wie bereits das zweite ...but Alive-Album hieß.

Wiebusch zeigt auch auf dem aktuellen Album wieder, was für ein genialer Erzähler er ist. Er schafft mit wenigen Worten eine Atmosphäre, in die sich jeder hineindenken oder -fühlen kann. In den besten Songs wie „Sommer 89“ verknüpft er menschliche Geschichten mit einer politischen Aussage. Der zentrale Song ist aber sicherlich „Wagenburg“. Dort wird auch der Titel des Albums „Ich vs. Wir“ aufgegriffen und das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen einem Individuum und einer gesichtslosen Masse untersucht.

Die Zeile „Liebling, ich bin gegen Deutschland“ in dem Lied „Mannschaftsaufstellung“ könnte so tatsächlich auch noch aus Wiebusch Punktagen stammen. Der Text des Liedes wurde allerdings von Bassist Reimar Bustorff und nicht von Wiebusch geschrieben. Bustorff hatte unter anderem auf dem dritten Album auch schon den wütenden Text zu „Geringfügig, Befristet, Raus“ verfasst.

Es ist ein Spaß, wieder in die von Wiebusch gesungenen Lieder mit den schönen Texten einzutauchen. Die Musik der Band hat sich seit dem Debutalbum allerdings kaum geändert. Es ist eingängiger Indie-Pop, der letztlich wenig Überraschungen bietet. Auf dem Album heißt es: „Wenn man das Radio ausmacht, wird die Scheißmusik auch nicht besser.“

Kettcars Musik ist gut, aber nicht aufdringlich. Sie ordnet sich den im Mittelpunkt stehenden Texten unter. Wenn Kettcar im Radio laufen, wird man das Radio nicht ausmachen. Denn Kettcar sind die gute Seite der Scheißmusik.


Tobias Lehmann
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.kettcar.net
www.ghvc.net

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