Gehört und Gesehen - Pressefreiheit

27.02.2015Nikonomic

Nikonomic

Pressefreiheit

TimeZone (2015, CD)

Als Referenz für das Album "Pressefreiheit" müsste man eigentlich nur die Texte abdrucken. Dann kann jeder entscheiden, ob er sich auch die Musik dazu kauft. Denn natürlich wirken die Texte im musikalischen Kontext noch besser, aber auch alleine stehen sie schon für sich. Wer über dieses Album spricht, muss über die Texte sprechen.

Dass Sänger Nico texten kann, hat er bereits auf die Album „Schlechter Geschmack“ der Hip-Hop-Band Harter Fall bewiesen. Als Solokünstler legt er textlich noch einmal eine Schippe drauf und erweitert gleichzeitig seinen musikalischen Stil. In einigen der zwölf Lieder bleibt er dem Sprechgesang treu, in anderen singt er zurückhaltend. Die Stimme dient hierbei nicht als weiteres Instrument, sondern als diejenige, die die Texte transportiert. Nico ist ein wacher Geist, der Finger in Wunden legt, aber niemals einseitige Beschuldigungen ausspricht. Er ruft mit Nachdruck dazu auf, nicht wieder in die selbst verschuldete Unmündigkeit, wie Kant es damals formulierte, zurückzufallen. „Wissen ist nicht Wahrheit, sondern Kontext der Zeit“, heißt es in einem Lied, in dem er unter anderem darauf hinweist, dass es auch mal als Wahrheit galt, dass die Erde eine Scheibe ist.

Immer wieder fordert Nico mit Nachdruck, alles zu hinterfragen, nichts einfach hinzunehmen. „In diesem Land ist nicht wichtig, was wer sondern wer was sagt“, singt er in dem Song „Erfolg“. Im Titelstück „Pressefreiheit“ stellt Nico eben gerade diese Freiheit in Frage und weist auch auf ihre Manipulierbarkeit hin. „Auch wenn hier und da jemand die Quelle vermisst, kann man doch drucken, was man will, wenn man selbst die Quelle ist.“

Nico ist weder ein aggressiver Punk mit einem Aufruf zur Revolution, noch ein weltfremder Prediger, der lediglich von einer besseren Welt träumt. Er wählt eher den Weg eines musikalischen Kaberettisten, der kritisch auf Missstände hinweist, aber seinen Witz dabei nicht verliert. Das zeigt unter anderem das wirklich amüsante Stück Liedermacher. Es ließen sich noch viele Zeilen nennen, die man alle auf T-Shirts drucken könnte. Zum Beispiel: „Sie wirft mir Stücke in den Mund und ich will immer mehr, sie wirft mir Stücke in den Abgrund und ich spring hinterher“, aus dem Lied „Die Hand, die dich füttert.“

Doch auch die Musik soll nicht unerwähnt bleiben. Es ist eine vielfältige Mischung aus Singer/Songwriter, gelegentlichen Rap-Parts, wie auch Indie-Pop. Genau die richtige Mischung für ein Album auf dem die Texte im Vordergrund stehen. Die Gitarre spielt sanfte Melodien zum Zuhören, nicht um damit Revolutionen zu starten. Man kann die Lieder aber hören, um vielleicht an einem lauen Sommerabend in kleiner Gruppe an einem einsamen Stand die ein oder andere kleine Revolution zu planen. Nichts, was mit Gewalt zu tun hat. Eher mit dem Aufbrechen von viel zu fest verankerten Gedankenkrusten. Auch dazu ist Musik geeignet. Und Nico arbeitet sich gerade an die Spitze dieser sanften Weltverbesserer vor, deren Stimme sonst oft nicht gehört wird, weil sie einfach zu leise sind. Doch mit der passenden Musik können sie sich vielleicht dennoch Gehör verschaffen.


Tobias Lehmann
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.facebook.com/Nikonomic-Hitman
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite