Gehört und Gesehen - Pharmacie

26.08.2016Apologies, I Have None

Apologies, I Have None

Pharmacie

Uncle M Music (2016)

In den letzten neun Jahren seit ihrer Bandgründung konnten die Briten von Apologies, I Have None schon zahlreiche Achtungserfolge erzielen. Bislang war die Band, die auf Wikipedia noch im Genre „Punkrock“ geführt wird, in bestimmten alternativen Szenen eine Art Geheimtipp. Das könnte sich mit dem zweiten Album „Pharmacie“ ändern. Nach zwei Besetzungswechseln bewegen sich Apologies, I Have None mit der neuen Platte im Spannungsfeld zwischen Post-Hardcore, Emo, Post-Rock, Alternative, Progressive-Rock und New-Wave-Pop britischer Prägung.

Von Punkrock ist auf „Pharmacie“ kaum eine Spur mehr zu entdecken. Zwei Jahre haben Apologies, I Have None an diesem inhaltlich dunklen bis düsteren Werk gearbeitet, dessen thematischer Mittelpunkt das Leben und Leiden mit Depressionen ist.

Sänger und Gitarrist Josh McKenzie setzt sich mit der Thematik auf sehr direkte und ungeschminkte Weise auseinander. Viele Texte der Songs sind geprägt von Wut und Verzweiflung, mit der Krankheit Depressionen zu leben respektive zu existieren. Mit sich selbst und der Umwelt. Oft schwingt Hoffnungslosigkeit mit. Dem Hörer, dem manche Qualen, Ängste und Hemmnisse schonungslos offengelegt werden, offenbart sich ein verzweifelter Kampf des Protagonisten, Dämonen und Dunkelheit zu besiegen und doch noch Auswege zu finden, ein besseres Leben zu führen. Medikamente, regelmäßig verabreicht, können die Beschwerden offenbar nur vorübergehend lindern.

Vor diesem Hintergrund haben Apologies, I Have None zehn sehr starke Songs geschrieben, die rein musikalisch mit fesselnden Kompositionen, packenden Harmonien und Melodien mitreißen, dunkle Momente verdeutlichen, dann aber wiederum durch ihre Härte, Kraft und zuweilen Wucht Mut und Zuversicht vermitteln, den Kampf gegen das innere Böse aufzunehmen, frei nach dem Motto: Das Glück ist mit den Tapferen, mit denen, die den Mut haben, erst alles rauslassen, was sie bedrückt und quält, um dann irgendwoher die Energie zu finden, das Ruder herumzureißen. Die kraftvoll, intensiv und leidenschaftlich gespielten Songs haben genau diese Energie und auch sonnigen Momente und sind gefühlt dann auch entfernt von jeglicher Resignation.

Kreative Schöpfungskraft und besondere Songs entstehen bei vielen Künstlern oft im Ursprung aus traurigen und ausweglos erscheinenden Situationen. Das Licht am Ende des zunächst nicht enden wollenden Tunnel ist dann nicht selten die Initialzündung zu herausragenden Songs, die Songwriter nur alle paar Jahre –wenn überhaupt- in der Lage sind zu realisieren. Das dies bei den Songs von „Pharmacie“ so gewesen sein könnte, dieser Eindruck drängt sich auf.

Apologies, I Have None haben mit diesem Album möglicherweise ein beinahe epochales Werk Musik geschaffen, für sich selbst künstlerisch wohl den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Bemerkenswert, dass dieses Album keine Nischenmusik für Underground-Szenen liefert, sondern ein sehr breites Publikum ansprechen dürfte, das grundsätzlich phasenweise dunkle, kraftvolle, kompositorisch feinfühlig in Szene gesetzte und besonders emotionale Musik mag.

Dabei dürfte es zweitrangig sein, ob man als Musikfan eher aus der jüngeren „Irgendwas-mit-Post-oder-Core- geht- immer“-Szene oder aus der Ecke Steven Wilson, Radiohead oder anderen schillernden Künstlern der anspruchsvollen alternativ-progressiven Richtung kommt.

„Pharmacie“ wirkt auch nach mehrmaligem Hören wie ein Album, das Maßstäbe setzt, das noch in zehn, zwanzig oder mehr Jahren als eines der „wichtigsten“ Veröffentlichungen eines Genres geführt werden könnte. Große Bands haben ihre großen Klassiker-Alben, die, die in Jahrzehnt-Polls von Musikmagazinen gern gelistet sind. Apologies, I Have None zählen faktisch noch nicht zu den großen Bands, mit „Pharmacie“ ist ihnen dagegen -zumindest künstlerisch- ein sehr großes Album gelungen!


Andreas Haug
(10 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.apologiesihavenone.co.uk

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Apologies, I Have None - Everything Black (2014)
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