Gehört und Gesehen - The Turn

05.12.2014Live

Live

The Turn

Think Loud Recordings / H´ART (2014, CD)

Die US-Alternative-Rockband Live meldet sich nach längerer Pause und mit ihrem neuen Sänger Chris Shinn ziemlich eindrucksvoll im Musikgeschäft zurück. Unter Fans der Mitte der Neunziger sehr populären und erfolgreichen Band, könnte es zwar durchaus Diskussionen geben, ob ein Ausnahmevokalist wie der vorherige, langjährige Sänger Ed Kowalkczyk zu ersetzen ist. Mit Kowalczyk landeten Live zweifellos einige Hits und brachten ausgezeichnete Erfolgsalben heraus, andererseits könnten Live mit „The Turn“ viele neue Hörer für sich gewinnen, die die Band mit dieser Platte erstmals wahrnehmen und für sich entdecken.

Elf neue Songs legen die Alternative-Rocker hier vor, die über weite Strecken vor Energie und Leidenschaft nur so strotzen und so manch packende Hookline hervorbringen. Es ging auch in der Vergangenheit bei Live um große Melodien über einem druckvoll rockenden Fundament aus Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Instrumentell und vom Songwriting hörbar in den Neunzigern verwurzelt, haucht die Band mit „The Turn“ ihrem zum Teil auf Größe und Weite ausgerichteten US-Rock neues Leben und Frische ein. Überzeugendes Songwriting, ausgeklügelte Arrangements mit in manchen Strophen eigentlich schon progressiv angehauchten Grooves und Riffs außerhalb von Standards.

Songs wie „Natural Born Killers“ reißen mit Ohrwurmrefrains mit, die auf den Punkt kommen und wohl kaum einen Rockfan kalt lassen dürften. Auch die nicht, die vor der ersten Entwicklungs- und Blütezeit des Alternative-Rock rockmusikalisch sozialisiert wurden.

Sänger Chris Shinn, der bei Live auch zur Gitarre greift, verleiht den Songs mit seiner hohen und klaren Stimme Brillanz. Eine Stimme, die nicht im unteren und tiefen Bereich ins röhrig-Knödelnde verfällt, sondern fast schon ein Alleinstellungsmerkmal im Genre ist. Bei einzelnen Songs, dann, wenn sich Shinn druckvoll und ausdrucksstark in Höhenbereiche schwingt, mag man vom Timbre eine gewisse Nähe zu Freddie Mercury assoziieren. Eine solche Stimmfarbe in der Verbindung zu US-amerikanischem Alternative-Rock ist alles andere als alltäglich und macht die Band insgesamt spannend.

Live schlagen mit „The Turn“ eine Brücke von der Tradition der „fetten“ US-Rock-Produktionen hin zu modernen und trickreichen Spielarten des Rock, ohne auf eine besondere Art „szenig“ zu wirken.

Ein Album das aufhorchen lässt und Interesse an einer Band weckt, die in ihrem Backkatalog viele großartige Songs hat, die aber in den letzten Jahren komplett aus dem Fokus geraten ist.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.freaks4live.com

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