Gehört und Gesehen - Barfuss

10.07.2015Therapiezentrum

Therapiezentrum

Barfuss

Timezone Records (2015)

Seit der Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Herz.Rhythmus.Störung“ im Frühjahr 2014 operiert die Osnabrücker Band Therapiezentrum offensichtlich mit einem deutlich erhöhten Adrenalinspiegel. Mit „Barfuss“ legt man jetzt schon das dritte Album vor, stark motiviert und voller Tatendrang. Die leicht unentschlossene und diffus wirkende Stilbezeichnung Power-Pop ist hier wohl nicht mehr zutreffend. „Barfuss“ ist ein kraftvolles, teils wuchtiges deutschsprachiges Rockalbum geworden. Mit Stärken und mit Schwächen.

Für Rockfans, die es gern hart, frisch, knallig und temporeich mögen, offenbart gleich der Opener und zugleich Titeltrack eine Art musikalische Explosion. „Barfuss“ prescht extrem packend, frech, rotzig und laut nach vorn, dass es schwer fällt, diesen Song im Sitzen zu hören. Mit erhöhtem Blutdruck gesteigerter Neugier und vielleicht auch schon Schweiß auf der Stirn, wird der Rockfan mit dem folgenden Track „1000 Mal so stark“ schnell wieder ausgebremst: Ein gefühlvoller, poppiger, balladesker Song mit leicht angerocktem Refrain. Man darf sich überrascht fühlen und weiß noch nicht, wohin die Reise mit dieser Platte geht.

Die Reise gleicht zeitweilig einer Achterbahnfahrt mit Rücken-und Gegenwind. Vollgasrock hier, ausgeklügelte, oft beeindruckend voluminös aufbereitete Pop-Rock-Kompositionen da, Ohrwurmmelodien auf der einen Seite, ein wenig sperrige und -in Ausnahmen- leicht überladen wirkende Songs auf der anderen Seite.

Therapiezentrum trauen sich was, schielen nicht verlegen nach Trends um sich irgendwo anzubiedern, sondern schaffen –zufällig oder bewusst- ihren ganz eigenen Sound-und Stilmix. Das kann man sich - ein wenig Phantasie vorausgesetzt- so ähnlich vorstellen, als wenn man Elemente der Musik von etwa Juli, Silbermond, Luxuslärm, Queen, Jennifer Rostock, Die Happy und vielleicht noch den Guano Apes in eine Art Songwriting- und Produktionscloud schicken würde, zu dieser fiktiven Melange noch eine Prise eines im Handel nicht verfügbaren Zauberpulvers dazugeben würde, um das Ganze dann als Therapiezentrum wieder herunterzuladen.

Die Band geht auf „Barfuss“ mit einer Extraportion Energie und Leidenschaft zu Werke, auch balladeske Pop-Rock-Ohrwürmer wie „Sophie“ bekommen schon in der Strophe mit riffigen Wah-Wah-Gitarren einen rockigen Anstrich. Einen solchen Song hätten andere Bands womöglich ein wenig dezenter arrangiert, bei Therapiezentrum gilt aber auch hier die Devise: Alles etwas härter, knackiger, lauter und voller, gerne auch mal mit etwas mehr Gitarre, was Fans von Rockgitarren freuen dürfte.

Manchmal ist es zu viel des Guten, in wenigen kritischen Momenten knallen die Instrumente den Gesang fast an die Wand oder überwürzen sich selbst. Die Band bietet auf dem Album zahlreiche herausragende Songs für ein großes, Generationen übergreifendes Publikum abseits der Spartenhörerschaft, leistet sich aber auch ein bisschen Überfluss. Es mag am erhöhten Adrenalinspiegel liegen, aber braucht man den nicht auch für diese Musik?


Andreas Haug
(7 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.tzmusik.de

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Therapiezentrum - Herz.Rhythmus.Störung (2014)
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