Gehört und Gesehen - Ohne kostet extra

22.06.2013Excrementory Grindfuckers

Excrementory Grindfuckers

Ohne kostet extra

Eigenvertrieb (2013, CD)

Von dem Sticker der „Stiftung Metaltest“ auf dem Frontcover des neuen Albums der Hannoveraner Fun-Metal- und Grindcore-Truppe Excrementory Grindfuckers sollte man sich nicht unbedingt irritieren lassen. „Qualitätsurteil „mangelhaft““ ist dort zu lesen und weiter: „im Test: 24 weitere Kinderhörspiele“

Mit „Ohne kostet extra“ erreichen Excrementory Grindfuckers vielmehr eine neue Ebene ihres langjährigen künstlerischen Unterhaltungskonzepts. Ob es eine höhere oder tiefere Ebene ist, mögen Intimkenner der Band und Genre-Spezialisten beurteilen, dem Rezensenten fällt dagegen auf, dass mit 16 Songs nicht mal die Hälfte der sonst üblichen Track-Anzahl auf einem Grindfuckers-Album Platz findet. Die Musiker lassen sich dieses Mal zum Teil fast zweieinhalb bis knapp drei Minuten Zeit, einen Song zu spielen und schütten über dem Hörer ein Füllhorn musikalischem Ideenreichtum aus.

„Ohne kostet extra“ bringt neben Brachial-Metal auch Ska, Disco, Pop, Schlager, Schlager-Metal, Grindcore und auch mal orientalische Klänge zu Gehör. „Stumpfes Geballer vertreibt Kummer und Sorgen“ heißt es unter anderem im Text zu „Humor von Gestern“. Das mag sein, offenbart sich aber nicht als die Devise dieses Albums und Sorgen muss man sich höchstens um Situationen, Verhältnisse und Charaktere machen, die in so manchem Song auf dieser Platte oft grobschlächtig beobachtet, entwickelt und schließlich völlig abgeschminkt präsentiert werden.

In Songs wie „Schämt euch“, „Philosophotze“ oder „Frei Haus“ unternimmt die zur vordersten Speerspitze der hannoverschen Musik-Subkultur gehörende Gruppe schonungslose Milieustudien und findet dabei auch auf der (moralischen) Müllkippe einiger der heutigen nachhaltig wie einseitig aufgestellten Freizeit-und Konsumaktiven viel Unappetitliches, das dem Hörer brutal-plakativ und auch schonmal in grotesk anmutender Mischung aufbereitet wird.

Dabei geraten Extrementory Grindfuckers eher selten unter die Gürtellinie, sondern agieren souverän und auch phantasievoll in oft noch tieferen oder bislang gänzlich unbekannten Gefilden. Auf diesem Album meist auch melodiöser und kompositorisch schlüssiger, als auf früheren Werken.

Geschmacklos ist das dennoch nicht sondern wirkt eher konsequent ehrlich und auch nachvollziehbar, wenn die Band in „Schämt euch“ eine Gang Komasäufer, die musikalisch vorzugsweise von einer bestimmten Form von Party-Musik begleitet, in exzessiver Manier durch die Gegend zieht: „Wir gehen steil, wir eskalieren, außer unserem Bewusstsein haben wir nix zu verlieren. Das Smartphone raus, klick, alles voll Kotze, morgen auf Facebook sieht dein Chef deine Freunde“, heißt es dort unter anderem im Text.

Was sich im Booklet zuweilen hart und vielleicht auch mal eklig lesen mag, ist in Wirklichkeit oft nur witzig, denn dazu sind die Excrementory Grindfuckers doch zu charmant-witzig unterwegs und ringen den kleinen und großen Freuden, Ärgernissen und Dramen des Alltags sehr viel Leichtigkeit ab.

„Ohne kostet extra“ ist ein Album zum Feiern, Spaß haben, Lachen, Weinen, Schunkeln, Moshen oder einfach nur zum Abschalten. Wie man es will, wie man es braucht.


Andreas Haug
(8 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.grindfuckers.de

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