Gehört und Gesehen - Dead Reflection

08.07.2017Silverstein

Silverstein

Dead Reflection

Rise Records (2017, CD)

Post-Hardcore oder Postcore steht auf der Visitenkarte der kanadischen Band Silverstein. Da ist man schnell dabei, Eins und Eins zusammenzuzählen und glaubt, ziemlich genau zu wissen und abschätzen zu können, was auf „Dead Reflection“ musikalisch passiert. Wahrscheinlich gibt es fette Gitarrenriffs, mächtige Grooves, Breakdowns, klarer Gesang mit melodischen Ausflügen im Wechsel mit wütendem Geschrei. Im Wesentlichen ist das auch die Basis der Musik von Silverstein. Dass die Kanadier aus der Masse der beinahe unzähligen, oft auch eher durchschnittlichen und vorhersehbaren Genre-Vertreter ihre Köpfe weit nach oben herausstrecken, beweisen sie mit ihren zwölf neuen Songs.

Bereits seit 2000 sind Silverstein aktiv und spielen seitdem in nahezu unveränderter Besetzung zusammen. Lediglich ein Gitarrist wurde in den letzten 17 Jahren ersetzt. Das kann man Nachhaltigkeit nennen und das kommt auch dem neuen Album „Dead Reflection“ zu Gute. Die Band präsentiert sich als sehr gut eingespielte, gewachsene Einheit, deren Spielfreude und Kreativität ungebrochen zu sein scheint.

„Dead Reflection“ wirkt ungeheuer frisch, die Band spielerisch bissig und zwingend, das Songwriting inspiriert. Silverstein verleihen dem vertrauten Post-Hardcore eine sehr eigene Note und hauchen dem von sehr vielen Bands besetzen Genre, das in den letzten Jahren eher durch Wiederholungen bestimmt ist und weniger mit Innovationen glänzt, ein wenig neues Leben ein. Eine Band mit dem gewissen Etwas, das sie von anderen abhebt, auch wenn sie letztlich das Rad auch nicht neu erfindet.

Ihr achtes Album ist facettenreich. Hart, voller Energie und Leidenschaft auf der einen Seite, melodisch auf der anderen. Elemente aus Emo und Metal sind auszumachen, hier und da schielt man auch ganz vorsichtig in Richtung poppigem Punk. Nach einem angenehm knackigen Einstieg, in dem sich die Härte nicht nach Aggressivität anfühlt, entfalten sich bei Songs wie „Aquamarine“ griffige Melodien mit leichtem Pop-Appeal. Wenn Silverstein melodisch agieren, bringen sie ebenso ihre eigene Note in die Songs und überschütten diese nicht mit austauschbar wirkendem Pop-Hardcore-Punk-Hymnen- Zuckerguss aus der übergroßen Industriepackung.

Nicht selten braucht die Band nur maximal 90 Sekunden, um innerhalb eines Songs so viel auszudrücken und den Hörer zu fesseln, wie es anderswo sonst die doppelte Zeit braucht oder zuvor schon die Aufmerksamkeit verloren gegangen ist. Auch als Viel-Musik-Hörer fällt es schwer, aus den Songs vorzeitig auszusteigen, so spannend und zuweilen mitreißend gehen Silverstein zu Werke. Balladeske Momente wie in „Mirror Box“ stehen der Band ebenso, in „Cut And Run“ dagegen ist es mit „Ohoho“-Chören im dann doch Hymnen-Refrain ein wenig zu viel des Guten.

Es mag einer Absicht geschuldet sein, die Produktion möglichst fett und einem größeren Markt opportun aufzuziehen, was in einem Gegenverhältnis zu den Konzertplänen der Band für dieses Jahr steht, in dem man bevorzugt kleine, alternative Clubs spielen möchte. Dort dürfte es dann voraussichtlich deutlich ungeschliffener und raubeiniger zur Sache gehen.

Inwieweit und in welchem Umfang Songs von „Dead Refelection“ auf der kommenden Herbsttournee von Silverstein zu hören sein werden, muss abgewartet. Die Konzertreise steht unter dem Motto „For The Fans Tour“, auf der es möglich sein soll, dass Anhänger der Band die Setlist per Wahl stark beeinflussen können.

Sollten es viele Songs des neuen Albums auf den Programmzettel von Silverstein schaffen, wäre das bestimmt keine schlechte Idee, eigentlich sogar ein Muss, bei dieser überzeugenden Vorstellung.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.silversteinmusic.com
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