Gehört und Gesehen - Abgefahr´n

16.05.2014Die Drolls

Die Drolls

Abgefahr´n

Eigenproduktion (2014, CD)

Seit den frühen 1990er-Jahren ist das hannoversche Fun-Punk-Rock-Trio Die Drolls nun schon am Werk. In der Öffentlichkeit hat sich die Band in den letzten Jahren äußerst rar gemacht, mit „Abgefahr´n“ kommt nun nach 2006 wieder ein Album. Ein Album in früher Fun-Punk-Tradition, das so auch vor 25 Jahren hätte herauskommen können.

Das Cover-Artwork mit zerbrochenem, abgerissenem PKW-Außenspiegel vorn und verkohlten Zündkerzen hinten, gibt schon einen deutlichen Hinweis darauf, wie es auf dieser Platte mit den zwölf Songs zur Sache geht.

Trashig, schräg und unerschrocken spielt und bolzt sich die Band durch einen Großteil der Titel, so, als befände man sich noch bei einem Gig um weit nach Mitternacht in einem Jugendzentrum. Die Band davor hat überzogen, das Backstage-Bier ist ausgetrunken, eine Handvoll Leute ist noch da und diese Leute können und wollen noch und warten auf sowas wie die letzte musikalische Vollbedienung.

Mit kleinen Fun-Punk Ohrwürmern wie dem Opener „20 Jahre Drolls“ oder Songs wie „Jetzt ist´s auch egal“ nimmt die Band sich und ihre Karriere selbstironisch auf die Schippe, erinnert sich an gute und kuriose Tage und legt im weiteren Verlauf des Albums gleichzeitig eine „Wir-sind wir-und- wir-machen-was-wir-wollen-und-das-soll-UNS-Spaß-machen“-Haltung an den Tag.

Ob Up-Tempo Fun-Punk, Rock, Balladeskes oder leichte Ausflüge in Richtung Metal: Die Drolls hauen frei von der Leber weg das raus, wonach ihnen ist, thematisieren „die doofe Nachbarin“ in „Meine DNA“ oder rufen im letzten Song die „Chaostage“ von Hannover wieder ins Gedächtnis.

Das alles auf eine Art und Weise, wie Punk oder Fun-Punk in seinen Anfängen des Öfteren mal klang, wie eine Art hochgestreckter Mittelfinger gegen musikalisches, handwerklich gehobenes Establishment oder schlicht als Anti-Kunst mit stellenweise naiv-trivialem Einschlag.

Wer diesen Stil und diese Attitüde nicht versteht, für den dürfte „Abgefahr´n“ nur sehr schwer bis gar nicht verdaulich sein. Wer sich mit den mitunter auch schon mal in Schieflage geratenen Gesängen, sägend-bratzeligen Gitarren und dem zeitweiligen Gerumpel schwertut, was hier wohl alles genauso als bewusst eingesetztes Stilmittel verstanden werden muss, wie das über weite Strecken sehr schlichte, durchsichtige und eckig-kantige Songwriting, wird sich als sensibler Hörer mit niedriger Toleranzschwelle zu dieser Musik womöglich schon provoziert fühlen.

Genre-Fans und Anhänger von Die Drolls werden dagegen möglicherweise einen Höllenspaß haben und in irgendeiner Form abgehen. Eine für die heutige Musiklandschaft alles andere als gewöhnliche Platte einer authentisch wirkenden, gewachsenen Band, die wohl auch in Zukunft jedes Auf und Ab überstehen wird.


Andreas Haug
(5 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.diedrolls.de

Weitere oder ähnliche CD/DVD-Besprechungen:
Die Drolls - Keine heiße Asche einfüllen (2006)
Die Drolls - Möchte jemand n Bonbon? (2001)
Die Drolls - Kennichnich (1998)
© Copyright: Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Weitere Infos + Nutzungsbedingungen im Impressum
Zur Übersicht Zur Startseite