Gehört und Gesehen - Unbroken

25.09.2014Thomsen

Thomsen

Unbroken

Artist Station Records / Soulfood (2014, CD)

Es gibt nicht ganz so viele Alben aus der hannoverschen Rockszene über die im Vorfeld so viel gesprochen, geschrieben oder berichtet wurde wie über “Unbroken”, dem zweiten Streich der Metalband Thomsen. Mit der Unterstützung einer ganzen Riege international renommierter Gastmusiker, darunter einigen Meistern der Metalbranche, hat die Band um Gründer und Namensgeber René Thomsen die zwölf neuen Songs realisiert. Das Ergebnis ist größtenteils sehr ansprechend und das nicht nur für Genre-Fans.

Im traditionellen Metal und Power-Metal gehört es augenscheinlich zum guten Ton, neue Werke besonders lautstark und kraftvoll anzupreisen. Namedropping zählt hier scheinbar viel und weckt das Interesse von Musikfans, denen der eigentliche Act bislang möglicherweise noch nicht so vertraut ist. Thomsen konnten sich für „Unbroken“ Gastbeiträge von Musikern wie Udo Dirkschneider, Vinny Appice (Black Sabbath, Dio, Heaven & Hell), Bobby Jarzombek (Halford, Fates Warning, Sebastian Bach, Riot), David Vincent (Morbid Angel), Mathias Don Dieth (U.D.O.), Andre Hilgers (Rage, Sinner) oder Helge Engelke (Fair Warning, Dreamtide) sichern.

Dieses glanzvoll erscheinende Umfeld mag schon vor dem Hören der Platte viele beeindrucken, entscheidend ist dann letztlich doch, was diese Kollaborationen dem Album im Allgemeinen und den Songs im Speziellen gebracht haben. „Unbroken“ dürfte in der großen Masse von deutschen Metal-Veröffentlichungen schon einen Sonderstatus einnehmen und in der Szene auf besondere Weise wahrgenommen werden und das wohl zu Recht.

Ob man nun ausgewiesener Heavy-oder Power-Metal-Fan der alten Schule oder Liebhaber härterem Rock ist, das neue Thomsen Album dürfte kaum jemanden kalt lassen.

Es mag eine imaginäre in schwarzen Lederdress gekleidete und mit reichlich Kettenschmuck aufgebrezelte Frau Holle sein, die an unglaublich dicken, dunklen Wolken so kräftig rüttelt, dass schweres Metal mit allen denkbaren Zutaten zur Erde regnet. So lange, so schnell und so heftig, bis immer wieder gleißendes Sonnenlicht aus dem Himmel bricht.

Viele Songs beeindrucken durch ein ungeheures Tempo, außergewöhnlich biestig drückende Riffs, zum Teil sehr virtuose Umsetzung inklusive filigraner Gitarrensoli, die in Einzelfällen an eine neue Extremsportart erinnern. Da gibt es auch jede Menge Hochgeschwindigkeits- Tappings, Harmonizer- Gitarren, es fliegt auch mal ein Flanger durch die Luft, unten rum ballert die Double-Bass-Drum und obendrüber geizt man nicht mit Chören oder orchestralen Sounds. Viel hilft hier offensichtlich viel. Gesanglich schwingt man sich in großer Bandbreite auch zu vielen Höchstleistungen auf.

Bis auf wenige eher durchschnittlich gelungene Songs im mittleren Teil der Platte, hat eigentlich jeder Track für sich seinen Reiz. Es ist nicht nur die rohe Kraft und Wucht mit der sich das Album zeitweise wie ein Monster vor einem aufbaut, das sich, wie im Intro zum Titeltrack „Unbroken“, mit schweren Schritten bedrohlich nähert.

Es sind einige Finessen im Songwriting und in den mitunter durchaus überaschenden Arrangements, die die Platte neben manchen großartigen wie auch eingängigen Melodien auszeichnet und so auch ein breiteres Rock-und Metalpublikum ansprechen könnte. Stellvertretend sei hier „Dream“ angeführt, das über den wohl schönsten und luftigsten Chorus des gesamten Albums verfügt.

Thomsen entfacht nicht nur in diesem Song ganz großen Budenzauber, große Moment wollen auch bei dem Instrumental-Track „Six Thirteen 64“ mit dem glamourös-gefühlvollen Gitarrenspiel von Matthias Dieth und dem direkt folgenden „We Made It“, einer im Refrain klassischen Rock-Metal-Ballade im Stadionformat entfacht werden. Udo Dirkschneider singt diesen Song mit enormer Tiefe und vor dem geistigen Auge erblickt man Tausende ihre Wunderkerzen schwingen und mitsingen.

Wucht und Pomp treffen auf Härte und große Gefühle. So lässt sich „Unbroken“ zusammenfassen. Manchmal wirkt das etwas übertrieben und überladen, bei einigen künstlichen Keyboard-Streicher-Attacken und Orchester-Getöse fühlt man sich beinahe erschlagen, als habe die Dame aus dem Märchen oben aus den Wolken noch eine Dose klebrigen Sirup nachgekippt, der einen unvermittelt in die Ohren läuft. Viel hilft dann doch nicht immer viel.

Unterm Strich ist die Platte so eine Art musikalischer Godzilla der den Menschen wohlgesonnen erscheint und bei allem Fauchen und Feuerspucken auch mal sein Herz mit einem weichen Kern hervorkehrt.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.thomsen-unbroken.de
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