Gehört und Gesehen - Kopfkino

19.01.2012Goldkint

Goldkint

Kopfkino

Artist Station Records / Soulfood (2011, CD)

Die neue deutsche Welle ist wieder da. Zumindest, wenn man das Goldkint (kein Tippfehler) Debütalbum "Kopfkino" hört.

Die zwei Hannoveraner, die hübsche, singende Jana und der Mensch gewordene Krampf Lübke (stilecht mit riesiger Brille, angeklatschten Haaren und einem Konfirmationsanzug von gefühlt 1950) am Keyboard, dessen einziges Interesse laut der Goldkint-Website "Computer" ist, machen sehr gut hörbaren Elektropop, dessen Darbietung besonders live Augen und Ohren zu schmeicheln vermag.

Die elf musikalisch an Grossstadtgeflüster erinnernden Kompositionen bieten sich je nach Lautstärkepegel zum Tanzen oder entspannt im Hintergrund hören an, ja, laden sogar zum Träumen ein.

Janas Stimme überzeugt, der Mix ist klar und knackig und die Elektrosounds wirken nie überladen, vielleicht manchmal auch etwas zu sanft für meinen Geschmack, aber es passt ins Konzept.

Einen Fehler sollte man beim Hören der CD nicht machen: Näher über einen Großteil der Liedinhalte nachdenken. Ich möchte nicht sagen, dass die Inhalte in sich nicht stimmig wären. Nein, es passt schon alles sehr gut zusammen. In "Mein Prinz" z.B. bedient man sich inhaltlich in Märchen: "Spieglein, Spieglein, an der Wand", "Drachen töten", "küss ich dich wach", "ach wie gut, dass niemand weiß" und so weiter. Alles, was inhaltlich passt wird in ein Lied gepackt. Nach tieferem Sinn sucht man leider meist vergebens. "Mein Prinz" ist da keine Ausnahme.

Die Reime und Metaphern sind kindlich wie in „Fehlfunktion“: "wir winken den Ufos zu oder spielen blinde Kuh, nur ich und du", aber teils auch kindisch in „Lokomotive“: "die Welt ist digital und kugelrund, etwas sentimental und kerngesund", wenn nicht sogar grenzdebil, wie beim "Hammerhai". Da wird auch mal der ein oder andere Kalauer in das Lied eingearbeitet, der Hammerhai beispielsweise legt sich eine Schlinge um den Hals und weiß dann wo der Hammer hängt. Ha, lustig.

Die Entstehungsgeschichte zu "Igel" stell ich mir folgendermaßen vor:
"Hey Lübke, I am free as an eagle."
Lübke: "Frei wie ein Igel?"
Jana:"Geniale Idee, lass uns ein Lied daraus machen."

Trotz der inhaltlichen Kritik macht es viel Spaß die Scheibe zu hören. Ein gut ausgearbeitetes Konzept, sehr poppig, einfach tanzbare Musik mit NDW Charakter. Mit einer Prise Anarchie und ein paar mehr intelligenten Zweideutigkeiten könnten Goldkint zu einer meiner Lieblingsbands werden.

Aber Moment: Da ist ja nirgendwo eine Gitarre, warum also Rockszene? Ich korrigiere, da ist eine. In "Paris". Subtil, aber sie ist da.

Anspieltipps: "Kammerflimmern", "Kopfkino"

Marc-Oliver Schaedel



(7 / 10 Pkt.)

Mehr:
www.goldkint.de
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