Gehört und Gesehen - Venus Luzifer

05.12.2014Unzucht

Unzucht

Venus Luzifer

NoCut / SPV (2014, CD)

Melodischer Dark/Gothic/Alternative-Rock, hier und da kräftig mit Metal angewürzt, aussagekräftige deutsche Texte mit Hintersinn, das ist in der Summe das dritte Album der hannoverschen Band Unzucht, der man schon mal nachsagt, so etwas wie einen eigenen Stil im Bereich der modernen Härte in Deutschlands Musiklandschaft gefunden zu haben. Eines kann man vorweg nehmen: Unzucht haben Türen und Tore weit für ein breiteres Publikum, das immer dann, wenn es sich in der Sicherheit von schönen Melodien wähnt, urplötzlich sehr viel Wucht und Härte zu spüren bekommt.

Unzucht präsentieren sich auf „Venus Luzifer“ als weiter gereifte Band, die den Bogen heraus hat, ein größeres Publikum für sich zu begeistern oder gar zu fesseln. Man muss gar nicht in Stilrichtungen wie Dark-Rock, Gothic, Metal oder Neue Deutsche Härte mit Elektronik unterwegs sein, um zu dieser Platte Zugang zu bekommen.

Es dürfte zwar sehr sicher sein, dass Fans der genannten Richtungen, schnell mit Unzucht und ihrem dritten Album warm werden, die Songs dürften aber noch mehr als zuvor Hörer ansprechen, die auf kraftvollen, dick aufgetragenen, breitwandigen Rock mit Melodien stehen, die durchaus auch mal poppig sein können, ins Ohr gehen und nicht unbedingt einer bestimmten Szene zuzuordnen sind.

Elf Songs hat die Band um Der Schulz (Gesang), De Clerq (Gitarre), Alex Blaschke (Bass) und Toby Fuhrmann (Schlagzeug) auf die neue Platte gebracht und es mag sich schon beim Opener „Wir sind das Feuer“ das Gefühl einstellen, dass Unzucht dabei sind, kurz-oder mittelfristig den Schritt aus kleineren Clubs oder aus support-Nominierungen prominenterer Bands heraus erfolgreich gehen könnten.

Es ist nicht der einzige Song auf dem Album, der so klar strukturiert und schlüssig komponiert wie kompakt in Szene gesetzt wurde, dass man vor dem geistigen Auge Hunderte oder Tausende in Hallen den wuchtigen Refrain armeschwenkend oder die Fäuste reckend im Chor singen sieht. „Es ist die Zeit, die Zeit sich zu erheben“, singt Der Schulz in diesem Refrain und lanciert damit einen seiner Schwerpunkt-Themenansätze, die ihn nicht erst seit der Gründung von Unzucht im Jahr 2009 begleiten.

Es geht dem Sänger und Frontmann in seinen Songs oft darum Stellung zu beziehen, sich zu positionieren, Protest zu artikulieren, sich gegen politische und soziale Ungerechtigkeiten zu wehren und Dinge beim Namen zu nennen und das am besten gegenüber oder in einer großen Gemeinschaft. In der Gemeinschaft ist man bekanntlich oft stark oder man wähnt sich als „das Feuer“, das bei Unzucht nicht nur zu brennen scheint, vielmehr lodern die Flammen heftig empor.

„Mein Grab“ der letzte Song des Albums ist eine packende Ballade, auch wegen der eingängigen Melodie mehr berührend als kitschig. Auch hier mag sich die Band dem kritischen Betrachter so erschließen, als würde sie durchaus auf eine breitere kommerzielle Ausrichtung setzen. Das ist keine Musik für kleine Szenen sondern Rock für die großen oder ganz großen Bühnen.

Unzucht begeben sich nicht in Gefahr, in auf Härte getrimmten, beliebigen Pop-Rock-Hymnen mit Tendenz zum Schlagerhaften zu ertrinken, passen sich nicht vordergründig Marktgegebenheiten an. Wenn die Band sehr melodisch wird, dann wirkt das nach kompositorischer Inspiration und nicht nach Kalkül.

Was Unzucht dann von stilistisch ähnlichen Bands unterscheidet ist dann auch, dass sie urplötzlich für einige Takte sehr sicher und gekonnt wütenden bis exzessiven Thrash-Metal durch einen Song prügeln, der sich dann aber auch schnell in melodischem Wohlgefallen auflösen kann. Was auf der Platte in puncto „fette Gitarren“ und brillant-breiten wie tiefen „Wucht-Sounds“ aufgefahren wird, ist darüber hinaus sehr bemerkenswert.

Vielleicht ist „Venus Luzifer“ bis dato das frischeste, kraftvollste, intensivste, abwechslungsreichste und ausgereifteste Album der Hannoveraner. Der Grat ist oft sehr schmal, den es zu beschreiten gilt, im Umfeld von Vertrautem hervorzustechen, sich nicht anzubiedern, aber auch niemandem zu heftig vor den Kopf zu stoßen. Unzucht bewegen sich hier mit einem guten Händchen und klarem Blick sehr sicher und selbstbewusst.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.unzucht-music.com

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